
Selbst in Zeiten, in denen auch büromodisch „Alles kann, nichts muss“ gilt, sollten Arbeitnehmer immer noch allzeit bereit sein für einen ordentlichen Auftritt. Zumindest suggerieren das Regeln, die in manchen Unternehmen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Eine davon lautet: „Immer so gekleidet sein, dass man mit dem wichtigsten Kunden spontan Mittagessen gehen kann.“ Statistisch gesehen tritt dieser Fall seltener ein als sechs Richtige im Lotto, dennoch sind die pfiffigen Kollegen darauf vorbereitet.
Die eine hat eine Ersatzbluse in der untersten Schreibtischschublade deponiert, beim anderen hängt ein Potpourri an Krawatten am Garderobenhaken, ein Dritter hat sogar Sakko, Anzughose und Einstecktuch im Sideboard verstaut. Wer der Stochastik vertraut, kommt dagegen weiter ins Büro, wie es ihm oder ihr gefällt, und hat natürlich null vorgesorgt. Das aber kann sich böse rächen, selbst an einem normalen Arbeitstag ohne überraschenden Lunchtermin.
Denn die Kleidung eines durchschnittlichen Büromenschen ist schon vor Dienstbeginn zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Es beginnt zu Hause mit Müsli oder Marmeladenbrot, der Zahnpasta und den laufenden Nasen des Nachwuchses. Es folgen das Kettenfett des Rads, Pfützen auf dem Gehsteig oder übersehene Essensreste auf dem U-Bahn-Sitz. Auch der erste Kaffee im Büro kann großen Schaden anrichten. Kurzum: Dauernd und überall lauern Flecknäpfchen.
Zum großen Showdown kommt es beim Mittagessen, gerade wenn dem Kantinenchef die Pilzsoße zu den Gnocchi mal wieder etwas zu dünn geraten ist. Doch auch wer sich selbst fleckenlos durch die Mahlzeit kämpft, ist noch längst nicht gerettet. Er muss mit seinen Sitznachbarn rechnen.
Denn falls Sie sich fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass so ein Gnocco von der Gabel zurück in den Teller plumpst, sei Ihnen geantwortet: sehr wahrscheinlich! Im ungünstigsten Falle spritzt die Soße dann nicht auf das Hemd des Verursachers, sondern auf jenes seines Gegenübers. Immerhin führen solche Erlebnisse zu einer Einsicht: Irgendwo ist sicher noch Platz für ein Ersatzoberteil. Statistik hin oder her.
In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
