
Als Friedrich Merz um sieben Minuten nach Sechs am Dienstagabend in den Gewölbekeller kommt, gibt es kräftigen Applaus. Er ist in einer Eventlocation in Berlin, Gastgeberin ist die Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Kanzler darf also hoffen, dass die jungen Menschen, die mit ihm diskutieren wollen, in konstruktiver Absicht gekommen sind. Die Begrüßung durch Annegret Kramp-Karrenbauer, die Vorsitzende der Stiftung wurde, obwohl Merz einen anderen Kandidaten ausgeguckt hatte, freundlich. Es sei „Dein Wunsch, lieber Friedrich“ gewesen, am 77. Jahrestag der Wahl Konrad Adenauers zum ersten Bundeskanzler mit jungen Leuten zu diskutieren.
Merz hält zu Beginn eine kleine Rede, die bis an die Anfänge der Republik reicht, noch davor zurück bis zur Währungsreform im Jahr 1948. Merz spricht von der „Strahlkraft“ der Marktwirtschaft, bekräftigt den Wert der Westbindung und macht dann einen kleinen Sprung ins Jahr 1952, als Stalin die Vereinigung Deutschlands gegen Neutralität anbot. Der Kanzler lässt keinen Zweifel, dass er die Ablehnung durch Adenauer gutheißt.
Dann erinnert er noch daran, dass die Veröffentlichung des Buchs von Ludwig Erhard sich 2027 zum siebzigsten Mal jähre. Merz regt eine neue Auflage an und sagt, dass diejenigen, die heute 70 oder gar 80 Jahre alt seien, nur Wohlstand erlebt hätten. Das klingt sehr westdeutsch und man fragt sich in diesem Moment, ob alle Ostdeutschen dieser Altersklasse es auch so sehen.
Merz fühlte sich sichtbar wohl in dem Kreis. Er bekommt kräftigen Beifall, als er die vielen erfolgreichen Startups in Deutschland erwähnt, macht seinem Publikum Mut. Das scheint die Worte gern zu hören. Gleichwohl bestreitet der Kanzler die Probleme nicht. Als ein Fragesteller aus dem Bundesvorstand der Christlich Demokratischen Arbeitnehmerschaft auf die Unzufriedenheit in der Bevölkerung hinweist, sagt Merz, große Teile der Bevölkerung hätten kein wirkliches Vertrauen in Politik und Bundesregierung. Sie liefen daher „einfachen Lösungen“ rechts und links nach.
Die Koalition ist ins Vibrieren geraten
Womit klar war, dass der Gewölbekeller die Wirklichkeit doch nicht abschirmen kann. Vor allem diejenigen, die die „einfachen Lösungen“ rechts suchen, machen Merz und der CDU schwer zu schaffen. Die Wahlkatastrophe für die CDU in Sachsen-Anhalt liegt gerade neun Tage zurück. Vor allem die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern am kommenden Sonntag verspricht ebenfalls schlechte Nachrichten für die CDU.
Die von Merz geführte Koalition mitsamt ihren Reformplänen ist darüber so ins Vibrieren geraten, dass Merz gerade versucht zu stabilisieren, was eben zu stabilisieren ist. Während er im Keller der Deep-Eventlocation noch kräftig Applaus bekommt, laufen die Meldungen, dass er seine für den Anfang der kommenden Woche geplante Reise nach New York zur Generalversammlung der Vereinten Nationen abgesagt hat, „da seine Präsenz in Berlin erforderlich ist“, wie aus Regierungskreisen mitgeteilt wurde. Wenige Stunden zuvor hat er bei einem anderen Auftritt in der Hauptstadt angekündigt, dass er gleich nach den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin das gründliche Gespräch mit dem Koalitionspartner SPD suchen wolle, um über die gemeinsamen Ziele zu sprechen. Es dürfte eine sehr wichtige Woche für das Regierungsbündnis werden.
Merz kommt unterdessen im Gewölbekeller auch durch schwierige Kurven. Als es um die Rentendebatte geht, ein für das junge Publikum heikles Thema, schafft er es sogar, aus dem Aufstand der Jungen Gruppe Ende vorigen Jahres gegen die Rentenpolitik der Koalition ein Gewinnerthema zu machen. Er habe in seiner parlamentarischen Zeit noch nicht erlebt, dass die Junge Gruppe so viel Einfluss gehabt habe. Seinem jungen Publikum ruft er zu, es könne sehen, wie wirkungsvoll es sei, wenn man sich organisiere. Ende vorigen Jahres fand Merz es eher bedrohlich als empfehlenswert, als seiner Rentenreform die Mehrheit abhandenzugehen drohte.
Wohlfühlthema Pflichtjahr
Für einen kurzen Moment wird dann doch noch die Spaßbremse gezogen, als Doktorandin Emilie Antonia Höslinger vom Ifo Institut ihren Vorwurf von der Zweckentfremdung des Sondervermögens vorträgt. Seine Gesichtszüge spannen sich kurz an. Als sie von ihm ein Versprechen einfordert, die Reformen durchzusetzen, verspricht er zumindest, es „ernsthaft zu versuchen“. Es werde aber ein Kraftakt und er habe nur eine Stimme im Bundestag. Ein echter Disput entsteht nicht.
Ein Wohlfühlthema ist offenbar das soziale Pflichtjahr, dass Merz fordert. Auch dafür klatscht die jungen Leute kräftig. Am Ende kommt Kramp-Karrenbauer nochmal auf die Bühne, lobt, dass man kritisch diskutieren könne, aber im Respekt voreinander. Merz findet das offenbar auch. Der Abend habe ihn motiviert und ihm „ein Stück Kraft“ gegeben „in einer Zeit, die verdammt nicht einfach ist“.
