
Über Gisèle Pelicot ist viel gesprochen worden. „Die Scham muss die Seite wechseln“ ist geflügeltes Wort geworden, ihre Memoiren verkaufen sich wie geschnitten Brot, ihre Auftritte zur nahenden Frankfurter Buchmesse werden angekündigt wie die eines Schauspielstars. Der Rest der Fälle, in denen Frauen betäubt, vergewaltigt, zum Teil schwer verletzt werden und oft genug keine Chance haben, zu ihrem Recht zu kommen, wird jedoch kaum zum Thema. Die Opfer tragen ihr Leben lang schwer an dem, was ihnen angetan wurde. Und wird. Auch das Schweigen setzt die Untaten fort – und erst recht die Verharmlosung.
„Ich will dir die Gewalt zurückgeben“, sagt die junge Alexandra in Lisa Wentz’ Stück „Der Abend vor dem Danach“. Seitdem Alexandra, Jahre zuvor, betäubt und vergewaltigt worden ist, spürt sie die Gewalt, die ihr angetan wurde, die in ihr lebt „wie ein Tier, das jeden verletzt, der mir zu nahe kommt.“ Wentz, Jahrgang 1995, die zwar ihre Karriere als Autorin in Deutschland mit dem Jugendstück „Aschewolken“ begonnen hat, ist in den vergangenen Jahren in ihrer Heimat Österreich zur „Stardramatikerin“ geworden. Ihre Stücke werden am Burgtheater inszeniert, sie hat für die Familienbiographie „Adern“, die in der Tiroler Bergbauregion um Schwaz, ihre Heimatstadt, spielt, den Nestroy-Preis gewonnen.
In Deutschland ist es nun das Schauspiel Frankfurt, das ihr als erstes deutsches Haus einen Stückauftrag erteilt hat. „Der Abend vor dem Danach“ sollte das Zeug haben, das Publikum zu beunruhigen, ein Thema zum Gesprächsstoff zu machen, das dringend in die Mitte der Gesellschaft, wie man so sagt, gehört. Denn man mag über große Prozesse wie Pelicot oder auch den im Februar vom Landgericht Frankfurt verurteilten Chinesen sprechen, der fast zwei Dutzend chinesische Frauen betäubt, vergewaltigt und für ein widerwärtiges Netzwerk weiterer Täter gefilmt hat. Doch was ist mit einzelnen Taten? Und was mit den Strukturen, mit der Sprache, die Täter begünstigt und Opfer stigmatisiert?
Enthüllungsdrama im Kammerformat
Ob am Ende die zuvor von den jovialen Herren im Geplänkel belachten Kastrationsphantasien von Alexandra in die Tat umgesetzt werden, bleibt in Susanne Frielings minimalistischer Inszenierung in den Kammerspielen des Schauspiels klugerweise ausgespart. Selbstjustiz, als Frage in den Raum gestellt, ist das letzte Kapitel der 90 Minuten, denen man gespannt folgt – auch wenn das Ganze schwer daran trägt, dass Wentz offenbar unbedingt ein „well-made play“ hat schreiben wollen. Ein bürgerliches Enthüllungsdrama im Kammerformat, das auf zwei Ebenen zugleich entlarvt, worum es, auch jenseits der Bühne, geht: Da ist die Konservationsebene der beiden Paare Alexandra (Eva Maria Nikolaus) und Gabriel (Sebastian Kuschmann), sie sehr jung und schön, er viel älter und reich, und ihrer Gäste Luca (Isaak Dentler), erfolgreiche rechte Hand des Chefs Gabriel, und seiner Frau Irene (Manja Kuhl). Die urteilt schon vor Gabriels Haustür ätzend über die Kurzzeitgespielin des reichen Gabriel. Wettet, wie jung sie wohl diesmal sei, die „Barbie“.
Kuhl nimmt als Irene den weitesten Bogen des Abends: Sie wird sich, als Ehefrau, zu einem Täter verhalten müssen und als Ärztin und Geschlechtsgenossin zu einem Opfer. Ihr Schweigen ist so beredt wie ihr Schlechtmachen der jungen Frau. Die vermeintliche „Barbie“ wiederum, die Außenseiterin unter den vieren, hat eine Agenda – und eine innere Stimme. In Zwiegesprächen mit ihrer Großmutter kommt nicht nur zur Sprache, wie Erniedrigung und sexuelle Gewalt über Generationen weitergegeben werden, das Publikum weiß weit früher als die anderen Protagonisten, was Alexandra bewegt. Nur leider sind diese Monologe, die poetisch wirken sollen, eher das Gegenteil.
Erst redet man klischeebeladen über teuren Wein, Whirlpools und den bevorstehenden Deal, der Luca und Irene reich machen soll. Dann geht es, der Alkoholpegel steigt, zur Sache. Da war ein sexueller Übergriff in Gabriels Firma. Wer war schuld? Natürlich die Frau, die gehen musste. Irgendwann hat Luca „getindert“, nichts Ernstes natürlich, Irene, die Mutter seiner Kinder, bleibt Platz eins. Lisa Wentz hat genau hingehört, wie Männer über Frauen, sogar in deren Gegenwart, herabwürdigend sprechen. Man ahnt auch eine durchaus klassistisch gemeinte Verabredung selbst der Frauen wie Irene, den Missbrauch einer jungen Frau zu tolerieren – wenn sie nur nicht der eigenen Schicht angehört und die Verhältnisse oberflächlich intakt bleiben.
Auf den spiegelnden Flächen der Bühne (Florian Schaumberger), mit den Macher-Outfits der Herren und den sexuell aufgeladenen, knallroten und mit Schlitzen versehenen Kleidern der Frauen (Kostüme Elisabeth Weiß) wirkt das alles aber eine Nummer zu konstruiert, erst recht durch die hyperrealen Einsprengsel Frielings, Tanzeinlagen, zerschellenden Gläsern und zerrupftem Brathuhn. Mit der düsteren Realität aber, die dieser Abend ins Bewusstsein hebt, muss man sich nach dem Schlussapplaus beschäftigen.
Der Abend vor dem Danach, Kammerspiele, Schauspiel Frankfurt, nächste Vorstellungen am 19. September und 5. Oktober.
