
Am Mittwoch endet die zweitägige Sitzung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed), die entscheidend für den künftigen Kurs der amerikanischen Geldpolitik ist. Erhöhen die zwölf stimmberechtigten Notenbanker den Leitzins oder halten sie still? Fed-Chef Kevin Warsh hat in seiner Rede in Jackson Hole den Eindruck hinterlassen, er wolle die Inflation mit größter Entschlossenheit bekämpfen, nachdem die Geldpolitik seit mehr als fünf Jahren das Inflationsziel von zwei Prozent verfehlt hat. In früheren Auftritten hatte er allerdings die Finanzmärkte mit vagen Äußerungen beunruhigt, die Zweifel an seinem Willen nahelegten, die Teuerung zu bändigen.
Mit einer Entscheidung für eine Leitzinserhöhung würde Warsh den Zorn des amerikanischen Präsidenten Donald Trump heraufbeschwören. Dieser drohte sogar damit, den Handel mit anderen Ländern einzustellen, sollte die Notenbank den Leitzins nicht senken. Die Logik dahinter ist nicht unmittelbar nachzuvollziehen, weil in einem Szenario ohne Importkonkurrenz heimische Anbieter einen echten Anreiz bekämen, die Preise zu erhöhen, was gewöhnlich die Fed auf den Plan rufen würde.
Unabhängig davon verkompliziert Trump mit seiner fortwährenden Druckkampagne zugunsten einer lockeren Geldpolitik die Lage für Warsh. Dessen Entscheidung wird zunehmend im Lichte der Frage betrachtet, wie unabhängig die Fed noch ist – und weniger danach, ob die ökonomischen Umstände eine Politik des Stillhaltens oder sogar der Zinssenkung erlauben.
Die Märkte erwarten höhere Leitzinsen
Laut CME Fed Watch erwarten die Börsenhändler mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent, dass es zu einer Leitzinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt auf 3,75 bis vier Prozent kommt. Es gibt aber auch ein paar Argumente zumindest für ein Stillhalten.
Die Ökonomen von Goldman Sachs argumentieren, die gesamte Überschreitung des Zwei-Prozent-Ziels sei eine Folge vorübergehender Sondereffekte, deren Wirkung nachlasse, wie die leicht sinkende Kerninflation der vergangenen drei Monate andeute. Dazu komme, dass die Wirtschaft nicht überhitzt sei und deshalb nicht durch eine Verteuerung der Finanzierungskosten abgekühlt werden müsse. Außerdem könne die Fed bei Angebotsschocks wie dem Preissprung bei Öl, Benzin und Diesel wenig ausrichten. Ob die Fed den Leitzins etwas anhebe oder nicht: Sie werde darauf warten müssen, dass die Wirkung der Schocks von selbst nachlasse, schreiben die Bank-Volkswirte.
Im Grundsatz stimme das, schreibt KPMG-Chefvolkswirtin Diane Swonk auf X: Gewöhnlich seien Angebotsschocks wie der derzeitige Ölpreisschock vorübergehende Ereignisse, über die man hinwegsehen könne. Doch diesmal lägen die Dinge nach ihrer Analyse anders: Schocks seien inzwischen die Regel und nicht die Ausnahme und erhöhten damit doch die Inflationserwartungen. „Die Wirtschaft gewöhnt sich an höhere Preise – etwa daran, wie sich teurer Diesel durch nahezu alle Güter und Dienstleistungen frisst.“ Swonk befürwortet deshalb eine Verschärfung der Finanzierungsbedingungen. Das könne einen Teil des Preisdrucks dämpfen.
Fast fünf Prozent Rendite für zehnjährige Staatsanleihe
Strafft die Fed die Geldpolitik nicht, dürfte nach Swonks Ansicht der ohnehin nervöse Anleihemarkt einen höheren Inflationsaufschlag verlangen. Dort wächst die Unruhe: Die Rendite für die zehnjährige US-Staatsanleihe kratzte am Montag zum ersten Mal seit mehr als zweieinhalb Jahren an der Fünf-Prozent-Marke. Zuletzt war sie während der Finanzkrise so hoch.
Jared Bernstein, Chefökonom des Weißen Hauses in der Biden-Ära, argumentiert für höhere Leitzinsen, unter anderem, weil sich die Preissteigerungen bei Dienstleistungen als hartnäckig erwiesen. Dazu liefert er politische Begründungen: Eine Zinserhöhung würde demonstrieren, dass die Fed unabhängig von Trump handelt. Das allein sei nicht ausschlaggebend. Aber wenn die Argumente ohnehin auf der Kippe stünden, sei es ein Pluspunkt.
Und schließlich drohe ein Szenario, bei dem die Fed jetzt die Hände stillhalte, aber bei ihrer nächsten Sitzung zum Handeln gezwungen sei. Ein Zinsschritt nach oben kurz vor den Zwischenwahlen wäre politisch heikel, um das Mindeste zu sagen: Der Zorn aus dem Weißen Haus wäre programmiert. Das dürfe die Notenbanker nicht am Handeln hindern, mahnt Bernstein. Sein Rat allerdings: „Bleiben die Daten ungefähr wie derzeit, wäre mein Kurs: jetzt erhöhen, Ende Oktober pausieren.“
