Kaum ist der letzte Psalm gesprochen, geht das Gebet in eine Party über. Aus den Lautsprechern tönt elektronische Musik mit hebräischem Text. Männer, die eben noch wiegend Passagen aus der Thora rezitiert haben, tanzen nun wie wild. Sie springen freudig durcheinander, Schläfenlocken springen auf und ab. Andere drängen sich erfüllt lächelnd durch die Menge. Jugendliche mit Kippas strecken ihre Smartphones zum Filmen in die Höhe wie bei einem Konzert. Leuchtreklamen und Werbeschilder am Straßenrand sind hebräisch beschrieben. Einzig und allein die Uniformen der missmutigen Polizisten am Straßenrand erinnern daran, dass sich die Szene in der Ukraine abspielt.
Immer im Herbst verwandelt sich die beschauliche Stadt Uman im Zentrum des Landes zu einem aus allen Nähten platzenden Wallfahrtsort. Zu den rund 80.000 Bewohnern stoßen dann Zehntausende chassidische Juden aus aller Welt. Vor Luftangriffen haben die Pilger keine Angst. Zwar haben in diesem Jahr sowohl das ukrainische Außenministerium als auch die amerikanische Botschaft in Kiew vor Reisen nach Uman gewarnt. Doch fast 50.000 haben sich trotz der Gefahren auf den Weg gemacht.
Traditionell zieht es sie zum jüdischen Neujahrsfest „Rosch ha-Schana“ zum Grab des Rabbiners Nachman von Breslow, kurz „Rabbi Nachman“. Der Urenkel des Begründers des Chassidismus, einer ultraorthodoxen Strömung des Judentums, wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Uman begraben. Der Legende nach soll er seinen Anhängern auf dem Sterbebett göttliche Fürsprache nach dem Tod versprochen haben, wenn sie am Neujahrsfest an seinem Grab beten. Manche Chassiden sehen es als ihre Pflicht an, zumindest einmal im Leben zu kommen. Die Feierlichkeiten dauern drei Tage, die meisten Pilger bleiben aber eine Woche oder länger.
Die Pilger sind tagelang unterwegs
Die Anreise ist wegen des russischen Angriffskriegs beschwerlich geworden. Der ukrainische Luftraum ist seit Kriegsbeginn gesperrt. Deshalb fliegen die Pilger in Nachbarländer und reisen von dort aus mit Bussen, Zügen und Autos weiter. Ein Großteil kommt aus Israel oder den Vereinigten Staaten und ist tagelang unterwegs.
Schon bei der Einfahrt nach Uman kann man Chassiden am Straßenrand und an Busstationen entdecken. Man erkennt sie an der Kleidung. Viele tragen Kippas auf dem Kopf, manche auch Schtreimel, die traditionellen Pelzmützen. Im Sofiyivka-Park fahren junge Pilger mit Pferdekutschen, Golfkarts und E-Scootern umher, verwandeln die idyllische Landschaft in einen Abenteuerspielplatz.

Im von Kontrollpunkten umgebenen chassidischen Viertel betritt man dann eine völlig andere Welt. In beständiger Zielstrebigkeit hasten die Pilger durcheinander, ohne Berührungsängste schieben sie sich aneinander vorbei. Viele lesen sogar beim Laufen Gebetstexte. Hier und da spricht jemand in ein Mikrofon. Unter freiem Himmel werden jungen Männern die Haare geschnitten. Hinter kleinen Türen am Straßenrand verbergen sich große Hallen mit koscherer Verpflegung oder Animationsprogramm für die Kinder.
Die Pilger sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor
Überall stehen junge Männer mit Spendenbüchsen herum. Die Scheine darin geben Aufschluss darüber, woher die Pilger kommen. Am gängigsten sind amerikanische Dollar, selbst die Preise an Ständen werden darin angegeben. Doch in den Spendenbüchsen finden sich auch israelische Schekel, Euros und sogar äthiopische Birr. Viele Geschäfte und Restaurants gehören Leuten aus der örtlichen chassidischen Gemeinde.
Doch auch andere Ukrainer wollen an dem Spektakel verdienen. Die Preise sind für hiesige Verhältnisse happig. Mitunter kommt es zu babylonisch anmutenden Szenen. Wild gestikulierend reden etwa Sim-Karten-Verkäufer und Interessenten in verschiedenen Sprachen aufeinander ein.
Besonders eng ist es im Bereich rund um das Grab von Rabbi Nachman. Dort drängen sich die Leute schon in den frühen Morgenstunden, um zu beten. Frauen trifft man im chassidischen Viertel kaum. Nur in einem Bereich nahe der Synagoge sieht man einige Mütter, die sich um ihre Kinder kümmern. Der öffentliche Raum bleibt den Männern vorbehalten.

Uman hat eine lange jüdische Geschichte. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg aber wurden zahlreiche Juden ermordet oder deportiert. Unter sowjetischer Herrschaft blieben Pilgerreisen zu Nachmans Grab lange verboten, erst gegen Ende der Achtzigerjahre kamen für das Neujahrsfest wieder Juden aus aller Welt.
Dabei kommt es auch zu Konflikten. Vor rund zehn Jahren errichteten die Ukrainer trotz des Protests der jüdischen Gemeinschaft ein Denkmal für zwei Kosakenführer in Uman. Diese führten im 18. Jahrhundert einen Aufstand gegen die polnischen Feudalherren an, der in ein Pogrom an der jüdischen (und polnischen) Bevölkerung ausartete. Das Denkmal wird rund um das Neujahrsfest von Polizisten bewacht. Eine Jesus-Statue wurde schon mehrfach beschädigt. Zur Durchsetzung der Regeln werden die ukrainischen Polizisten von israelischen Kollegen unterstützt. Den Ausschank von Alkohol hat die Militärverwaltung verboten.
Für Uman sind die Pilger auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im vergangenen Jahr nahm die Stadt allein durch eine Kurtaxe umgerechnet rund 400.000 Euro ein. Die Feierlichkeiten enden stets mit einem Gebet am Seeufer. In den Tagen darauf verlassen die Pilger die Stadt, Uman verwandelt sich zurück. Die jüdische Gemeinde ist nicht groß, deshalb stehen die meisten Läden im chassidischen Viertel das restliche Jahr über leer.
