
Im ländlichen US-Bundesstaat Iowa gibt es öfters Tornados. Auch Jerry Seuntjens hat es auf seiner rund zehn Quadratkilometer großen Mais- und Sojafarm in der Nähe der Kleinstadt Kingsley vor einigen Jahren schon einmal erwischt. Aber der Tornado, der am 18. Mai dieses Jahres über sein Anwesen hinwegfegte, traf ihn härter als je ein anderes Unwetter in seinem Leben. „So ziemlich alles, was ich habe, ist beschädigt worden“, erzählt der 58 Jahre alte Bauer. Seine Silos wurden regelrecht zerquetscht, auch sein Wohnhaus blieb nicht verschont.
Seuntjens führt die Farm in der vierten Generation und tut es nach eigener Aussage mit Leidenschaft, aber er sagt, nach dem Tornado habe er kurzzeitig daran gedacht, aufzugeben. „Es bringt einen um, wenn etwas zerstört wird, in das man so viel Liebe steckt.“ Und neben dem gewaltigen Reparaturbedarf musste sich Seuntjens auch Sorgen um seine diesjährige Ernte machen. Sein Mais war zu diesem Zeitpunkt schon ausgesät.
Zumindest was den Mais betrifft, stellte sich der Tornado aber als weniger verheerend als befürchtet heraus – und dafür macht Seuntjens eine neue Maissorte des Bayer-Konzerns mitverantwortlich. Sie heißt Preceon und ist rund 30 Prozent kürzer als gewöhnliche Maispflanzen. Dies soll sie widerstandsfähiger gegenüber extremen Wetterbedingungen machen. Bayer führt das zweieinhalb Autostunden entfernt von der Seuntjens-Farm auf einem Testfeld in Huxley vor, einer anderen Kleinstadt in Iowa. Hier werden verschiedene Maisvarianten angebaut, und ein Sturm, der im Juli über die Gegend zog, hat sehr unterschiedliche Spuren hinterlassen. Viele der gewöhnlichen, teilweise dreieinhalb Meter hohen Maispflanzen knickten um, während der kleinere Preceon-Mais intakt blieb.
Der Mais auf der Seuntjens-Farm war im Mai ohnehin noch sehr klein. Wie der Bauer erzählt, hat sich der Preceon-Mais nach dem Tornado aber auch bei ihm deutlich besser entwickelt als seine anderen Varianten. Weil er in höherer Dichte ausgesät werde, sei er schneller aus dem Boden gekommen, und weil er über ein größeres Wurzelsystem verfüge, habe er mehr Nährstoffe und Wasser für sein Wachstum aufnehmen können. Alles deute darauf hin, dass die Ernte für seinen Preceon-Mais besser ausfallen werde als für seine anderen Sorten. Seuntjens sagt, er könne sich vorstellen, künftig 80 Prozent seiner Fläche mit dem kurzen Bayer-Mais anzubauen.
„Blockbuster“-Potential
Bayers Agrarsparte Crop Science war in den vergangenen Jahren vor allem wegen der teuren Rechtsstreitigkeiten um ihr Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat in den Schlagzeilen, das ihr seit der 2018 vollzogenen Übernahme des US-Wettbewerbers Monsanto gehört. In Iowa versucht Bayer jetzt, wieder mehr Aufmerksamkeit auf sein eigentliches Geschäft zu lenken, und hebt seine „Pipeline“ an neuen Produkten hervor, die in den kommenden Jahren für Wachstum sorgen sollen. Das Unternehmen verspricht zehn „Blockbuster“ mit einem jährlichen Umsatzpotential von mindestens 500 Millionen Euro, darunter der Preceon-Mais und das Insektizid Plenexos, die in einigen Ländern schon auf dem Markt sind. Für den kurzen Mais stellt Bayer sogar einen Spitzenumsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro im Jahr in Aussicht.
„In meinen dreißig Jahren in der Branche habe ich noch nie eine Pipeline in einer solchen Breite und Qualität gesehen“, sagt Frank Terhorst, der in Bayers Agrarsparte für Strategie und Nachhaltigkeit verantwortlich ist. Und Terhorst wertet dies auch als Beleg dafür, dass der Zusammenschluss von Bayer und Monsanto aller Turbulenzen zum Trotz strategisch richtig war. Der Preceon-Mais und einige andere der Blockbuster-Kandidaten haben ihren Ursprung bei Monsanto.
Die Zeit, um den Blick von Glyphosat wegzulenken, ist günstig. Mit der 63-Milliarden-Dollar-Übernahme von Monsanto handelte sich Bayer eine Welle von Klagen in den USA ein, in denen das Herbizid für Krebserkrankungen verantwortlich gemacht wurde, und lange schien der Konzern keinen Ausweg zu finden. 2020 schloss er schon einmal eine mehr als zehn Milliarden Dollar teure Vereinbarung, um Klagen beizulegen, aber die Hoffnung, damit das Kapitel abzuhaken, ging nicht auf.
Schützenhilfe aus dem Weißen Haus
Auch aus dem Weißen Haus hat Bayer Schützenhilfe bekommen. Im Februar gab US-Präsident Donald Trump ein Dekret heraus, das darauf abzielte, die Produktion glyphosatbasierter Herbizide in dem Land zu stärken. Er stufte diese Pflanzenschutzmittel als „kritisch für die nationale Sicherheit“ ein. Bayer ist im Moment das einzige Unternehmen, das Glyphosat in den USA herstellt. Die Konkurrenzprodukte kommen vor allem aus China, insofern hatte Bayer starke geopolitische Argumente, um in seiner Lobbyarbeit in Washington für Glyphosat zu werben. Bayer hat unverhohlen damit gedroht, ohne ausreichende Rechtssicherheit das Produkt in den USA vom Markt zu nehmen.
Als der Oberste Gerichtshof im Juni zugunsten von Bayer entschied, wurde das von Anderson in einem Beitrag auf der Plattform Linkedin einerseits zwar bejubelt. Aber er beklagte andererseits auch, dass die gezahlten Milliardenbeträge für andere Dinge hätten verwendet werden können, etwa die Entwicklung neuer Medikamente in der Pharmasparte oder neuen Saatguts im Agrargeschäft. Das macht es umso bemerkenswerter, dass Bayer nun reklamiert, aus diesen Turbulenzen mit dem stärksten Nachschub an neuen Produkten seit Langem hervorgehen zu können. Axel Trautwein, der in der Agrarsparte für Fragen rund um Produktsicherheit und behördliche Zulassung von Produkten zuständig ist, sagt, sein Unternehmen habe in all der Zeit das größte Forschungs- und Entwicklungsbudget in der gesamten Branche gehabt und es auch „entsprechend eingesetzt“. Zudem sei die Produktentwicklung viel effizienter geworden, beispielsweise durch Künstliche Intelligenz.
Bayer will Farmer entlasten
In Iowa argumentiert Bayer, Innovationen seien in der Agrarbranche wichtiger denn je. Die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten werde wegen einer wachsenden Weltbevölkerung und veränderten Essgewohnheiten steigen. Gleichzeitig werde es schwieriger, diese Nachfrage zu bedienen, etwa wegen zunehmend extremen Wetters, verstärkter Resistenz von Schädlingen gegen Pflanzenschutzmittel und strengerer Regulierung. Terhorst verweist auf Studien, die bis zum Ende dieses Jahrhunderts Ernteverluste zwischen elf und 25 Prozent infolge des Klimawandels voraussagen. In Gegenden des Mittleren Westens wie Iowa werde sich bis 2050 die jährliche Zahl von Tagen mit einer Temperatur von mehr als 90 Grad Fahrenheit (32,2 Grad Celsius) von 23 auf 67 fast verdreifachen. „Der Job von Farmern ist härter geworden.“ Bayer spiele eine „Schlüsselrolle“ dabei, ihnen zu helfen, mehr aus ihren Äckern herauszuholen.
Bayer hat 2024 für seine Agrarsparte ein Fünfjahresprogramm angekündigt, in dessen Rahmen der Jahresumsatz bis 2029 um 3,5 Milliarden Euro steigen soll. Neue Produkte sollen dabei eine wesentliche Rolle spielen. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz der Sparte 21,6 Milliarden Euro. Davon entfielen knapp zehn Milliarden Euro auf Pflanzenschutzmittel, und Glyphosat steuerte dazu rund 2,5 Milliarden Euro bei. Saatgut steht für einen Umsatz von mehr als zehn Milliarden Euro.
Anfang Juli hat Bayer angekündigt, das von den Rechtsstreitigkeiten belastete US-Geschäft mit Glyphosat in einer eigenen Einheit namens Ruveon zu bündeln. Es bleibt aber weiter Teil des Konzerns, wird also nicht abgespalten. Als eigenständige Einheit könne Ruveon „agiler“ handeln, hieß es damals zur Begründung. Wie Terhorst jetzt sagt, ermögliche dieser Schritt dem Rest von Bayers Agrarsparte, sich auf die bevorstehenden Produkteinführungen zu konzentrieren.
Zwei verschiedene Innovationskulturen
Der Zusammenschluss von Bayer und Monsanto hat zwei recht unterschiedliche Innovationskulturen vereint. Mike Graham, der Forschungs- und Entwicklungschef von Crop Science, der von der Monsanto-Seite kam, sagt: „Monsanto ist schneller größere Risiken eingegangen, wohingegen Bayer Risiken stärker abgewogen hat.“ Keiner der beiden Wege sei ein Patentrezept, bisweilen hätte Monsanto überlegter und Bayer schneller handeln können. Aber heute profitiere der Konzern davon, diese beiden unterschiedlichen Philosophien zusammengebracht zu haben, und das zeige sich jetzt auch am Nachschub neuer Produkte.
Monsanto ist seit jeher gerade in Europa mit großem Misstrauen begegnet worden. Das hatte vor allem mit der führenden Position des Unternehmens in der Entwicklung von gentechnisch verändertem Saatgut zu tun. Bayer hat diese Arbeit nach der Übernahme fortgesetzt, unter den zehn Blockbuster-Kandidaten ist zum Beispiel eine gentechnisch veränderte Maissorte, die die Pflanzen gegen den Maiswurzelbohrer schützen soll. Aber der Konzern setzt auch zunehmend auf eine andere Art der Gentechnik, die auch in Europa auf mehr Akzeptanz stößt.
Es handelt sich dabei um sogenannte Genomeditierung mit Verfahren wie der Genschere Crispr/Cas, die auch als „neue genomische Techniken“ (NGT) bezeichnet werden. Dabei wird gezielt in das Genom von Pflanzen eingegriffen, im Gegensatz zu traditioneller Gentechnik werden aber keine fremden Gene eingefügt. Die EU hat im Juni eine Lockerung der Regeln für solche Technologien angekündigt. Demnach müssen Lebensmittel aus Pflanzen, an denen nur eine begrenzte Zahl solcher Eingriffe in das Genom vorgenommen wird, künftig nicht mehr als genetisch verändert gekennzeichnet werden. Die EU argumentiert, solche begrenzten Eingriffe könnten auch mittels herkömmlicher Züchtung herbeigeführt werden. Daher sollen Pflanzen, die aus Genomeditierung in beschränktem Rahmen hervorgehen, mit gewöhnlichen Pflanzen gleichgestellt werden.
Bayer sagt, Genomeditierung könne dabei helfen, Pflanzen mit Eigenschaften wie Dürretoleranz zu entwickeln. Das Unternehmen setzt diese Verfahren auch bei der Entwicklung von Sojapflanzen ein, die eine bessere Struktur haben und nicht so leicht umkippen sollen. Seinen Preceon-Mais entwickelt Bayer mithilfe verschiedener Verfahren, und dazu gehören neben klassischer Gentechnik auch Genomeditierung sowie herkömmliche Züchtung. Bayer sagt, bis 2028 solle Genomeditierung in zehn Prozent der frühen „Pipelines“ neuer Mais- und Sojapflanzen zum Einsatz kommen. Bis 2035 sollen es sogar 100 Prozent sein. Auch in seiner Pharmasparte setzt Bayer Genomeditierung ein.
Bayer-Manager Trautwein begrüßt das „Umdenken“ in der EU: „Man stellt langsam fest, dass mehr Lösungen zur Verfügung gestellt werden müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit und die Nahrungsmittelversorgung in der EU sicherzustellen.“ Einen Kurswechsel mit Blick auf den Einsatz klassischer gentechnischer Verfahren in der Landwirtschaft erwartet er indessen nicht. Deswegen seien auch einige der kommenden neuen Produkte von Bayer für den europäischen Markt nicht relevant. Schon heute steht der europäische Heimatmarkt inklusive Afrika und des Nahen Ostens nur für rund 20 Prozent des Umsatzes in Bayers Agrarsparte. Fast 70 Prozent des Umsatzes erzielt der Konzern in Nord- und Südamerika. Kunden wie Farmer Jerry Seuntjens sind für ihn also besonders wichtig.
