
Ignorieren oder eskalieren? Zwischen diesen beiden Optionen schwankt die israelische Regierung mit Blick auf den Dokumentarfilm „Naza“. Der auf Interviews mit anonymen Militärs basierende Film zweier israelischer Journalisten, der am Wochenende bei den Filmfestspielen in Venedig den Spezialpreis der Jury erhielt, erhebt schwere Vorwürfe zum Gazakrieg. Demnach habe die Armee bei der Tötung von Hamas-Mitgliedern regelmäßig in Kauf genommen, dass dabei auch Hunderte Zivilisten sterben. Für diese „Kollateralschäden“ steht die militärische Abkürzung Naza.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich nun für die Eskalation entschieden. In einem am Mittwoch veröffentlichten Video kündigte er zwei Gesetze an. Eines davon sieht vor, jedem die Staatsbürgerschaft zu entziehen, der „Soldaten diffamiert“. Das andere soll die Schadenersatzsumme für Verleumdung um das 20-Fache erhöhen. Wer Vorwürfe wie in „Naza“ äußere, „hat keinen Platz unter uns“, sagte Netanjahu.
Staatspräsident Izchak Herzog, ein Jurist, sagte in einem Interview, der Vorschlag des Entzugs der Staatsbürgerschaft habe „keine Chance“. Zugleich kritisierte er den Film sowie die 24 zu Wort kommenden Interviewten. Sie hätten sich an die zuständigen Stellen im Militär wenden sollen, „anstatt unseren guten Ruf in der Welt zu schädigen“, so Herzog.
Es gibt Forderungen, die Regisseure hinzurichten
Ein großer Teil der Israelis dürfte das so sehen. Die Atmosphäre ist wie stets aufgeheizt, wenn das Vorgehen der Armee infrage gestellt wird. Wie die Kritiker bedroht werden, nimmt jedoch drastische Züge an. Am Mittwochabend versammelten sich Dutzende vor dem Haus der Eltern von Rachel Szor, der Ko-Regisseurin von „Naza“. Ein rechtsradikaler Agitator sagte dort, wer die „Dreckskerle“ sehe, solle das sofort „melden“. Szor und ihr Ko-Regisseur Yuval Abraham würden „nirgendwohin mehr fliehen können“, kündigte er an. Es gab auch die Forderung, die Regisseure hinzurichten und ihre Familien zu deportieren. Zugleich solidarisierten sich zahlreiche israelische Filmschaffende mit Szor und Abraham.
Kulturminister Miki Zohar, der als Erster mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft gedroht hatte, bat derweil den Leiter des Inlandsgeheimdienstes, die Quellen des Films ausfindig zu machen und herauszufinden, ob Feinde daran beteiligt waren. Auch dies zielt darauf ab, den Film als „Verrat“ einzustufen. Generalstabschef Eyal Zamir sagte, „Naza“ sei ein Angriff nicht nur auf die Armee, sondern auf ganz Israel. Das Militär werde „mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln“ dagegen vorgehen.
Manche stellen aber auch die Frage, wie sinnvoll es ist, so massiv gegen einen Film vorzugehen, den bislang kaum jemand gesehen hat. Dadurch verschaffe man ihm international noch mehr Aufmerksamkeit, kritisieren Regierungsbeamte, die in israelischen Medien zitiert werden. Sie seien daher zu dem Schluss gekommen, die Attacken lieber einzustellen, heißt es in einem Bericht des Senders Kanal 12.
Netanjahu macht einem Oppositionspolitiker Vorwürfe
Dass Netanjahu dem nicht folgt, dürfte auch mit dem Wahlkampf zusammenhängen. Die Kritik an „Naza“ dient als Mittel, um den politischen Gegner unter Druck zu setzen. So sagte Netanjahu, er erwarte, dass „jede Knesset-Fraktion, die sich zur zionistischen Idee bekennt“, seine Gesetzesentwürfe unterstütze. Insbesondere dem Oppositionspolitiker Yair Golan unterstellt er, die in „Naza“ geäußerten Vorwürfe zu teilen.
Der Vorsitzende der „Demokraten“ reagierte mit einem satirischen Video. Darin wird Netanjahu vorgeworfen, seine geradezu obsessive Auseinandersetzung mit den Filmfestspielen von Venedig und mit „Naza“ diene dazu, von einer wichtigeren Debatte abzulenken: darüber, wer politisch für den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 verantwortlich sei.
