Majestät, wie steht es nach einem Jahr Regentschaft um Ihr Herrschaftsgebiet im Rheingau?
Der Rheingau ist nach wie vor ein Traum – und dieses erste Jahr als Königin hat mir meine Heimat noch einmal auf ganz neue, tiefere Weise geöffnet. Es war eine wunderbare Reise, die Region noch intensiver kennenzulernen als zuvor. Und klar, der Weinkonsum in Deutschland geht zurück, und das spüren wir auch im Rheingau. Wir müssen ganz schön was tun, damit sich das wieder ändert, dass wir wieder junge Menschen dazu bekommen, Wein zu genießen.
Haben Sie als Weinkönigin Ideen einbringen können, wie das gelingen kann?
Als Weinkönigin, aber auch als Schaustellerin mit meinem Weinstand wie gerade in den vergangenen Tagen auf dem Rheingauer Weinmarkt mitten in Frankfurt. Wir müssen Wein generell mehr in die Großstädte bringen. Am Beispiel des Rheingauer Weinmarkts sehen wir, wie hervorragend Weinkultur im urbanen Raum funktioniert. Das ist ein Konzept, das wir unbedingt weiterdenken sollten. Dieses besondere Lebensgefühl lässt sich schließlich über Frankfurt hinaus in viele andere deutsche Metropolen tragen.
Haben Sie den Rheingau neu entdeckt?
Ich habe den Rheingau noch mal intensiver kennengelernt, weil ich viele Termine in sehr vielen Gütern und auf Weinfesten hatte.
Was sind Ihre Entdeckungen?
Im Rheingau spürt man überall und ständig, wie wichtig Wein einfach für die Gesellschaft dort ist. Ich habe aber auch gespürt, wie wenig Einsamkeit im Rheingau herrscht. Im Rheingau gibt es im Vergleich zu Großstädten unglaublich wenige Singlewohnungen. Das konnte ich in diesem Jahr tatsächlich immer wieder beobachten. Und es ist faszinierend, wie lebendig Geschichte und Tradition hier auf Schritt und Tritt spürbar sind. Es ist eben ein großer Unterschied, ob man die Zahl von 1200 Jahren Weinbautradition nur theoretisch kennt oder ob man diese Historie an Orten wie dem Kloster Eberbach oder Schloss Johannisberg regelrecht atmen kann.
Tradition kann auch hemmen und bremsen. Steht sich der Rheingau mit der Last der Vergangenheit manchmal selbst im Weg?
Nein, das habe ich überhaupt nicht so empfunden. Es gibt genauso viele junge wie ältere Menschen auf den Weingütern wie auch in den Ortschaften. Ich habe an keinem dieser Orte das Gefühl gehabt, dass Tradition uns einengt oder ausbremst. Sie wird im Rheingau unglaublich lebendig und zukunftsgewandt gelebt.
Als Frankfurterin war meine Wahl für den Rheingau sicherlich eine Herausforderung – ein mutiger Schritt, den man zuvor so noch nicht gegangen war. In manchen Köpfen gibt es ja immer noch eine gedankliche Grenze zwischen der Großstadt und der Weinregion. Für mich war es deshalb eine wunderbare Aufgabe, genau diese Brücke zu schlagen und zu zeigen, wie eng wir eigentlich zusammengehören. Nach der Wahl und meinen ersten Auftritten ist aber die Kritik abgeebbt.
Tatsächlich zählt der Frankfurter Lohrberg mit weniger als einem Hektar Anbaufläche als kleinste und östlichste Weinlage offiziell zum Rheingau, woraus sich Ihr Herrschaftsanspruch als Majestät ableitet. Musste die Provokation dennoch sein?
Ich habe diesen Schritt nie als Provokation verstanden oder geplant. Mir war es von Anfang an wichtig, das offene Gespräch zu suchen. Ich habe oft gesagt: „Ich möchte unsere wunderbaren Traditionen doch nicht einreißen – aber wir müssen auch den Mut haben, mal ausgetretene Pfade zu verlassen.“ Und wenn man sich dann überlegt, wie viele Touristen wir in Frankfurt haben, wie viele Menschen hier in Frankfurt sind, und wenn wir da Rheingauer Wein platzieren können, wie sehr das für uns alle und den Rheingau von Vorteil sein kann. Dann waren die Vorbehalte eigentlich ganz schnell vom Tisch.
Es war also schlimmer, dass Sie Frankfurterin sind, als dass Sie keine Winzertochter sind, sondern Schaustellerin?
Ich würde es nicht so scharf formulieren, aber tatsächlich spielte mein Beruf keine Rolle. Das Bild von der Weinkönigin hat sich schon lange vollkommen gewandelt. Das war schon früher ungerecht, dass Weinköniginnen auf die Existenz als Winzertochter reduziert wurden. Die Frauen waren immer schon hochkompetent, haben im Weingut voll mitgearbeitet, waren gut ausgebildet, hatten Ahnung von allem, was im Weinberg passiert, haben die Buchhaltung geregelt. Auch für die Winzerinnen sind die Herausforderungen mit wachsender Bürokratie und weiteren Belastungen enorm gewachsen. Da ist es eigentlich kaum noch möglich, nebenher auch noch Weinmajestät zu sein. Deshalb sind viele froh, wenn sich auch Leute bewerben mit einem anderen Hintergrund.

Ihr besonderer Hintergrund ist, dass Sie Wein nicht nur in einem Ambiente wie hier an der Alten Oper unters Volk bringen, sondern eben auch bei klassischen Volksfesten wie dem Wäldchestag oder der Dippemess, die man eher mit Bier und Ebbelwei in Verbindung bringt. Wie passt das zusammen?
Das ist doch das Schöne an der Sache, dass man dann auch wirklich mit Menschen in Berührung kommt, die vielleicht sonst nie mit dem Thema deutscher Wein in Berührung kommen. Also ich habe zu jeder Weinkarte, die ich schreibe, immer auch einen Wein-Guide, in dem alles über die Rebsorten drinsteht, übers Anbaugebiet, über die Winzerinnen und Winzer. Auch damit versuche ich nachhaltig die Leute für Wein hoher Qualität zu begeistern. Es ist Winzern heutzutage kaum noch möglich, Weinfeste außerhalb vom Rheingau zu bedienen. Sie haben dann die Anfahrt und das Risiko mit dem Wetter, das Personal, die steigenden Kosten. Ich bin eh unterwegs und nehme die Rheingauer Weine als Botschafterin mit. Ich sehe das als Win-win-Situation für alle. Ein besonderes Anliegen war es für mich, die Chancen auf Weihnachtsmärkten aufzuzeigen. Es gibt in Deutschland 3000 Weihnachtsmärkte mit ungefähr 160 Millionen Besuchern aus aller Welt. Wenn wir es schaffen, dort deutschen Wein zu positionieren, wäre das eine Riesenhausnummer.
Aber da geht es vor allem um Glühwein, oder?
Auch, aber durch die wärmeren Temperaturen im Dezember hat sich das verändert. Ganz früher war es so, dass man tatsächlich nur Glühwein auf den Weihnachtsmärkten getrunken hat. Mittlerweile wird auch mehr Wein getrunken. Und beim Glühwein achten die Leute auch deutlich mehr auf Qualität, das ist auch nicht mehr alles rot und irgendwie zusammengerührt, heißer Riesling oder heißer Chardonnay sind entsprechend aufbereitet sehr beliebt.
Sie bringen eine Expertise ein, die man kaum mit dem Rheingau als Edelweinregion verbindet …
Ganz am Anfang dachte ich auch, dass Schaustellerei und Weinbau zwei völlig verschiedene Welten sind. Aber eigentlich sind sie sich unglaublich ähnlich. Am Ende sind es beides Familienbetriebe, die vor genau denselben Herausforderungen stehen und einen ganz ähnlichen Alltag haben. Also beide Branchen denken rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche an ihr Geschäft, bei beiden Branchen ist das Hauptrisiko das Wetter. Der Weinbau wie die Volksfeste sind als immaterielles Kulturerbe für Deutschland anerkannt. In beiden Branchen geht es darum, traditionsbewusste Betriebe zukunftsfähig weiterzuentwickeln und am Ende auch an die nächste Generation zu übergeben. Wenn man dann im Gespräch mit einem Winzer sagen kann: „Mensch, ich weiß genau, wie es ist, so eine Generationsübergabe, wie aufreibend das sein kann“, dann schafft das Verbindungen.
Haben Sie in Ihrer Regentschaft den Rheingau und Frankfurt näher zusammengebracht?
Ja, da bin ich sicher. Ich habe mehr Menschen zeigen können, dass Frankfurt zum Rheingau gehört. Es kam im vergangenen Jahr hinzu, dass der Lohrberg einen neuen Pächter bekommen hat, dadurch war er in aller Munde. Fabian Schmidt ist die Idealbesetzung als ganz toller Jungunternehmer, der in Hochheim beheimatet ist und auch ganz neue Ideen einbringt.
Wäre für Sie denn auch eine Werbung für eine Weinbauregion „Frankfurt Rheingau“ oder „Rheingau Frankfurt“ denkbar, die Großstadt und Weinbauregion zusammenbringt?
Da sollte man sicher noch ein wenig drüber nachdenken und dran feilen, aber mein Gefühl sagt mir in jedem Fall, dass es nur gut sein kann, den Rheingau international mit Frankfurt zu verknüpfen. Frankfurt kennt jeder auf der Welt allein schon wegen des Flughafens. Und nur den wenigsten dürfte bekannt sein, dass man in weniger als einer halben Stunde von dort mitten im Weinberg sein kann. Wenn man das geschickt verknüpft mit der Tradition wie beispielsweise der Verbindung zum britischen Königshaus und Königin Victoria mit ihrem Leitspruch „A ‚Hoch‘ a day keeps the doctor away“, also ihrer Gepflogenheit, täglich ihren Hochheimer Lieblings-Riesling zu trinken, dann weckt das bei mir sehr viel Phantasie.
Uber hat jetzt schon ein Weintaxi ins Leben gerufen für Pendelfahrten zwischen Frankfurt und Weingütern. Das müsste Ihnen gefallen …
Das zeigt, dass es diesen Markt gibt und Chancen für die Winzer.
Gibt es denn auch Chancen für Sie? Der Rheingau hat bei der Wahl keine so glorreiche Historie in den vergangenen Jahrzehnten. Gefühlt hat seit der bis heute letzten Weinkönigin Ulrike Neradt im Jahr 1972 die Wahl keiner Rheingauer Kandidatin mehr Freude bereitet. Seit einem lautstarken Protest gegen das Wahlverfahren verpflichtet der Rheingau seine Königinnen auch nicht mehr zur Kandidatur in Neustadt an der Weinstraße.
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, mich dem Wettbewerb zu stellen. Ich durfte im Verlauf meiner Zeit als Königin auch Ulrike Neradt kennenlernen bei der Weinwoche in Wiesbaden. Das ist eine ungemein tolle Frau, sie hat eine wahnsinnige Ausstrahlung. Ich war wie verzaubert. Wir haben anderthalb Stunden zusammengesessen und uns unterhalten. Sie hat mir sehr viel Mut gemacht.

Sie selbst haben einen Zwillingsbruder und haben deshalb Frankfurt und den Rheingau auch mal in diesem Sinne ins Bild gesetzt. Warum ist das ein Zwillingspaar?
Weil Frankfurt und der Rheingau zusammengehören wie Zwillinge.
Das ist wie bei zweieiigen Zwillingen – so wie bei meinem Bruder und mir: Wir sind zwar total unterschiedlich, aber wir gehören trotzdem einfach zusammen. Man denkt ja immer, dass Unterschiede uns voneinander trennen. Aber eigentlich können Unterschiede auch füreinander genutzt werden. Und das ist bei Frankfurt und dem Rheingau so. Und das ist auch in anderen Weinbauregionen übrigens so, dass die Großstädte nicht ausreichend genutzt werden. Das ist einer der Gründe, warum wir in Deutschland nur 30 Prozent eigenen Wein trinken, während die Österreicher 70 Prozent aus eigenem Anbau verkosten. Da darf man nicht dem Verbraucher den Schwarzen Peter zuschieben, sondern muss das eigene Produkt attraktiver vermarkten.

Wir müssen dort ansetzen, wo Kaufentscheidungen getroffen werden. Das heißt Einzelhandel, Hotellerie, Gastronomie, Volksfeste. Regionalität ist beim Essen aus meiner Sicht viel präsenter als beim Wein, es muss also im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand hinaus ins Glas geblickt werden.
Welcher Zwilling sind Sie denn im Vergleich zu Ihrem Bruder? Frankfurt oder der Rheingau?
Er ist etwas traditionsbewusster, handwerklich begabter. Ich bin vielleicht ein bisschen offener, ich habe auch schon mal im Ausland gelebt in meiner Zeit in der Hotelbranche. Also bin ich vermutlich Frankfurt und er der Rheingau.
Ist der Ruf einer Weinkönigin denn weniger verstaubt als noch vor einigen Jahren?
Die Wahl inklusive einiger Neuerungen wie jener, dass Männer als Weinmajestäten um die Krone mitstreiten dürfen, hat dem Ganzen etwas gegeben, wofür man sich nicht mehr schämen muss. Ich denke einfach, man hat dem Thema endlich genügend Ernsthaftigkeit gegeben.
Müsste man dann den Titel ändern, etwa in „Botschafterin“?
Ich verstehe mich als Botschafterin des Weins, wir sind tatsächlich Repräsentantinnen für den deutschen Wein oder eben gebietsspezifisch. Aber trotzdem finde ich den Titel Königin schon schön.
Zur Person
Lena Roie ist amtierende Rheingauer Weinkönigin. Die gebürtige Frankfurterin entstammt einer Schaustellerfamilie, sie widmet sich vor allem einem Weinstand, mit dem sie auf Volksfesten gastiert. Die 32 Jahre alte Roie hat sich über die Wahl zur Frankfurter Weinkönigin das Recht erworben, Gebietsweinkönigin zu werden. Am 19. September wird sie an der Vorausscheidung zur Wahl der Deutschen Weinmajestät teilnehmen. Die Entscheidung über die Vergabe der Krone folgt eine Woche später.
