Das erste Großereignis der Neuzeit, das verschwörungstheoretisch gedeutet wurde, war die Französische Revolution, weswegen die entsprechende Denkweise gern der koselleckschen „Sattelzeit“ zugeordnet wird. Zu den bekannten Mustern gehören eine im Geheimen operierende Gruppe, die aus eigensüchtigen Beweggründen versucht, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören. In dieser Denke ist nichts, wie es scheint; nichts geschieht durch Zufall; alles ist miteinander verbunden. Verschwörungstheorien dienen aufgrund ihrer psychologischen und kognitiven Logik zwar der Reduktion von Komplexität, steigern letztere jedoch zugleich nicht selten, indem sie möglichst viele Elemente und Akteure einbeziehen und im wissenschaftlichen Sprachduktus dicht gesponnene Verweisungszusammenhänge suggerieren.
Keine Republik ohne Verschwörungskommunikation
Gerade angesichts der verbreiteten präsentistischen Sichtweise lohnt indes der Blick auf ältere Epochen. Eine solche leistet für die ausgehende römische Republik jetzt die in Bern eingereichte althistorische Dissertation von Jannik Lengeling. Sie birgt Futter zum Denken nicht zuletzt deshalb, weil sie bequeme Abgrenzungsgewissheiten infrage stellt, mit denen auch andere Phänomene wie Korruption, Populismus und gewaltsame Selbsthilfe allzu leicht als deviant abgebügelt werden. Doch schon ein Blick auf wesentliche Merkmale republikanischer (von „res publica“, öffentliche Angelegenheit) Politik seit der Antike legt nahe, dass Verschwörungskommunikationen zu einem von den Bürgern getragenen politischen System gehören wie der Kandiszucker zum Ostfriesentee.

Der Grund: Die prinzipielle Publizität gemeinschaftsbezogenen Handelns lässt alles Heimliche als Gefahr erscheinen, Politik ist aber nicht nur personalisiert, sondern auch von legitimen Netzwerken und Mobilisierungsagenten geprägt – in Rom waren das Klienten, Berater, Unterstützer, Freunde, Financiers. Verschwörerzirkel sind dann deren böse Zwillinge. Politik erscheint hochdynamisch, kontingent, von vielen Akteuren beeinflusst, oft schwer durchschaubar; zugleich hat die politische Rhetorik Zuspitzungsarbeit zu leisten, zu der Vereinfachung und Polarisierung gehören.
Zur Plausibilität von Verschwörungserzählungen trägt wesentlich bei, dass es nicht nur Grauzonen gab, sondern eben auch tatsächliche Verschwörungen im Sinne einer durch eine kleine Gruppe klandestin vorbereiteten direkten Aktion – die Ermordung Julius Cäsars ist der bekannteste Fall. Lengeling trägt diesem Gedanken Rechnung, wenn er zum Zusammenhang von Verschwörungsdenken und Krisenkommunikation festhält, es bedurfte in Rom nicht zwingend einer Krise, damit Verschwörungstheorien entstanden; vielmehr war die Logik der Verschwörung eine allgemein akzeptierte und verbreitete. Nicht zufällig nutzte bereits Cicero die insinuierende Frage, wem etwas nütze („Cui bono?“).
Vier Fallstudien
Der Autor bietet zur Untermauerung vier dicht argumentierende Fallstudien. So wurde im Jahr 90 vor Christus mit Strafe bedroht, wer die Verbündeten Roms zu ihrem für ganz Italien verheerenden Aufstand gegen die Vormacht angestachelt habe. Knapp 30 Jahre später benutzte Cicero die angeblichen Pläne Catilinas, um sich selbst zum Retter Roms zu stilisieren. Hier wird die erwähnte Kombination anschaulich: Der Konsul unterlegte seiner binären Freund-Feind-Unterscheidung ein komplexes, nur von ihm selbst durchschautes Flechtwerk aus Hintermännern, Mittätern und unerkannten Interessen.
Ähnlich funktionierte auch seine erfolgreiche Agitation gegen das Landverteilungsgesetz des Volkstribunen Rullus zu Beginn desselben Jahres, 63 v. Chr., die Lengeling mit Recht als das beste Beispiel für eine voll ausgeprägte Verschwörungstheorie aus römisch-republikanischer Zeit charakterisiert. Beim Attentat auf Cäsar an den Iden des März 44 frappiert die große Zahl der Verschwörer. Für die Mobilisierung der Unentschlossenen waren wohl auch die Machinationen wichtig, Cäsar durch überzogene Ehrungen und Anspielungen auf ein angeblich angestrebtes Königtum in Misskredit zu bringen, sowie dessen Reaktionen auf Verschwörungsgerüchte.
Sensibel wird in den Fallstudien herausgearbeitet, wie Insinuationen von einschlägigen Machenschaften zugleich eine systementlastende Funktion erfüllten: Grundsätzliche Veränderungen brauche es nicht, da nur ein paar schlechte Individuen das Problem seien. Auch andere aus modernen Verschwörungstheorien bekannte Muster finden sich schon hier, ebenso ihr Potential, ein ohnehin bereits geschwächtes politisches Gefüge weiter erodieren zu lassen. In diesem Sinne betont Lengeling mit Recht, wie sehr die politische Kultur der römischen Republik nicht nur von Konsensstreben und geregelter Konfliktaustragung geprägt war, sondern eben auch von einer jederzeit aufrufbaren Bereitschaft zu Eskalation, Ausgrenzung und Gewalt.
Zumal Cicero wird inzwischen in diesem Sinne sehr viel kritischer gesehen. Verschwörungsvorwürfe waren in diesem Sinne zwar allgegenwärtig, aber nicht harmlos, kein bloßes Hintergrundrauschen eines robusten Politikbetriebs. Zugleich warnt der Autor in kluger Selbstbescheidung davor, die Bedeutung seines Untersuchungsgegenstandes zu überschätzen: Angesichts der durchgängigen Präsenz der konspirationistischen Logik und Erzählweise sei es jedenfalls schwierig, politische Entwicklungen allein auf das Auftreten von Verschwörungsvorwürfen zurückzuführen.
Jannik Lengeling: „Verschwörungstheorien in der späten römischen Republik“. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2026. 352 S., geb., 74,– €.
