Und dann kommt plötzlich eine Kapelle mit Tröten, Trommeln und Gesang um die Ecke. „Was ist da auf der Straße los?“, frage ich meinen Gastgeber. „Es ist jemand zurückgekommen aus Europa“, erfahre ich und erlebe einmal mehr, dass man in Latakia zu feiern weiß. Die verlorenen Töchter und Söhne werden überschwänglich begrüßt. Familien und Nachbarn versammeln sich auf der Straße, es gibt Tränen, Fotos und Umarmungen, dazu energetische Livemusik und Säbeltanz von der Kapelle. Die syrische Stadt an der Levanteküste ist vom Krieg, nicht aber von der Diktatur, verschont geblieben. Es fielen keine Bomben, wohl aber wurden Familien auseinandergerissen – und nun wird gefeiert.
Latakia steht für Sonne, Meer und Durchatmen
Aus Norwegen, Schweden, Dubai oder der Türkei kommen die Menschen zurück und erleben ihre Heimatstadt so, wie sie vor dem Krieg war: liberal, weltoffen und voller Tatendrang. Die Hafen- und Universitätsstadt hatte schon immer einen Ruf von Laissez-faire und Weltoffenheit, und dieser Geist ist in den Kriegsjahren nicht verloren gegangen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Hierher kamen einst Touristen aus dem strengen Saudi-Arabien, um die Zügel mal sehr locker zu lassen, und in ganz Syrien steht der Name Latakia für Sonne, Meer und Durchatmen. Die Stadt, das wird schnell klar, ist so etwas wie das Mallorca des Nahen Ostens, ein Ort mit mediterranem Klima, glasklarem Wasser, steiler Küste und einem Hinterland voller Berge und Olivenhainen.
Am deutlichsten und für Besucher aus Deutschland am überraschendsten manifestiert sich ihr Geist im Viertel Al-Ziraa nahe der Universität. Hier ist Partyzone bis spät in die Nacht, jeden Abend und noch viel mehr am Freitag, dem Feiertag. Hunderte von Restaurants haben geöffnet, alles glitzert und leuchtet im Abendlicht. Das Publikum ist jung, modisch, und das Kopftuch der jungen Frauen wird gerne mal weggelassen – es herrscht ein Gewimmel, das von Lebenslust und Zukunft zeugt.

Nur wiederkehrende Stromsperren erinnern daran, dass es noch viel zu tun gibt in Syrien. Auf der Fahrt vom Flughafen in Aleppo sieht man Hochspannungsmasten, an denen durchtrennte Kabel herunterhängen – Kriegsschäden mit längerfristigen Folgen. In der Partyzone von Latakia und auch sonst in der Stadt geht das Licht aber nur kurz aus. Die Party geht weiter, man hilft sich mit Solarzellen auf dem Dach und leistungsstarken Batterien in jedem Haushalt, in jedem Restaurant und jeder Shishabar.
Die Brüder meines Gastgebers, der in Deutschland als Geschäftsmann erfolgreich und nun zu Besuch ist, sind schon vor einem Jahr zurückgekehrt. Der eine, aus Dubai und Libanon kommend, handelt mit Autoteilen und schnorchelt, wenn es die Zeit erlaubt, im türkisklaren Wasser vor der Felsenküste. Der andere hat während der Kriegszeit in Istanbul gearbeitet und hilft nun einem Innenausstatter, pompöse Vorhänge in Wohnungen zu montieren. Ein Freund ist aus Schweden zurückgekommen und hat einen Minimarkt eröffnet, aus Heimweh, wie er sagt. Andere, auch aus Deutschland, eruieren die Lage.
Ein ständiges Thema der Gespräche ist der Vergleich zwischen Syrien und Europa, zwischen Heimat und zweiter Heimat. Dass dort die Ehen oft nach zehn oder zwölf Jahren geschieden werden, erstaunt genauso wie die Tatsache, dass es so wenig Kinder gibt. Das menschliche Klima im Norden biete weniger Nachbarschaft, weniger Wärme und Nähe. Und auch das Geschäftsklima wird kommentiert: „In Syrien ist alles viel freier, nicht so viel Bürokratie, eine Erholung“, meint mein Gastgeber.

Mit dem Straßenverkehr ist es ähnlich. Ein Bruder fährt mich mit dem Motorroller herum, natürlich ohne Helm und gerne mit dem Handy am Ohr. Der Verkehr ist großstädtisch und südländisch, will sagen: sehr liberal und jetzt schon zu viel, wie manche sagen. Man sieht vierköpfige Familien auf einem Motorrad (alle ohne Helm), und so ein Gefährt kann einem vor der Stadt auch schon mal auf dem Seitenstreifen der Autobahn entgegenkommen – und keiner regt sich darüber auf.
Ein Geflügelmarkt auf der Autobahn
Das gilt auch für einen improvisierten Geflügelmarkt, der sich nahe Aleppo an einem unwahrscheinlichen Ort breitgemacht hat: auf dem rechten Fahrstreifen der Autobahn, immer freitags. Man könnte hier, wenn man wollte, lebende Hühner, Puten und Kanarienvögel erwerben, dazu Flohmarktware. Einzelne Tauben (lebend) werden nach dem Erwerb in Plastiktüten gestopft. Dazwischen schieben sich im Schritttempo die Fahrzeuge, die eben noch Richtung Flughafen rasten – wohl dem, der genügend Zeit bis zum Abflug eingeplant hat.
Latakia hat rund 650.000 Einwohner, dazu kommen entlang der gleichnamigen Provinz rund 100 Kilometer Küste, und die ist im Jahr 2026 ins Visier von Investoren geraten. Was für die Trump-Familie Albanien ist, ist für Immobilienentwickler aus den Emiraten Latakia. Flamingos gibt es hier nicht, dafür einen leer stehenden Palast der Assad-Familie in bester Lage. Die Landzunge mit Meerblick war bis zur Abreise des Diktators Sperrgebiet.

Genau hier will Mohamed Alabbar, der in Dubai mit der Firma Emaar ein großes Rad gedreht hat, Hotels, Wohnungen und Freizeitparks errichten. Es gab ein vorbereitendes Treffen mit dem syrischen Präsidenten al-Scharaa, dazu Absichtserklärungen und Presseverlautbarungen. Dem Vorschlag zufolge würden an der Küste über 29.000 Wohneinheiten, 2800 Hotelzimmer sowie 5,5 Millionen Quadratmeter an Gärten und Grünflächen entstehen. Das Projekt soll tourismusbezogene Einnahmen von jährlich 550 Millionen US-Dollar generieren.
Noch sind die Felsen mit Blick auf den Diktatorenpalast ein unschuldiger Flecken Erde: ein staubiger Parkplatz direkt an den Klippen, natürlich ohne jede Absperrung. Die Jungs aus der Stadt stürzen sich hier todesmutig zehn Meter tief ins Wasser und schwimmen durch einen natürlichen Tunnel ein paar Meter ins Land hinein, wo es durch eine Art Krater wieder Tageslicht gibt. Die Felsen und Höhlen, so viel scheint sicher, werden ihren Platz in den Instagram-Hitparaden finden, ebenso wie, als Kontrastprogramm, der Jiran al-Qamar, der „Nachbar des Mondes“. Das ist ein Pass im Hinterland, etwa 45 Minuten von Latakia.
Man schlängelt sich durch Pinienwälder und Felsformationen hinauf auf 1500 Meter, um dann mit einem schockierenden Ausblick belohnt zu werden. Während es auf der Westseite des Gebirges saftig begrünt und mediterran ist, öffnet sich der Blick plötzlich auf ein unendlich weites und trockenes Tal. Man erkennt in der Tiefe winzige Gehöfte und Straßen, und obwohl es Felder und Bewässerungskanäle gibt, stellen sich Bilder ein wie aus dem Film Lawrence von Arabien: Es liegt erhabene Ruhe über dem Land. Hier oben allerdings weht selbst jetzt im Sommer ein eisiger Wind. Gern glaubt man, dass im Winter auch Schnee liegt, und flüchtet sich in ein Restaurant, das, etwas verloren, über den Klippen hängt. Noch ist es ein einsamer und unschuldiger Ort, doch auch er wird von der Dynamik Latakias etwas abbekommen, ganz sicher. Dass die Gäste bald in größerer Zahl auch zu diesem erstaunlichen Ort kommen, daran arbeitet man derweil unten an der Küste mit jugendlicher Energie und, inshallah, viel Geld aus Dubai.
