Es ist nicht das erste Mal, dass Isabel Allende übers eigene Schreiben spricht. Der nun erschienene Band „Unsere Geschichten“ ist aber niemand Geringerem gewidmet als „den Geschichtenerzählern von früher, von heute und morgen“. Das kollektive „wir“ soll ermutigen: Jeder kann schreiben. Das ist leicht gesagt aus dem Mund einer Schriftstellerin, deren Bücher seit mehr als vierzig Jahren weltweit Bestsellerstatus haben.

Die Vermutung einer seichten Weisheit aus dem Leben einer betagten, aber unverändert produktiven Autorin wird aber dennoch nicht eingelöst. Dabei ließ das Inhaltsverzeichnis („Vom Zauber des Erzählens“, „Samenkörner im Bauch“, „Neugier hat noch keiner Katze geschadet“ bis zu „Ein Dorf in meinem Kopf“) kaum etwas anderes erwarten. Auch bei der Farbwahl des Schutzumschlages (goldener Strahlenkreis auf violettem Hintergrund) setzten die Gestalter wohl ganz auf das Magische im Realismus. Das kann zwei Ursachen haben, und beide werden in diesem Buch deutlich.
Die erste Ursache liegt auf der Hand. Auch wenn Wolfram Schütte in der „Frankfurter Rundschau“ den 1982 erschienenen Debütroman „Das Geisterhaus“ als „Roman einer Frau, aber kein Frauenroman“ beschrieb, finden sich in den internationalen Ausgaben dieser Autorin nur wenige Bücher, die nicht im Stil von Frauenroman-Taschenbuchbelletristik gestaltet wurden. Schwer also, gegen diesen Stempel anzukommen.
Was bei der Übersetzung verloren geht
Die zweite Ursache ist komplexer, aber das ist Teil der Sache. Von der „Alchemie des Erzählens“ zu sprechen, das klingt im Deutschen tatsächlich beinahe nach Astrologie. Das Spanische hat aber eigene Toleranzen, und die spanische Sprache, das wird auch in diesem Buch deutlich, bleibt ein wesentlicher Schlüssel zu Allendes Werk. Der Originaltitel „La palabra mágica“, auf Deutsch „Das magische Wort“, wurde mit „Unsere Geschichten“ um einiges abgeschwächt, man könnte sagen: eingedeutscht. Er klingt beinahe langweilig. Doch die in der Literatur oft hochgehaltene Nüchternheit ist nicht Teil von Allendes Poetik. Das Schreiben einer Geschichte, sagt sie, sei ein mysteriöser, organischer und intuitiver Prozess. „In allen Kulturen klammert sich die Mehrheit der Menschen an Aberglauben“, schreibt Allende.
In ihren Erzählungen wird daneben aber auch ein sehr akribisch arbeitender und bekanntlich am Journalismus geschulter Geist sichtbar. Die wirklich interessanten Passagen des Buchs sind deshalb jene, in denen Allende ihre ausführliche Recherchearbeit und den Umgang mit sprachlichen Feinheiten schildert oder Einblick in ihre Arbeitsbibliothek gibt. „Einzelheiten sind unerlässlich“, schreibt sie und führt hierfür „Die Insel unter dem Meer“ (auf Deutsch 2011) an, in dem sie über den Sklavenaufstand in Haiti schrieb. Ihr jüngster Roman, „Mein Name ist Emilia del Valle“, erzählte von den Wirren des chilenischen Bürgerkrieges im neunzehnten Jahrhundert. Allende benennt die Herausforderungen dabei: „Was herrschten für Temperaturen am Tag der Schlacht? Schien in der Nacht zuvor der Mond? Wie roch das Pulver, und wie schwer war das Marschgepäck? Wie viel Zeit benötigt das Nachladen und wie weit fliegt die Kugel?“
Die angehängten Schreibtricks fassen nach jedem Kapitel die eigene schriftstellerische Erfahrung in einen ermunternden Imperativ. Die Feststellung „Du brauchst kein Zimmer für dich allein. Schreib notfalls im Wandschrank. Das Zimmer ist in deinem Kopf“ ist wahr und ein Hinweis auf ihr venezolanisches Exil, das sie überhaupt erst zum literarischen Schreiben drängte. Im Sinne einer anderen Erzählerin von früher, die mit diesem Buch vielleicht auch angesprochen wird, klingt dieser Satz eher nach bitterer Ironie. Man muss die lateinamerikanische Kultur zumindest etwas kennen, um Allende tatsächlich näherzukommen.
Die Wohlfühlaufmachung des Buchs täuscht. Verschnörkelte Initialen am Kapitelanfang hätte es nicht gebraucht, denn inhaltlich ist das Buch schärfer, als es scheint.
Isabel Allende: „Unsere Geschichten“. Über das Schreiben. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 194 S., geb., 22,– €.
