
Ganz gleich, ob die Industrie schrumpft oder wächst – der Industriedienstleister Bilfinger will davon profitieren. Das Geschäftsmodell weise „Chancen sowohl in Wachstums- als auch rückläufigen Märkten aus“, sagte der Vorstandsvorsitzende Thomas Schulz am Kapitalmarkttag des Unternehmens und erhöhte gleich noch die Mittelfristziele. Gerade mal ein Dreivierteljahr ist das her. Jetzt muss der Chef des 31.000 Mitarbeiter großen Konzerns aus Mannheim zurückrudern.
Schulz kassierte die Jahresziele und kündigte einen umfassenden Umbau an. Bis zu 1500 Stellen will der Konzern streichen, auch betriebsbedingte Kündigung schließt er nicht aus. Die Anleger quittierten die Botschaft mit massenhaften Verkäufen. Um mehr als 20 Prozent gab der Aktienkurs am Donnerstag nach.
„Verzögerung kostet uns richtig Geld“
Schulz begründete die Korrektur mit dem andauernden Krieg im Mittleren Osten. Nicht nur dort, auf der ganzen Welt sei die Reaktion in der Industrie erheblich ausgefallen, sagte er der F.A.Z. Die Unsicherheit führt nach seinen Worten dazu, dass die Kunden Investitionsentscheidungen verzögern oder ganz verschieben. „Diese Verzögerung kostet uns richtig viel Geld.“
Schon die Geschäftsentwicklung im zweiten Quartal sei deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Im laufenden dritten Quartal würden die Kunden weniger Neuaufträge vergeben und auch weniger Aufträge aus bestehenden Rahmenverträgen abrufen. Besonders in Hochlohnländern sei mit einer anhaltenden Unterauslastung zu rechnen. Als Dienstleister vor Ort könne Bilfinger die Beschäftigten nach Schulz’ Worten aber „nicht vorhalten oder auf andere Projekte legen“. Die Unterauslastung schlage sofort auf die Marge durch.
Seit seiner strategischen Kehrtwende vor einigen Jahren ist der ehemalige Baukonzern Bilfinger auf Dienstleistungen für die Industrie spezialisiert. Kraftwerksbetreibern, Ölkonzernen, Chemie- und Pharmaunternehmen bietet der Konzern eine breite Palette von Diensten an: vom Schweißen der Rohrleitungen über den Auf- und Abbau ganzer Anlagen bis hin zur Überwachung der Produktion. Das Geschäftsmodell schien in jeder Konjunktur zu funktionieren. Während Bilfinger in einem Land hilft, Atomreaktoren abzubauen, baut es sie anderswo auf. Getrieben wurde der Umbau vom Finanzinvestor Cevian, der zwischenzeitlich die Mehrheit der Aktien hielt. Cevian ist nach Angaben des Unternehmens nicht mehr beteiligt. Den Aufsichtsrat führt noch immer der Cevian-Partner und ehemalige Metro-Chef Eckhard Cordes.
Nach Schulz’ Einschätzung ändert der Krieg und die Investitionszurückhaltung nichts an der langfristigen Strategie. Das Problem sei allein die Verzögerung, sagte er. Die Mittelfristziele 2030 lasse der Vorstand deshalb auch unangetastet. Im Mittleren Osten etwa und den angrenzenden Regionen gebe es heute sogar mehr Potential als vor einem Jahr, weil die Länder in Reaktion auf den Konflikt viel in Infrastruktur investierten.
Kündigungen nicht ausgeschlossen
Bilfinger müsse aber auf die aktuelle Schwäche reagieren und sich „agiler aufstellen“. Zu konkreten Maßnahmen hielt Schulz sich bedeckt. Er schloss betriebsbedingte Kündigungen nicht aus und machte deutlich, dass ein Teil der Maßnahmen auch den Heimatstandort Deutschland betreffe. Schulz hat die Ausrichtung bei seinem Amtsantritt 2022 auf Europa, den Nahen Osten und Nordamerika konzentriert, das verlustreiche Projektgeschäft in Amerika beendet und bereits 800 Stellen in der Verwaltung gestrichen.
Europa ist nach wie vor die mit Abstand wichtigste Region des Konzerns. In Deutschland beschäftigt Bilfinger 6000 Mitarbeiter, weitere große Länder sind Polen, die Niederlande und Großbritannien. Im Mittleren Osten seien es, über mehrere Länder verteilt, 4000 Beschäftigte. Schulz’ Ziel ist es, kleinere Standorte zusammenzuführen, größere aufzubauen, Ressourcen zu bündeln und eine globale Einheit für interne Dienstleistungen aufzubauen. Die Digitalisierung und die neuen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz würden diese Prozesse noch beschleunigen.
Der Umbau wird nach seinen Worten in diesem Jahr zu einmaligen Kosten von 75 Millionen Euro führen. Im nächsten Jahr soll er sich schon positiv auf den Gewinn auswirken, von 2028 an dann die volle Wirkung entfallen. Für das laufende Jahr rechnet der Vorstand mit einer deutlich niedrigeren Betriebsgewinnmarge von 3,2 bis 3,6 Prozent. Die Umsatzprognose hat Bilfinger von 5,4 Milliarden bis 5,9 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden bis 5,7 Milliarden Euro gesenkt.
