Es gibt nur wenige Sportler, die im fortgeschrittenen Alter von 42 Jahren noch Träume haben. Und bei denen noch viele Bäume in den Himmel der Liebe wachsen. Schon gar nicht in einer der Disziplinen, die so auf die Knochen gehen wie American Football.
„Natürlich“, sagte er vor ein paar Tagen einem Reporter, war er „nur deshalb“ und mit dieser Ambition nach einem vielversprechenden, aber am Ende enttäuschenden Jahr zu den Steelers zurückgekehrt. Zurück zu einem Kader, der mit jeder der 31 anderen Mannschaften mithalten könne. Keine Frage, fügte er hinzu. Er „glaube an die Jungs“, mit denen er an diesem Sonntag (19.00 Uhr MESZ bei Sky) zu Hause gegen die Atlanta Falcons in die erste Begegnung der neuen Saison geht.
Viermal als wertvollster Spieler ausgezeichnet
Was auf den ersten Blick nach übertriebenem Optimismus klingt, war für Rodgers, der 2005 bei den Green Bay Packers angeheuert hatte, aber die ersten drei Jahre nur auf der Ersatzbank saß, schon immer ganz normal. Genauso wie die Belege, die sich dabei irgendwann einstellten. Wie etwa 2011, als er das erste und einzige Mal das Saisonfinale gewann. Oder jene vier Jahre, in denen er als wertvollster Spieler der regulären NFL-Saison ausgezeichnet wurde.
Diesen Charakterzug hat er immer wieder ohne Umschweife als sein besonderes Plus beschrieben: „Mein Selbstvertrauen hat nie nachgelassen. Wenn ich übersehen wurde, habe ich mich deswegen nicht schlechter gefühlt. Ich habe immer an meine Fähigkeiten geglaubt und mir immer wieder gesagt: ‚Ich brauche nur eine Chance, und wenn ich diese Chance bekomme, werde ich mein Bestes geben.‘“
Sein Bestes? Ein Repertoire, mit dem er sich – hinter Tom Brady, Peyton Manning und Patrick Mahomes – einen Platz unter den besten zehn Quarterbacks der letzten Jahrzehnte sichern konnte. Seine Markenzeichen: herausragendes Wurfvermögen, gepaart mit einer außergewöhnlichen Zielgenauigkeit bei langen Pässen, sowie ein siebter Sinn dafür, das Lederei nicht zu verhaspeln, wenn gegnerische Kolosse heranstürmen und ihn unter sich begraben.
Kein Wunder, dass er in seiner Zeit bei den Packers sowie an den weiteren zwei Stationen bei den New York Jets (2023 und 2024) und in Pittsburgh zu einem begehrten Quarterback wurde. Und zu einem reichen Mann, der im Laufe seiner Karriere eine Bruttogehaltssumme von umgerechnet rund 350 Millionen Euro einspielen konnte.
Impfgegner, der mit Ayahuasca experimentiert
Jemand, dem man nachsieht, dass er mit einem Stoff wie Ayahuasca hantiert, einem traditionellen Psychedelikum in der Schamanenkultur der Amazonas-Region („Das hat mir geholfen zu erkennen, wie ich mich bedingungslos selbst lieben kann“). Oder dass er sich während der Covid-Pandemie als kontroverser Impfgegner outete, der gegenüber der Liga behauptete, er habe sich einer homöopathischen Behandlung unterzogen, die ihn immun gemacht habe. Was sich spätestens als Zinnober herausstellte, nachdem er sich 2021 angesteckt hatte.
Allerdings wird der in Kalifornien geborene Rodgers von vielen Pittsburgh-Fans bislang eher halbherzig verehrt. Nicht wenige Angehörige der „Steelers Nation“ sind frustriert, weil sie seine unverblümte Art gegenüber den Medien, seine kontroversen Äußerungen abseits des Spielfelds und seine zögerliche Verhandlungstaktik mit dem Steelers-Management verstören.

Das Team aus der Industriestadt, das seine Identität in den Siebzigerjahren mit vier Super-Bowl-Siegen aus einer Mischung aus Bescheidenheit, Selbstdisziplin und Einsatzbereitschaft herausdestilliert hatte und vor 20 Jahren der Bilanz zwei weitere Titel hinzufügte, zehrte bislang von einem ungewöhnlich langen Atem der Besitzerfamilie Rooney.
Deren Patriarch Art Sr. hatte die Steelers in den Dreißigerjahren gegründet. Und seine Denke hatte unter anderem dafür gesorgt, dass seit 1969 nicht mehr als drei Trainer die Mannschaft betreut hatten. Mike Tomlin, der letzte in dieser Reihe, der im Januar seinen Hut nahm, amtierte 19 Jahre.
Rodgers’ guter Draht zu Coach McCarthy
Jemand wie Rodgers wirkt vor diesem Hintergrund auf viele Anhänger wie ein Fremdkörper, der seine eigenen Ideen verfolgt und mit seinen Interviews eine zirkusartige Atmosphäre schafft. Der aber in seinem Alter keine sportliche Perspektive bietet, sondern bestenfalls als Interimslösung fungiert.
Natürlich gibt es auch andere Stimmen, die unter anderem Rodgers und sein Recht auf freie Meinung verteidigen und seine Fähigkeiten als Football-Quarterback goutieren. Die sehen ihren Hoffnungsschimmer in der Verpflichtung des neuen Cheftrainers Mike McCarthy. Denn der war der Coach der Packers in Rodgers’ besten Jahren. Und für den hegt der Quarterback noch immer große Sympathien.

Die Chemie zwischen beiden stimmt. „Wir haben jede Menge Vertrauen ineinander“, sagte Rodgers vor Beginn der Saison und signalisierte, dass er gespannt darauf sei, die Stimme des Trainers während der Begegnungen über den in den Helm eingebauten Kopfhörer zu hören.
Der zweiundsechzigjährige McCarthy, der zuletzt die Dallas Cowboys betreut hatte, übernimmt in Pittsburgh zusätzlich die Rolle des sogenannten Play Callers, der von der Seitenlinie aus anordnet, welchen der im Training geskripteten, eingeübten und mit verschlüsselten Bezeichnungen versehenen Angriffsspielzüge die Spieler ausführen müssen. Eine Aufgabe, die in knapp der Hälfte der NFL-Teams den für Angriffsformationen verantwortlichen Assistenztrainern zufällt.
McCarthys Rückkehr in seine Geburtsstadt
McCarthy verfügt über ein weiteres Merkmal. Er kehrt nach Jahren des Vagabundenlebens bei den Steelers in seine Geburtsstadt zurück. Und in ein Milieu, das die „New York Times“ mit den Worten verklärte: „Football ist Amerikas Nationalsport, aber im Westen von Pennsylvania gleicht er eher einer Religion. Hier werden Babys in ‚Terrible Towels‘ gewickelt“ – jenen Handtüchern mit Steelers-Emblem, die die Zuschauer im Stadion begeistert durch die Luft wirbeln. Und nicht wenige Kirchgänger gehen sonntags in den Trikots der Mannschaft zum Gottesdienst.
Tatsächlich speist in Pittsburgh noch etwas anderes die Aura eines Teams, das in seinem Namen an eine Phase seiner Geschichte erinnert, die vor fünf Jahrzehnten zu Ende ging, als ein Stahlwerk nach dem anderen dichtmachte und die Region in kurzer Zeit fast 100.000 Arbeitsplätze verlor. Die Footballspieler speisten mit ihren Erfolgen jenen Lokalpatriotismus, der zur allmählichen Revitalisierung der Metropole beitrug. Ein Comeback, das zu einem Modellfall für andere Städte des amerikanischen Rust Belt wurde.
Eine Inspiration auch für die letzte gemeinsame Runde von Rodgers in Pittsburgh. „Das ist einfach großartig“, meinte der Coach neulich über die Aussicht, mit Rodgers zusammenzuarbeiten. „Man möchte natürlich immer sein Bestes geben, aber dass ich das jetzt gemeinsam mit ihm im letzten Kapitel seiner Karriere tun kann, ist etwas ganz Besonderes.“ Erst recht wenn diese Steelers wahr machen, was sich der Quarterback bereits ausgemalt hat, und in ein paar Monaten triumphieren.
