
Deutsche Unternehmen sind auch im Jahr 2025 bemüht gewesen, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren. Unter den börsennotierten Konzernen sind immerhin zehn mit ihren derzeitig geplanten Investitionen auf einem Kurs, der den Zielen des Klimaabkommens von Paris entspricht. Allerdings verschlechtert sich die Situation auch in mehr Konzernen, als sie sich verbessert.
Diese Ergebnisse stammen aus dem diesjährigen Whatif-Report des Softwareunternehmens Right Based on Science. Dieses nutzt Daten aus der seit dem Jahr 2024 verpflichtenden Nachhaltigkeitsberichterstattung von Dax-, M-Dax- und S-Dax-Unternehmen. Durch sechs Umrechnungsschritte erlaubt seine Methodik, sowohl das Ausgangsniveau der Emissionen als auch selbst gesetzte Ziele und den aktuellen Reduktionskurs in die Einheit Grad Celsius umzurechnen. Dadurch werden absolute Werte in Relation zur Wertschöpfung gesetzt und für alle Unternehmen vergleichbar.
Von den 160 Unternehmen der Dax-Familie haben 71 Daten geliefert. Unter Banken und Versicherern sei die Datenqualität nicht ausreichend gewesen, teilt Right mit. Eine Analyse der Wirtschaftsprüfer von Deloitte und des Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee vom Juli hatte sogar 151 Unternehmen erfasst, den Schwerpunkt aber auf die Berichterstattungspraxis und nicht die ermittelten Emissionswerte gelegt.
Wirtschaftliche Entwicklung lastet auf Unternehmen
„Die Geschwindigkeit hat abgenommen“, sagt Hannah Helmke, Ko-Geschäftsführerin von Right und Autorin der Studie. „Das hat auch mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun. Sie macht es schwieriger, in die Dekarbonisierung zu investieren.“ 25 Unternehmen wiesen in diesem Jahr schlechtere Werte auf als im Vorjahr, 19 verbesserten sich. Vier Unternehmen, die zuvor noch darunterlagen, sind über die Zielmarke einer Erwärmung von 1,7 Grad gerutscht. Dazu zählen der Geschmacksstoffhersteller Symrise und der Autoproduzent Porsche.
Die Ambitionen sind nicht geschwunden. Betrachtet man den Wert, bei dem die Hälfte darunter- und die andere Hälfte darüberliegt (Median), ergäbe sich ein Kurs von 1,8 Grad, wenn die bisherigen Anstrengungen fortgesetzt würden. Im Vorjahr hatte dieser Wert bei 2,2 Grad gelegen. Allerdings fallen im Vergleich zum Durchschnitt beim Median die Ausreißer nach oben aus dem Blickfeld. Hier waren der Mobilitätsausrüster Knorr-Bremse mit einem Anstieg von 4,3 auf 6 Grad und der Agrarchemiekonzern Bayer mit einem Anstieg von 6,6 auf 7,5 Grad auffällig. Diesen erklärt Helmke mit einem Effekt durch einmalige Ausgaben und ein schwaches Ergebnis im Berichtsjahr.
Der Leverkusener Konzern selbst betont, seine Anstrengungen aufrechtzuerhalten. „Bayer hat seine absoluten Emissionen im Vergleich zum Basisjahr 2019 kontinuierlich reduziert und liegt auf dem Zielpfad seiner Emissionsziele“, sagte ein Sprecher der F.A.Z. Der eigene Transitions- und Transformationsplan sei durch die internationale Initiative Science Based Targets Initiative validiert worden und führe demnach dazu, dass der Konzern bis zum Jahr 2050 klimaneutral wirtschafte. Nachhaltigkeits-Ratingagenturen hätten Bayer Bestnoten gegeben.
Es stechen keine einzelnen Branchen heraus
Unter den Paris-konformen Unternehmen findet sich ein bunter Strauß unterschiedlicher Geschäftsmodelle. Sie stammen aus der Energiebranche, aus dem Maschinenbau und dem Tourismus. An der Spitze der 40 größten deutschen Konzerne steht der Maschinenbauer Gea, das einzige Unternehmen im Dax, das sich den strengen Regeln der Initiative „Say on Climate“ unterzogen hat und auf einen rechnerischen Klimakurs von 0,8 Grad kommt. Im M-Dax weist die Essenslieferplattform Delivery Hero den besten Wert aus. Und im S-Dax steht mit Alzchem ein Chemieunternehmen, das schon frühzeitig auf fossilfreie Prozesse gesetzt hat.
Von diesem Ausreißer abgesehen, verschlechtern sich die Werte in der Chemieindustrie, was mit dem Geschäftserfolg zusammenhängt. Die Branche hatte sich sehr offensiv in der Debatte über eine Reform des europäischen Emissionshandels eingebracht – dem zentralen Klimaschutzinstrument in der EU, das mithilfe von Mengenlimits, eines CO₂-Preises und langfristiger Rechtssicherheit einen Anreiz setzt, in emissionssparende Technik zu investieren.
Auch wenn sich der errechnete Klimaschutzkurs von 3,8 auf 4,1 Grad verschlechtert hat, betont der Chemiekonzern, in wirtschaftlich und geopolitisch herausforderndem Umfeld am Schwerpunkt nachhaltige Transformation festzuhalten. „Die schwache Industriekonjunktur und geringere Auslastungen haben nicht nur die finanzielle Entwicklung vieler Industrieunternehmen beeinflusst, sondern wirken sich auch auf Kennzahlen aus, die Emissionen und wirtschaftliche Leistung miteinander in Beziehung setzen“, sagt Nachhaltigkeitsleiter Ralf Düssel. Das verstelle den Blick darauf, dass Evonik Emissionen in der eigenen Produktion (Scope 1) und im Energieverbrauch (Scope 2) seit dem Jahr 2021 um 30 Prozent reduziert habe. In der Lieferkette (Scope 3) ging der Ausstoß um 17 Prozent zurück.
Kein genereller Abschied vom Klimaschutz
Spitzenreiter Gea hat seinen Erfolg erreicht, obwohl das selbst gesetzte Ziel nur bei 2,5 Grad liegt. „Vergangenes Jahr konnten wir wichtige Zwischenziele bereits ein Jahr vor Plan erreichen. In dem Tempo wollen wir weitermachen“, sagt Nadine Sterley, Chief People & Sustainability Officer von Gea. Die Klimastrategie setze darauf, die Energie- und Ressourceneffizienz der Maschinen zu steigern, sodass die Kunden dadurch Kosten sparten. „Damit verbinden wir wirtschaftlichen Erfolg mit Nachhaltigkeit.“
Spuren der international geringeren Aufmerksamkeit für den Klimaschutz ließen sich erkennen, sagt Christian Klein, Professor für Sustainable Finance der Universität Kassel. „Einen generellen Abschied von Klimazielen sehe ich aber nicht, auch international nicht“, sagt er. Öl- und Gasunternehmen bewegten sich in die Gegenrichtung, auch die Finanzbranche in den USA. Die Zahl der Unternehmen mit wissenschaftsbasierten Zielen aber wachse weiter. „Was ich sehe, ist etwas anderes: Die Ziele bleiben stehen, aber das Tempo lässt nach“, sagt Klein. 37 von 65 Unternehmen der Right-Studie mit einem eigenen Ziel liegen hinter ihrer Vorgabe.
Die finanziellen Spielräume würden enger, Klimaschutz-Investitionen würden verschoben. Studienautorin Helmke betont, es führe nicht zwingend zu einem besseren Kurs, nach außen die Bereitschaft zu signalisieren. „Es macht keinen Unterschied, ob man ein Paris-konformes Ziel hat oder nicht“, sagt sie. Gleichzeitig sehen Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, dass sich Unternehmen der Verantwortung auch nicht entziehen können. „Selbst bei Dax-Unternehmen können wir heute noch Transparenzmängel bei Klimazielen erkennen“, sagt Patrick Velte, Professor für Betriebswirtschaftslehre der Universität Lüneburg.
Beide Forscher beklagen, dass Transparenz und Qualität der Daten zu wünschen übrig ließen. Deutschland hat die Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD) noch nicht in deutsches Recht umgesetzt. „Ich bin als Forscher, der die externen Stakeholder vertritt, weiterhin unzufrieden mit der Qualität der Berichterstattung“, kritisiert Velte. Kapitalmärkte, Nichtregierungsorganisationen und Forscher seien auf Transparenz angewiesen, sagt Christian Klein: „Für solche Analysen brauchen wir verlässliche Zeitreihen, und wenn die brechen, können wir die Bemühungen der Unternehmen kaum noch beurteilen.“
