Ganz so extrem wie das Massenharakiri, das der Wirtschaftswissenschaftler Yusuke Narita als Antwort auf die japanische Demographiefrage ins Spiel brachte, sind die Vorschläge von Samuel Moyn nicht. Doch auch der in Yale lehrende Ideenhistoriker erkennt im Altern ein gravierendes Problem für westliche Gesellschaften. Nichts Geringerem ist er auf der Spur als einer neuen Herrschaftsform: Knapp 200 Jahre nach Tocqueville ist, so Moyns Auffassung, aus der Demokratie eine „Gerontokratie in Amerika“ geworden.
Man muss nur an den Wahlkampf zwischen den beiden Greisen Trump und Biden zurückdenken, um zu sehen, was Moyn im Blick hat. Die Alten sind an der Macht, weil sie ganz einfach auf ihrem Posten sitzen bleiben, wie die Bundesrichterin Pauline Newman, die mit Anfang 90 noch so frisch war, Kollegen mit Arrest zu drohen, die an ihren mentalen Kapazitäten zweifelten. Der Autor kritisiert solche Vorgänge zunächst mit den Mitteln des gesunden Menschenverstandes – niemandem kann an senilem Personal gelegen sein. Dann aber auch mit theoretischem Besteck, wie dem Prinzip der deskriptiven Repräsentation, demzufolge Staatsdiener die Bevölkerung in einem gewissen Maße abbilden sollen.
Klimawandel oder Terrorismus?
Nur ist diese eben auch gealtert, wie Moyn zu Beginn seines Buches selbst ausführlich darstellt. Seit Gründung der Vereinigten Staaten hat sich die dortige Lebenserwartung auf 80 Jahre mehr als verdoppelt. Nie war der tradierte Zusammenhang zwischen Alter und Macht („Senat“ stammt von Lateinisch „senex“ für „alter Mann“) also demokratischer als heute. Das schiefe Repräsentationsargument deutet darauf hin, dass es Moyn um etwas anderes geht. Im Unterschied zu Cicero hält er den Lebensabend nicht für eine Phase der Gemeinwohlorientierung; Moyn ist eher bei Aristoteles, der den Todgeweihten misstraute, weil sie in der Vergangenheit leben. „Gerontokratie in Amerika“ ist ein Angriff auf den sprichwörtlichen Konservatismus des Alters, den das Buch als Egoismus enttarnen will.

Denn die Zukunftslosen bremsen bei Fragen, die sie nicht mehr betreffen, was Moyn mit Umfragen belegt: Rentner halten den Klimawandel für umso unproblematischer, je älter sie sind. Und während für Zwanzigjährige die ökologische Krise das größte außenpolitische Problem darstellt, fürchten sich die Über-65-Jährigen am meisten vor dem internationalen Terrorismus oder dem jähen Lebensende.
Das in drei Teile gegliederte Buch (Großes Altern, Gesichter der Gerontokratie, utopischer Ausblick) funktioniert wie eine Ableitung des Überbaus aus der Basis. Die grauen Politiker sind für Moyn nur die Oberfläche. Das „Fundament der Gerontokratie“ besteht ihm zufolge in der „elektoralen Macht und dem privaten Wohlstand der älteren Wähler“. Nun ist klar, dass in einer gealterten Gesellschaft der größeren Masse an Alten auch ein größerer Stimmanteil zukommt. Um das zu skandalisieren, muss Moyn die Fakten strategisch deuten. Aus der Tatsache, dass der Nachwuchs gerade den scheinbar uninteressanten Abstimmungen auf Lokalebene fernbleibt, wird nicht die Schelte einer vernachlässigten Bürgerpflicht, sondern eine des Alters. Rentner herrschen, „weil sie bereit sind, die langweiligsten Versammlungen zu besuchen“. Einfach „durch Präsenz verursachen . . . die Älteren schon den größten Teil des Schadens“. Aber warum sind hier nicht die Jungen das Problem für die Demokratie?
Die Macht der Alten basiert auf ihrem Vermögen und ihrer Zahl
Moyns Demokratiebegriff ist schon deswegen kontrovers, weil er das Prinzip der gleichen Wahl antastet. Rentner sollen ihr politisches Grundrecht verlieren, wenn auch nicht auf einen Schlag. Der Autor hat sich eine Staffelung ausgedacht, bei der die Über-65-Jährigen alle zwei Jahre ein Zehntel ihres Stimmgewichts einbüßen. Mit 85 ist das Wahlleben dann vorbei. Dieselbe Wirkung könnte eine Übergewichtung junger Stimmen erzielen. Oder man gibt Neuwählern zwei Stimmen: eine eigene und eine für künftige Generationen. Das ist selbst ungerecht, wie Moyn nicht entgeht: „Aber braucht man nicht manchmal Diskriminierung, um Diskriminierung zu bekämpfen?“
Letztlich begreift Moyn die elektorale Macht der Alten aber als eine des Geldes: Senioren sind 47-mal wohlhabender als junge Erwachsene und verfügen über 71 Prozent des nationalen Reichtums. So beziffert sich das „Age-Pay-Gap“ in der Gerontokratie: „Im heutigen Amerika ist Alter die Art und Weise, in der Klasse gelebt wird.“ Ein neuer Hauptwiderspruch? Jedenfalls ein Gegensatz, der sich gut politisieren lässt, weil der hier zum Tragen kommende Klassenbegriff einer ist, der Herrschaft als Privileg denkt und damit personalisiert wie einst die Titel im Feudalwesen.
Von daher erklärt sich Moyns Fixierung auf CEOs, Senior-Partner und Lehrstühle. Posten sind das Kampffeld, auf dem die Alten Platz machen sollen. Als konkrete Maßnahme schlägt er eine frühe Zwangsverrentung vor, widerspricht also der Intuition, dass in einer alternden Gesellschaft auch länger gearbeitet werden muss. Doch so begrüßenswert diese Zurückweisung des wirtschaftsliberalen Einmaleins auch klingt, muss man sich fragen, was das bringen soll. Ein durchschnittlicher Millionär in den Vereinigten Staaten ist 70 Jahre alt – die Gesellschaft wird nicht gerechter, wenn man dieses Alter reduziert.
Fraglos ist Moyn einem Problem auf der Spur. Aber die Kritik verbleibt flach, weil sie sich mit der Anklage von statistischen Verteilungen begnügt und nicht nach den historischen Gründen für den Reichtum der Babyboomer-Generation fragt. Der Hyperfokus auf den Gegensatz von Jung und Alt verzerrt die Analyse. Darum funktioniert auch seine Utopie nicht wirklich. Moyn stellt sich den Generationenwechsel wie soziales Eigenblutdoping vor: Die in der Blüte Stehenden führen, bis sie welken. Dieser Personalwechsel soll zugleich die Gedanken verjüngen. Das Ideal des Autors ist jenes Amerika, in dem das Alte Europa negiert wurde wie das Ancien Régime durch die Französische Revolution. Doch ein auf Permanenz gestellter Fortschritt verliert seinen Charakter, wenn er den Zweck vergisst, der damit verfolgt werden soll. Ob ein politischer Eingriff in die demographischen Machtverhältnisse wirklich weiterhilft, muss man nach der Lektüre bezweifeln.
Samuel Moyn: „Gerontocracy in America“. How the Old Are Hoarding Power and Wealth – and What to Do About it. Macmillan Publishers, New York 2026. 288 S., geb., 28,– €.
