In dem Buch „Die Bildungsweltmeister“ beschreiben Sie Ihre Schulbesuche in vier Ländern, die immer wieder als PISA-Vorbilder genannt werden. Haben diese Länder in der gerade veröffentlichten PISA-Studie ihr Niveau halten können?
Singapur und Japan spielen in der aktuellen Studie immer noch ganz oben mit, und Estland ist Europasieger geworden. Finnland hat sich verschlechtert, diese Entwicklung zeichnete sich schon länger ab – wie in vielen anderen westeuropäischen Ländern auch.
Was wäre Ihre Erklärung für das Nachlassen in Finnland?
Es gibt auf jeden Fall einen demographischen Faktor, eine veränderte Schülerschaft, auch Verschiebungen bei der Migration. All das kann aber bei Weitem nicht den großen Leistungsabfall erklären. Viele Lehrkräfte, mit denen ich vor Ort sprach, erklärten sich den Rückgang mit Veränderungen im Schulsystem, bei denen Schülern zu früh zu viel selbständiges Lernen zugemutet wurde. Grob gesagt hat die Bildungsverwaltung viele von der Reformpädagogik inspirierte Maßnahmen gegen den Willen der Lehrkräfte durchgesetzt. Im Jahr 2016 etwa, auf dem Höhepunkt der Bewegung, wurden ganz viele Schulen gebaut oder saniert, in denen dann weitläufige Lernlandschaften entstanden – 80 Kinder in einem Raum. Hier sollten Schüler in selbst gesteuerten Projekten mit möglichst wenig Anleitung lernen.
Das tat es nicht. Es war zu laut in den Räumen, leistungsschwache Schüler kamen mit den Lernbedingungen nicht zurecht. Viele Schulen haben diese Entwicklung wieder rückgängig gemacht und etwa große Vorhänge installiert. Es wird jetzt wieder mehr auf eine Mischung der verschiedenen Unterrichtsformen gesetzt. Aus empirischen Studien wissen wir, dass Projektlernen besonders dann sinnvoll ist, wenn bei den Schülern ausreichend Fachwissen vorhanden ist, das strukturiert und schrittweise vermittelt wird. Auch bei der Digitalisierung, die bei meinem Besuch 2019 ein großer Hype war, wurde in Finnland zurückgerudert. Das habe ich bei meinem letzten Besuch 2024 festgestellt: Der Schwerpunkt liegt jetzt wieder mehr auf dem Lesen von Büchern.

Und warum ist Estland so stabil, auch in der neuen Studie?
Die Schulen dort richten einerseits hohe fachliche Erwartungen an ihre Schüler und unterstützen sie gleichzeitig, wo nötig, durch Förderung. In Finnland, aber auch in Deutschland, bekommt ein Kind, das leistungsschwächer ist, oft leichtere Aufgaben. Diese Differenzierung nach dem Leistungsniveau gilt bei uns sogar als gute Didaktik. In Estland, aber auch in Japan, ist es anders. Dort werden allen Schülern fachlich anspruchsvolle Ziele gesetzt. Statt bei Schwierigkeiten gleich die Anforderungen zu senken, wird zunächst die Unterstützung verstärkt. Wenn in diesen Ländern ein Kind eine Lernlücke hat oder länger krank war, kommt es gleich in eine Kleingruppenförderung, parallel zum Unterricht, für vielleicht zwei Stunden pro Woche, bis die Lücke geschlossen ist. Auch wird in Estland wöchentlich eine Schülersprechstunde angeboten für Fragen und Probleme.
Die Leseförderung in Estland soll sehr ambitioniert sein.
Dazu eine Anekdote: In Estland habe ich eine Schülerin der elften Klasse kennengelernt, die das Jahr zuvor im Austausch in Deutschland verbracht hatte. Einiges hier hat sie sehr überrascht, zum Beispiel, wie einfach die elfte Klasse in Deutschland war, sie hat die Anforderungen in vielem mit der neunten Klasse in Estland verglichen. Auch war sie erstaunt darüber, wie wenig in Deutschland gelesen wurde, in der elften Klasse gerade mal ein Buch. Sie sagte, in Estland müsse sie jeden Monat ein Buch lesen, und zwar ein anspruchsvolles. In Estland hat das Lesen einen hohen Stellenwert, was auch kulturell bedingt ist. Während der sowjetischen Besatzung war das Lesen von Literatur ein Mittel, um die estnische Sprache und Kultur zu verteidigen. Schon im Kindergarten geht man gruppenweise in die Bibliothek und begeistert die Kinder fürs Lesen, schon in der Grundschule werden mehrere Bücher pro Jahr gelesen.

Deutschland ist nicht zuletzt in Mathematik merklich schlechter geworden. Was läuft falsch? Was kann man sich von anderen Ländern abschauen?
Auch hier brauchen wir eine Kleingruppenförderung, die Lernlücken möglichst präventiv auffängt. Eigentlich müssten wir schon in der Grundschule ansetzen und dort regelmäßig diagnostische Tests durchführen. Erreicht ein Kind die Mindeststandards nicht, kommt es in eine Kleingruppen- oder Einzelförderung – ein Auffangnetz für leistungsschwache Schüler. In Hamburg gibt es so etwas Ähnliches schon: Wenn ein Schüler in einem Hauptfach eine Fünf auf dem Zeugnis hat, kommt er verpflichtend in einen Förderkurs. Eine präventive Förderung wäre allerdings noch besser. In Finnland zum Beispiel wird schon bei der Einschulung überprüft, ob ein Kind die Vorläuferkompetenzen mitbringt, um im Unterricht gut mitzukommen. Ist das nicht der Fall, beginnt sofort die Förderung. Diese ist im Allgemeinen sehr flexibel angelegt und kann auch mal nur ein paar Wochen dauern. Man unterscheidet also nicht zwischen Förderkind und Nichtförderkind. Die Förderung ist für alle da. In den Schulen gibt es dafür ganz viele kleine Räume, die wir in Deutschland oft nicht haben.
Wie unterscheidet sich der Mathematikunterricht in Japan?
In Japan ist die Unterrichtsqualität besonders beeindruckend. Entgegen den Klischees, die über Schulen in Asien im Umlauf sind, kommt es den Japanern auf herausfordernde Aufgaben an, bei denen Schüler kreativ denken müssen. Während in Japan, wie eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeigte, jede zweite Klasse im Matheunterricht kognitiv herausfordernde Aufgaben bearbeiten musste, waren es in Deutschland nur 12 Prozent der Klassen. Wobei bestimmte mathematische Grundkompetenzen natürlich vorhanden sein müssen, um kreative Aufgaben lösen zu können. In diesem Zusammenhang habe ich dann tatsächlich auch drillähnliche, aber im Grunde spielerische Situationen an japanischen Schulen gesehen. So bekam an einer Schule jede Klasse einmal am Tag ein DIN-A3-Blatt mit hundert einfachen Rechenaufgaben vorgelegt, die in fünf Minuten gelöst werden sollten.
Ja, und tatsächlich, die Schüler beschrieben die Blätter in Windeseile, und nach fünf Minuten hatten wirklich alle die hundert Aufgaben fertig. Anschließend wurden die Arbeitsblätter mit dem Nachbarn getauscht und im Chor korrigiert. Das ist auch in vielen anderen Kontexten in Japan zu sehen: Bestimmte einfache Prozeduren werden intensiv geübt, damit die Schüler in ihrem Gedächtnis Kapazitäten schaffen, um sich dann mit anspruchsvollen Problemen beschäftigen zu können. In Deutschland vernachlässigen wir diese Basis zu stark, auch weil sie nicht einem bestimmten modernen pädagogischen Geist entspricht, scheint mir. Außerdem unterrichten in Singapur und Japan die Lehrer weniger als in Deutschland, haben dafür aber die Zeit, sich mit Unterrichtsentwicklung zu beschäftigen.

Wie kann das Leistungsniveau in Deutschland außerdem angehoben werden?
In Deutschland haben wir seit einigen Monaten das Startchancenprogramm, das Schulen in schwieriger Lage gezielt fördert, was eine tolle Sache ist. Unterstützt wird aber nur rund jede zehnte Schule. Doch es gibt an allen Schulen Kinder und Jugendliche, die nicht gut lesen und rechnen können, sie brauchen alle Unterstützung. Und eine individuell zugeschnittene, regelmäßige Kleingruppenförderung hilft gerade den benachteiligten Schülern. Außerdem sollten wir einen Schwerpunkt auf die Grundschule legen. In Hamburg ist es zum Beispiel so, dass Lehramtsstudierende hier bei der Leseförderung unterstützen. Das ist eine kostengünstige Lösung, die wir verstärkt umsetzen sollten. Wir müssen jetzt schnell handeln, sonst wird alles noch schlimmer.
Wie weit kann man gegen den Zeitgeist unterrichten, wie weit lässt sich Disziplin in betont liberalen Ländern durchsetzen?
Singapur legt einen großen Wert auf Klassenführung, das „classroom management“, also zum Beispiel auf die Frage: Wie kann ich meinen Unterricht so gestalten, dass möglichst wenig Leerlauf entsteht – was dann auch Störungen vorbeugt. Ich habe dort wahnsinnig kompetente Lehrkräfte erlebt, die im Schulalltag alle Strategien umgesetzt haben, die ich in international führenden Büchern zum Thema gelesen habe. Ich denke, dass das Thema Klassenführung in Deutschland total unterbelichtet ist. Wobei gute Klassenführung nicht autoritär ist. Es geht um Bestimmtheit, darum, dass allen Schülern klar ist, was man gerade von ihnen erwartet und welche Regeln gelten. Die Lehrer in Asien habe ich bei alldem als sehr herzlich und humorvoll erlebt.
