
Dominik Krause hat viel trainiert. In einer Brauerei hat der neue Münchener Oberbürgermeister den Anstich des ersten Bierfasses auf dem Oktoberfest geübt, den traditionellen Auftakt des weltgrößten Volksfestes. In wenigen Tagen wird ihm diese Ehre zum ersten Mal zuteil. Dann schaut die Öffentlichkeit genau, wie viele Schläge er braucht, bis die ersten Tropfen aus dem Fass fließen.
Der Preis fürs Bier steht schon jetzt fest. Er ist im Durchschnitt um fast 2,5 Prozent gestiegen, die Maß kostet zwischen 14,80 und 15,90 Euro. Mehr als 6,5 Millionen Besucher werden auf dem 191. Oktoberfest erwartet, das bis 4. Oktober dauert. Im vergangenen Jahr war der Ansturm auf die Wiesn so groß, dass der Zugang mehrfach geschlossen werden musste.
200 Millionen gehen auf Volksfeste
Wenn es in diesem Jahr wieder so käme, würde das einen Trend in ganz Deutschland untermauern: Die Menschen lieben ihre Feste – und das noch mehr als vor der Corona-Krise. Rund 200 Millionen besuchten nach den jüngsten verfügbaren Zahlen eines oder mehrere der etwa 9750 Volksfeste in Deutschland. 60 Prozent der Gesamtbevölkerung geht mindestens einmal im Jahr auf ein Volksfest, hat die GfK ermittelt, unter den 18- bis 29-Jährigen sogar 76 Prozent, unter den über 65-Jährigen aber auch noch 42 Prozent. Hinzu kommen etwa 170 Millionen Besuche auf knapp 3200 Weihnachtsmärkten. Und weitere Millionen auf den Karnevalsfeiern und -umzügen.
Die Zahlungsbereitschaft steigt ebenfalls. In einer Allensbach-Umfrage sagten im vergangenen Jahr 28,3 Prozent, auszugehen sei ihnen so wichtig, dass sie bereit seien, dafür einiges an Geld auszugeben. Im Jahr 2022 waren es 26 Prozent. Die Zahl der Personen mit einer hohen Ausgabebereitschaft fürs Ausgehen stieg in Deutschland von 18,4 Millionen im Jahr 2022 auf 20,1 Millionen 2025. Am liebsten geben die Deutschen ihr Geld aber weiterhin für Reisen, das Zuhause und gute Ernährung aus.
Das Sterben der Feste ist gestoppt
Der Trend zum Feiern zeigt sich in höheren Besucherzahlen und steigenden Umsätzen, bedingt auch durch die gestiegenen Preise. Die Zahl der Feste ist hingegen seit Jahren stabil, sagt Frank Hakelberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Schaustellerbundes (DSB). „Das Sterben kleinerer Feste in den Achtziger- und Neunzigerjahren ist gestoppt. Die Menschen haben wieder Lust zur Analogie, sie wollen sich sehen und persönlich austauschen.“ Neu entstanden in den vergangenen Jahren vor allem Stadt-, Straßen- und Weinfeste und manch Mittelaltermarkt, aber keine klassischen Volksfeste. Einige Feste mussten auch aufhören, weil Festplätze bebaut wurden.
In diesem Jahr wurde die jahrhundertealte Tradition der Schausteller offiziell in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen. Diese Auszeichnung würdigt die generationenübergreifende Weitergabe von Wissen, Handwerk und familiären Traditionen, die das Fundament der rund 5600 deutschen Schaustellerbetriebe bilden. Denn hinter dem bunten Treiben steht eine beeindruckende Geschichte. Das beste Beispiel hierfür ist das Lullusfest in Bad Hersfeld: Als ältestes Volksfest Deutschlands blickt es auf eine mehr als 1200-jährige Tradition zurück. Auch weitverbreitete Begriffe wie Kirmes oder Kirchweihe zeugen von der jahrhundertealten Geschichte dieser Veranstaltungen, die einst als kirchliche Feste begannen.
Weihnachtsmärkte werden immer wichtiger
Einen besonderen Aufschwung würden seit einigen Jahren die Weihnachtsmärkte erleben, sagt Frank Hakelberg. Sie seien früher ein Nebengeschäft der Schausteller gewesen, um die Saison in den Winter verlängern zu können. Mittlerweile seien sie für sie, aber auch für die Innenstädte von erheblicher wirtschaftlicher und touristischer Bedeutung.
Von dem Feiertrend profitieren freilich nicht alle. Betreiber von Fahrgeschäften stehen unter Druck, manche geben auf. „Die Investitionen sind hoch und der Personalmangel hier besonders gravierend. Es ist schwierig, für die körperlich anstrengende Arbeit genug Leute zu finden, die bei Wind und Wetter arbeiten wollen. Früher kamen viele Mitarbeiter aus Osteuropa, aber die arbeiten nun verstärkt in anderen Branchen“, sagt Hakelberg. „Man kann dafür auch keine ungelernten Aushilfen nehmen, der Aufbau und Betrieb erfordern eine intensive Einarbeitung.“ Trink- und Essstände haben es da leichter.
Das meiste Geld geben die Besucher auch genau dafür aus, nämlich fast die Hälfte ihres Festbudgets. Für Fahrgeschäfte sind es nur rund 20 Prozent. Im Schnitt zahlt jeder mehr als 30 Euro pro Besuch, insgesamt wurden auf allen Volksfesten 6,5 Milliarden Euro und auf Weihnachtsmärkten mehr als vier Milliarden Euro ausgegeben.
Auch außerhalb der Feste gibt es Verlierer. Zwar erfreuen sich große Musikfestivals wie das Wacken Open Air oder Rock am Ring weiter hoher Beliebtheit. Aber der Gang am Wochenende in den Klub wird unbeliebter. Die Zahl der Klubgänger sinkt seit mehreren Jahren. Mitverantwortlich dafür sind gestiegene Eintrittspreise und kostengünstigere Alternativen. Gefeiert werden kann eben auf vielen Wegen.
