Das politische Leben von Bernie Sanders ist eine der Erfolgsgeschichten der amerikanischen Politik, wenn auch ohne die ultimativen Erfolgs-Meilensteine. Präsident ist der unabhängige Senator aus Vermont nie geworden, nicht einmal Präsidentschaftskandidat, auch nicht Minister. Und doch hat der inzwischen 85-Jährige die Politik stärker verändert als viele andere. Seit mehr als fünfzig Jahren vertritt er Positionen, die in den USA oft als zu weit links galten: Er will starke Gewerkschaften, eine allgemeine Krankenversicherung, höhere Steuern für Reiche und eine Politik, die wirtschaftliche Ungleichheit als Gefahr für die Demokratie begreift.
Nun erscheint Sanders’ neues Buch „Fight Oligarchy“ auf Deutsch, fast ein Jahr nach dem amerikanischen Original. Das ist für politische Bücher ungünstig, es bietet aber immerhin die Möglichkeit, Forderungen und Vorhersagen mit der Gegenwart zu vergleichen. Sanders’ Ausgangspunkt ist die Konzentration von Reichtum und Macht. Die USA seien auf dem Weg von der Demokratie zur Oligarchie. Elon Musk, Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg besitzen nicht einfach obszön viel Geld; ihr Reichtum verschaffe ihnen Kontrolle über Medien und Politik. Unter Donald Trump sei auch die persönliche Bereicherung von Politikern eskaliert wie nie zuvor.
Trump nutzt reale Probleme für sich
Sanders’ Erklärung des Trumpismus wurzelt in den realen Problemen der Wähler: Während Produktivität und Privatvermögen in den vergangenen Jahrzehnten immer größer wurden, stagnierten die Löhne. Fabriken verschwanden, aber Krankenversicherungen und Wohnungen wurden immer teurer. Statt die Ursachen zu bekämpfen, lenke Trump die Wut auf Sündenböcke – Schwarze, Einwanderer, queere Menschen. Die Demokraten hätten sich gleichzeitig von der Arbeiterklasse ab- und reichen Spendern zugewandt, kritisiert Sanders die Partei, deren Mitglied er nicht ist, als deren „Outreach Chair“ er aber fungiert und um deren Präsidentschaftskandidatur er sich zweimal bewarb.

Dabei ist der Senator etwa in der Einwanderungspolitik weniger links, als viele denken. „Offene Grenzen“ fordert er nicht. Natürlich müsse die Grenze besser gesichert werden, schreibt Sanders. Gewalttäter ohne Aufenthaltsrecht sollten abgeschoben, das Einwanderungssystem reformiert werden. Trump setze stattdessen auf die rassistische Dämonisierung von Migranten und einen Abschiebungsapparat, der mehrheitlich nicht Schwerkriminelle ins Visier nehme.
„Fight Oligarchy“ ist weniger Theorie- als politisches Kampfbuch und richtet sich deutlich an amerikanische Wähler. Im letzten Drittel folgt ein konkretes Programm: Sanders will die Macht der Großspender in der Politik brechen, Wähler automatisch registrieren und Militärausgaben kürzen. Er fordert Medicare for all, bezahlbaren Wohnraum, stärkere Gewerkschaften, einen höheren Mindestlohn, öffentliche Kinderbetreuung und bezahlte Elternzeit.
Starke Linke mit neuen Problemen
Fast ein Jahr nach Erscheinen des Buches sind viele dieser Forderungen in Umfragen weiter populär. Die amerikanische Linke ist vielerorts stärker geworden, gewinnt manche Vorwahlen, Zohran Mamdani ist Bürgermeister von New York. Aber die Bewegung produziert auch neue Probleme für sich selbst, streitet über den Umgang mit der Demokratischen Partei und bekommt von „moderaten“ Parteigrößen Gegenwind. Auf Probleme wie den linken Antisemitismus haben Organisationen wie die DSA (Democratic Socialists of America) aus Sicht vieler Kritiker keine Antworten, die sie bündnisfähiger machen würden.
Passend zu diesen Konfliktlinien ist kürzlich ein anderes Buch über Bernie Sanders erschienen. Tad Devine, Sanders’ Chefstratege aus dem Wahlkampf 2016, rekonstruiert in „How the Democrats Screwed Bernie“, wie die Parteiführung damals Hillary Clinton bevorteilte, vom Debattenkalender über die Superdelegierten bis zum Streit um die Wählerdatenbank. Dahinter steht eine aktuelle Frage: Wie viel innerparteiliche Rebellion vertragen die Demokraten? Sanders’ eigene Position ist konstant geblieben, er will wirtschaftliche Macht begrenzen, Klassenunterschiede politisieren und Mehrheiten organisieren. „Fight Oligarchy“ aktualisiert dieses Programm. Und Sanders demonstriert, was der amerikanischen Linken oft fehlt, nämlich die klare Vorstellung davon, wen Politik überzeugen muss: nicht nur Fraktionen der eigenen Bewegung, sondern eine Mehrheit der Wähler.
Bernie Sanders: „Fight Oligarchy“. Über Widerstand in autoritären Zeiten. Aus dem Englischen von Matthias Strobel. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 128 S., geb., 20,– €.
