Als Alexandra Wilke am späten Sonntagabend in der Berliner Arena vor den Mikrophonen stand, schaute sie schon nach vorn. Auf die neue Saison in der Bundesliga. Aber auch darauf, dass es dann neben dem Court wieder in den Klassenraum geht. Alexandra Wilke, 29 Jahre alt, ist Basketballspielerin bei den Rutronik Stars Keltern und Lehrerin für Sport und Mathematik an einem Gymnasium in Karlsruhe.
Weil es gerade so viel um Wachstum und Entwicklung geht im Basketball der Frauen, wurde sie gefragt, ob sich das mit der Schule vielleicht in ein paar Jahren, bis zur nächsten WM, erledigt haben werde.
„Ich mache das auch, weil es mir voll Spaß macht“, sagte sie über ihren Beruf. „Ich habe ein paar Jahre nur Basketball gespielt, aber ich habe gemerkt, dass es für mich nicht das Richtige war, weil ich irgendwas für den Kopf brauchte.“
Das war nicht die erwartete Antwort. Es ist aber zugleich – bei allem Respekt vor Wilkes Leistungen, sie ist eine Ausnahmespielerin in der Bundesliga – auch nicht die Zukunft des deutschen Basketballs der Frauen.
Die Lücke zur Weltspitze verringert
Wenig später saß Olaf Lange, der Bundestrainer, im Pressekonferenzraum der Arena. Er sprach darüber, was aus diesem Erfolg der Weltmeisterschaft, dem vierten Platz und der allerorten zu spürenden Begeisterung gemacht werden könne. Er äußerte sich zunächst einmal zuversichtlich. Sein Team habe die Lücke zur Weltspitze verringert, auch wenn das Spiel um Platz drei gegen Spanien am Sonntag noch einmal deutlich verloren ging (58:81). Es habe in dieser Etage schon einmal „angeklopft“.
Bei der Frage aber, wie es gelingen kann, durch die Tür zu gehen, wurde es schon komplizierter.
Für die Zukunft gebe es einige Talente, die nun aber einen bestimmten Weg einschlagen müssten. „Unsere jungen Spielerinnen können sich jetzt für verschiedene Klub-Situationen entscheiden“, sagte Lange. Aber: „Sie müssen so viel Euroleague- oder zumindest Eurocup-Level wie möglich spielen.“

Bei Spanien oder Frankreich seien einfach mehr Spielerinnen in den europäischen Topklubs oder gleich in der nordamerikanischen WNBA am Ball, dem Maß der Dinge: Mit einem 97:79 gegen Frankreich wurden die Amerikanerinnen am Sonntag zum fünften Mal nacheinander Weltmeister.
Dann wurde Lange noch nach der Bundesliga gefragt.
Er habe darüber schon so oft gesprochen, dass er gar nicht mehr wisse, was er sagen solle, er sei ja auch schon seit einiger Zeit weg, in den USA. Dann aber sagte er doch ein paar Sätze, die einen gedämpften Schlussakkord unter dieses Turnier setzten.
Zu seiner Zeit in der Bundesliga, von 1995 bis 2003, habe es in den Vereinen bessere Strukturen gegeben als jetzt. „In all den Jahren hat sich nicht viel getan“, sagte er. „Das ist eher rückläufig. Die Vereine sind halbprofessionell, wenn man positiv sein möchte. Deshalb muss ich dafür sorgen, dass unsere Topspielerinnen ins Ausland gehen. Und solange sich da in der Liga nichts tut, wird es auch sehr schwierig, den Erfolg, den wir gerade haben, zu erhalten.“
Nun muss auch vor der eigenen Haustür etwas passieren
Man muss das wohl so verstehen: dass auf der einen Seite diese WM etwas wirklich Großartiges für den Basketball der Frauen war. Mit einer überwältigenden Atmosphäre, einem Besucherrekord in den beiden Berliner Hallen (insgesamt 236.000) und einem Weltverband (FIBA), der einiges angepackt hat, um das Turnier im Vergleich zu Sydney 2022 auf ein anderes Niveau zu heben, auch wenn das in einem Punkt konterkariert wurde.
Der eng getaktete Spielplan verlangte den Spielerinnen mehr ab, als zumutbar war, worunter am Ende nicht zuletzt die Deutschen litten. Anders aber war mit der WNBA, die ihre Saison nicht länger unterbrechen wollte, kein Deal zu bekommen. In vier Jahren in Tokio werde das Problem gelöst sein, versprach FIBA-Generalsekretär Andreas Zagklis in Berlin, dann wird im November und Dezember gespielt.
Wenn aber auch für den deutschen Basketball der Frauen etwas Großes aus dieser WM werden soll, dann muss vor allem vor der eigenen Haustür etwas passieren. Auch, damit die vielen Mädchen und auch Jungs, die jetzt zum Basketball kommen sollen, ihre neuen Role Models, die bei der WM so sympathisch und nahbar waren, künftig aus der Nähe sehen können.

Auch für Alexandra Wilke ist die mangelnde Attraktivität der Bundesliga – unabhängig davon, dass sie selbst gerne dort spielt – ein Problem.
„Es fängt damit an, dass wir seit Jahren nur zehn Teams in der Liga haben. Wir haben keine Absteiger. Das finde ich schwierig. Wo ist da der Ansporn? Entweder man spielt ganz oben mit um den Titel oder ganz unten, aber es ist dann im Endeffekt auch egal. Das reicht für eine erste Bundesliga halt nicht. Und dann gibt es ganz viele Vereine, wo die Strukturen einfach nicht stimmen.“
Berlin ist auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Während die WM lief, lud die Branchengröße Alba, aktueller Meister bei den Männern, zur Saisoneröffnung. Dort hat man sich vor ein paar Jahren entschieden, auch den Basketball der Frauen professionell anzupacken.
Axel Schweitzer, der Aufsichtsratschef, taxierte den Rückstand der Bundesliga zur WNBA allerdings gleich einmal auf 15 Jahre. Neben ihm saß Svenja Brunckhorst, die 3×3-Olympiasiegerin, die bei Alba als Managerin für Mädchen- und Frauenbasketball angestellt ist. Sie schwärmte von der WM und ihrer Signalwirkung, aber sie berichtete auch davon, wie sie zuletzt bei Alba an Grenzen gekommen seien. Strukturell, so gebe es immer noch zu wenig Trainerinnen, aber auch sportlich, auf internationaler Ebene.
Am Wollen liegt es bei Alba nicht. Aber mehrere Entwicklungssprünge auf einmal kann man auch hier nicht machen. Und am Ende geht es auch darum, wer noch mitmacht.
„Ohne eine massive Anstrengung geht es nicht“
Als Svenja Brunckhorst fertig war, wollte Marco Baldi noch etwas sagen, der Macher des Klubs. Er habe das Gefühl, an einem ähnlichen Punkt schon einmal gestanden zu haben, vor Jahrzehnten bei den Männern. Ohne den echten Willen zu Veränderung, ohne eine „massive Anstrengung“, sagte er, werde es nicht gehen. Da seien viele gefragt, nicht nur bei der Liga oder im Verband. „Ich warte ehrlich gesagt darauf, dass auch größere Basketball-Klubs sagen: Den Weg gehen wir jetzt auch“, sagte Baldi. Wir sehen da wirklich ein Potential drin, und den Weg gehen wir.“
Es waren somit tolle Tage, in denen ganz unterschiedliche Wachstumssignale für den Basketball der Frauen von Berlin ausgingen. Worauf es ankommt, ist, dass sie auch anderswo gehört werden.
