Vom 13. bis 18. September findet die Weltmeisterschaft auf dem Gelände des FSV Frankfurt statt. Bei den Männern spielen 15 Nationalteams mit, bei den Frauen vier. Mehr als 300 Menschen sind dabei, alle Spieler haben eine Organtransplantation hinter sich.

Das Spiel zwischen Deutschland und Australien ist das erste Frauenländerspiel der World Transplant Games Federation überhaupt. Maryam Rahmani unterstützt ihr Team von der Bank aus. Seit ihrer Kindheit lebt sie mit einer transplantierten Niere, mit 13 Jahren verlor sie ihre linke Hand. Das hält sie nicht von sportlichen Höchstleistungen ab. Neben Fußball spielt sie Badminton und hat mehrfach bei Transplantiertenspielen Turniere gewonnen. „Wir haben das beste Geschenk der Welt im Körper“, sagt die gebürtige Iranerin. „Wir wollen etwas zurückgeben, damit noch mehr Menschen ein solches Geschenk bekommen können.“
„Ich habe versucht, meine Narbe zu beschützen“
Der aberkannte Ausgleich beflügelt die deutschen Frauen. Sie gewinnen nach zweimal 15 Minuten 4:2. Überragende Spielerin ist Melisa Altinisik, die alle vier Tore erzielt. Die 26 Jahre alte Mannheimerin spielt seit ihrer Kindheit Fußball und schaffte es bis in die Oberliga. Dann erkrankte sie plötzlich „und es ging schnell bergab“, wie sie sagt. Das Caroli-Syndrom, eine sehr seltene Lebererkrankung, zwang sie schließlich zur Transplantation.

Am 17. September, also am Donnerstag der Turnierwoche, jährte sich der Eingriff zum zweiten Mal. „Es ist ein unheimlich schönes Gefühl, wieder Fußball spielen zu können. Als ich erkrankte, wusste ich nicht einmal, ob ich wieder würde laufen können.“ Zunächst fiel ihr das Fußballspielen schwer. „Ich hatte Angst vor Zweikämpfen und habe versucht, meine Narbe zu schützen.“ Mit der Zeit und „viel Überwindung“ sei es besser geworden.
Die Regeln bei der WM schützen die Spielerinnen und Spieler: Grätschen sind verboten, Schläge gegen den Unterleib werden härter bestraft. Die Männer spielen sieben gegen sieben, die Frauen fünf gegen fünf. Wechsel sind jederzeit möglich.
„Von ihrer Lebensqualität kann sich jeder eine Scheibe abschneiden“
René Kindermann läuft über den Platz, schüttelt Hände und scheint jeden zu kennen. Der Sportmoderator ist rund um die WM ehrenamtlich im Einsatz. Seine Sportmarketingagentur organisiert das Turnier mit. „Alle Menschen, die hier mitspielen, haben eine zweite Chance aufs Leben bekommen“, sagt er mit Blick aufs Spielfeld. „Von ihrer Lebensqualität kann sich jeder eine Scheibe abschneiden.“

Bei dem Turnier gehe es nicht nur um Fußball. „Wir wollen zeigen, dass Sport und Transplantation zusammengehören.“ In Deutschland herrsche oft Abstand zum Thema. Kindermann vergleicht das mit einem neuen Auto: Man lasse es schließlich nicht in der Garage stehen, sondern fahre damit. Das Turnier soll auch der Medizin zeigen, was möglich ist. Die Mannschaftsärzte aus aller Welt tauschen sich nebenbei mit Fachleuten des Frankfurter Universitätsklinikums aus.
Das ist nur einer der Gründe, die für Frankfurt als Austragungsort gesprochen haben: Es gebe eine enge Zusammenarbeit mit dem DFB, der die Bedeutung des Themas erkannt habe, sagt Kindermann. Alle Mannschaften durften am Wochenende vor dem Turnier auf dem DFB-Campus trainieren, der Verband stellte die Ausrüstung zur Verfügung. Frankfurt liege zentral. „Und Frankfurt ist die Fußballhauptstadt Deutschlands“, sagt Kindermann.
„In welcher Klinik bist du angebunden?“
Rund um die Spiele gibt es eine Main-Schifffahrt, einen Wirtshausbesuch und Karaoke. Die Veranstalter laden jeden Abend zum Essen ein. Die Teams bringen eigene Programmpunkte mit. Die chilenische Mannschaft war beim Konsul zu Gast, die amerikanische auf einer Air Base.
Im Mittelpunkt steht aber immer das Turnier, auch für Maryam Rahmani, die als Buchhalterin in Hanau arbeitet und zweimal in der Woche bei einem Maintaler Fußballverein spielt. Die Transplantation sei dort in der Kabine kein Thema, sagt sie. Schließlich frage man andere Menschen auch nicht, warum sie eine Brille trügen. So selbstverständlich sei der Umgang damit.

Ähnliches berichtet Lars Weddige. Beim Turner seien Fragen wie „Wie lange ist es bei dir her?“ oder „In welcher Klinik bist du angebunden?“ derweil ein typischer Gesprächsöffner. Der 45 Jahre alte Bremer arbeitet in Frankfurt für die Commerzbank und spielt mit einer Spenderleber in der Männer-Nationalmannschaft. Vor dem Spiel der Frauen schlug seine Mannschaft Nordirland 5:1.
Weddige freut sich über Zuschauer und Aufmerksamkeit. Die sportartenübergreifenden deutschen Meisterschaften der Transplantierten kenne er auch, sagt er. „Aber das hat nicht annähernd die Anziehungskraft wie Fußball.“ Seine Motivation ziehe er aber vor allem aus etwas anderem: „Es geht nicht um uns, sondern um die derzeit geltende Regelung in Deutschland.“ Lange schon kämpfen Interessenvertreter für Organspende um die Einführung einer Widerspruchsregelung, derzeit gibt es eine Gesetzesinitiative. Zudem freue er sich andere Transplantiere zu treffen und über die Erfahrungen auszutauschen. Und einen weiteren persönlichen Vorteil habe es, sagt er: Fußballerisch habe es sonst höchstens für die Kreisklasse gereicht, hier geht es aber um eine Weltmeisterschaft.
Am Freitag fallen die Entscheidungen am Bornheimer Hang. Der DFB stelle sogar Bundesligaschiedsrichter, sagt Kindermann. Nach den ersten Spielen haben beide deutschen Mannschaften gute Chancen auf den Titel. Auch hier also ist alles ein bisschen anders als bei der für Deutschland zuletzt stets so enttäuschenden „normalen“ WM.
