Das XXL-Aufgebot mag ein wenig beliebig wirken, angesichts von etlichen Spielern, die von den anderen 82.999.999 Bundestrainern wohl kaum einer schon jetzt nominiert hätte. Doch nutzt Klopp die seltene Gelegenheit, dass er seinen Kader fast zwei Wochen um sich herum hat, um sich ein genaues Bild davon zu machen, wen er überhaupt zur Verfügung hat.
Klopp macht Inventur im Lager des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Als Bundestrainer muss er schließlich mit dem arbeiten, was vorhanden ist. Er kann sich nicht einfach einen Rechtsverteidiger kaufen, wenn ihm einer fehlt, sondern muss herausfinden, welcher der vorhandenen Spieler diese Aufgabe am besten erfüllt.
Klopp will sich erst mal einen Überblick verschaffen: Wer kommt infrage? Wie passen die einzelnen Spieler zusammen? Auf welcher Position besteht noch Bedarf – und welcher Spieler ist gerade deshalb so wertvoll, weil er eine Lücke schließen kann?
Nagelsmanns Fehler
Nebenbei hat er mit seiner Nominierung ein Versprechen eingelöst, das er den Spielern bei seinem Amtsantritt gegeben hatte. „Ich habe die Tür sperrangelweit aufgemacht und gesagt: ‚Wer dabei sein will, hat die Chance‘“, erzählte er am Donnerstag. Wer unter seinem Vorgänger Julian Nagelsmann nicht zum engeren Kreis gehörte, kann sich nun zeigen. Wer als gesetzt galt, muss seine Rolle bestätigen.
Das war einer der großen Fehler von Nagelsmann bei der WM: Er hat zu sehr an einzelnen Spielern und ihren vermeintlichen Qualitäten festgehalten, obwohl die Mannschaft in ihrer damaligen Verfassung etwas anderes gebraucht hätte. Unter Klopp sollen nicht die besten Spieler auf dem Platz stehen, sondern diejenigen, die einander am besten ergänzen. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre aus den jüngsten Turniererfahrungen.
Eine Nationalmannschaft braucht mit der Zeit allerdings klare Rollen, wie sie auch Nagelsmann definierte. Irgendwann wird Klopp seine Inventur beenden und entscheiden müssen, wen er aussortiert, wer im Sortiment bleiben darf – und wie er seinen Laden gestaltet. Am Ende zählt nicht, wie gut Klopps Lager gefüllt war, sondern wie gut sich seine daraus zusammengebaute Mannschaft verkauft.
