
Das macht doch keiner, oder? Nachts den Müll im Park entsorgen oder wegwerfen, wenn keiner in der Nähe ist. Oder auch: Das Wasser laufen lassen, wenn niemand neben einem steht. Und am Ende vielleicht noch den Strom sinnlos verprassen, wenn kein Zähler angeschlossen ist. Alles sozial unerwünscht, nicht wahr? Passiert aber eben doch. Wenn die Schamgrenze fällt, weil die sozialen Bremsen versagen und die Regeln des richtigen Verhaltens mal schnell vergessen werden, spricht die Psychologie ganz allgemein vom Enthemmungseffekt.
Im Umwelt- und Gesundheitsschutz ist diese negative Enthemmung quasi ein Dauerbrenner. Sie passiert dort sogar im großen Stil, und bei genauem Hinsehen funktioniert Umweltschutz – siehe Dieselskandal – überhaupt nur durch Überwachung und Kontrolle. Weswegen sich allerdings wieder andere in ihrer Freiheit eingeschränkt oder bevormundet fühlen und schon mal gelegentlich ihre moralischen Bremsen lockern. Mit anderen Worten: Der Enthemmungseffekt sorgt für manchen sozialen Unmut.
Feinstaubmesswerte schnellen hoch
Am Beispiel der USA, wo die antiökologische Enthemmung zum politischen Programm der Regierung Trump gehört, lässt sich der Effekt in Echtzeit verfolgen. An diesem Montag hat die US-Umweltbehörde EPA angekündigt, die bisherigen Regeln für klimaschädliche Emissionen aus Kohle- und Gaskraftwerken zu kippen und damit die Kraftwerksbetreiber weiter zu entlasten.
Die drohende Enthemmung ist allerdings keineswegs beschränkt aufs eigene Land, sondern wirkt in der ganzen Welt. Wissenschaftler der Columbia University in New York haben in 46 Metropolen die Probe aufs Exempel gemacht. In den jeweiligen US-Botschaften und Auslandsvertretungen wurden, weil es in vielen der Staaten keine unabhängige Luftüberwachung gibt, bis zum Herbst 2025 jahrelang Luftmesswerte erfasst, ausgewertet und öffentlich sichtbar gemacht. Bis die Botschaften und Konsulate von höchster Stelle angewiesen wurden, die Umweltmessstationen einzumotten.
Das Resultat: Innerhalb von drei Monaten schnellten die von Satellitenmessungen verifizierten Feinstaubwerte hoch, an einigen Stellen auf das Dreifache der WHO-Richtwerte. In vielen anderen Städten ohne den Mess-Shutdown blieb die Luft sauber. Wer die Umweltmissetäter waren, ob Industrie- oder Staatsbetriebe, wurde nicht ermittelt. Deshalb lässt das in den „PNAS veröffentlichte „natürliche Experiment“, wie die Forscher es nennen, vorerst nur einen, sehr allgemeinen Schluss zu: Enthemmt lebt es sich wie erwartet nicht unbedingt gesünder.
