Allzu weit liegt der Ort, an dem Jürgen Klopp seinen ersten Kader berufen hat, nicht entfernt von dem Ort, an dem drei seiner Spieler trainieren. 22 Minuten braucht man zu Fuß, wenn man entlang der Mörfelder Landstraße vom DFB-Campus zu den Eintracht-Feldern läuft.
Als Klopp also direkt an der alten Pferde-Rennbahn seine National-44 berief, schossen anderthalb Kilometer weiter seine beiden Angreifer Younes Ebnoutalib und Jonathan Burkardt aufs Tor, Torwart Noah Atubolu sprang nach den Bällen.
Für zwei der drei Eintracht-Spieler wird es eine Premiere sein, aber auch bei Burkardt ist es eine Weile her, dass er für Deutschland auflief. „Ihre Augen leuchten“, sagte Trainer Adi Hütter am Donnerstag. Drei Adler für Jürgen – wie stehen die Chancen von Ebnoutalib, Atubolu und Burkardt, sich im Nationalteam zu behaupten?
Younes Ebnoutalib – Sturm
Was nun offenbar folgt: Ebnoutalib wird für Deutschland spielen, nicht für Marokko. Auch der afrikanische Verband, der eine der erfolgreichsten Nationalmannschaften der vergangenen Jahre stellt, hätte Ebnoutalib gern in seinen Farben spielen sehen. Der Frankfurter Stürmer war nicht abgeneigt, wie er im Sommer in einem Interview sagte. „Ich habe mit ihm telefoniert und ihm das Projekt Marokko erläutert – ohne ihm irgendetwas zu versprechen“, erklärte Nationaltrainer Mohamed Ouahbi in dieser Woche. Und fügte an: „Die Sache ist erledigt. Wir stehen auf Platz 6 der Weltrangliste und machen weiter.“

Klopp hat Ebnoutalib offenbar überzeugt. Und er hat für die Reporter gleich den Lektüreschlüssel „Ebnoutalib 2026“ in der Tasche: Der Frankfurter Stürmer, erklärte Klopp, sei im Kader gelandet, in dem auch Karim Adeyemi vom FC Barcelona stehe. Ebnoutalib, Sohn eines Olympia-Silbermedaillengewinners im Taekwando, setzt seinen Körper ein, um die Sprintwege für Adeyemi freizublocken. Er sei ein großes Talent, lobte Klopp Ebnoutalib. „Wo haben sie den denn her?“, fragte sich der Nationaltrainer, als er den Stürmer zum ersten Mal für die Eintracht spielen sah. Ein halbes Jahr später lobte er Ebnoutalibs Schlauheit auf dem Platz, sich aus dem Abseits heraus zu bewegen. Das lernt man nicht in Büchern.
Noah Atubolu – Tor
Nicht Manuel Neuer, nicht Oliver Baumann: Es ist Zeit für die „nächste Generation im Tor“, sagte Klopp am DFB-Campus. Er nominierte zwar den 34 Jahre alten Ajax-Keeper Marc-Andre ter Stegen, aber eben auch: Noah Atubolu (Eintracht Frankfurt, 24), Finn Dahmen (FC Augsburg, in Wiesbaden groß geworden, 28) und Jonas Urbig (FC Bayern, 23).
Atubolu spielt schon seit einigen Jahren in der Bundesliga, man könnte also auch sagen: Er ist Vertreter der aktuellen Generation. Ob ter Stegen 2028, beim nächsten großen Turnier, noch dabei ist? Die Thronfolge steht nicht fest. Dahmen, Atubolu und Urbig haben allesamt gute Chancen. Ansprüche werden sofort aus München laut: „Wenn einer glaubt, dass er nicht irgendwann die Nummer eins wird, der macht einen großen Fehler“, sagte Bayern-Trainer Vincent Kompany. Er meinte Jonas Urbig, seine Nummer zwei. Und bald Deutschlands Nummer eins? „Der Junge wird irgendwann die Nummer eins sein, aber das wird Jürgen Klopp entscheiden, ob das in einem oder fünf Jahren ist.“

Adi Hütter, Kompanys Frankfurter Trainerkollege, kommentierte die Torwartsituation fachlicher. Atubolu habe eine spezielle Ausstrahlung, lobte sein Coach. Das war zuletzt in Mainz zu sehen, als er einen Elfmeter von Nadiem Amiri mit Lächeln im Gesicht parierte. Atubolu baute damit seinen Rekord aus, sechs Elfmeter hat er nun in der Bundesliga nacheinander abgewehrt. Am Wochenende trifft der Torhüter auf seinen ehemaligen Klub, den SC Freiburg. Und reist danach zu Klopp, als Nummer zwei, drei oder vier.
Jonathan Burkardt – Sturm
Auf Jonathan Burkardt angesprochen, scherzte Klopp über die „Lieblingsverletzung aller Spieler“: nicht trainieren zu können, dafür aber zu spielen. Man könnte einwenden: Burkardt leidet zuweilen unter der am wenigsten geliebten Verletzung aller Spieler und auch aller Trainer. Er kann dann weder trainieren noch spielen.
Das war in der vergangenen Saison fast den gesamten Winter der Fall. Burkardt kam spät zurück, er schoss noch ein paar Tore, rief seinem ehemaligen Trainer ein paar nette Worte zum Abschied hinterher (“puta madre“, Dortmund im Mai 2026) und weinte auf dem Platz, als er seine Chancen für die Weltmeisterschaft schwinden sah.

Ein paar Monate später schwärmt der neue Nationaltrainer über Burkardts einzigartiges „Skillset“, über seine Fähigkeiten als Stürmer also. Nummer eins: Er erzielt Tore, die selten zu sehen sind. Nummer zwei: Er spielt raffiniert. In Mainz sah Burkardt einen Ball hoch durchs Mittelfeld fliegen. Sein Gegenspieler, der 05-Abwehrspieler Fabio Gruber, schaute genau dorthin, auf den Ball und dessen Flugkurve. Burkardt hatte schon verstanden, wo er landen würde, stellte sich in den Weg des zurückstolpernden Verteidigers und hatte freie Bahn aufs Mainzer Tor. Er schoss ein raffiniertes Tor, das selten zu sehen ist.
Burkardt hat in der Bundesliga nach Harry Kane die beste Torquote: Der Eintracht-Stürmer erzielt pro 90 Minuten 0,87 Treffer, beim englischen Bayern-Angreifer sind es 1,36. Burkardt verpasst aber auch jedes dritte Spiel. Nicht so in dieser Saison, in der der gebürtige Darmstädter bisher immer auf dem Platz stand. Auch bei Klopp? „Burkardt sei ein „herausragender Stürmer“, komplimentierte sein Nationaltrainer. Mit einem Einwand: „ohne Verletzungen“.
