Angesichts von Drohnenattacken, Hitzewellen, Cyberangriffen und Amokfahrten in Innenstädten baut Hessen seinen Katastrophenschutz aus, um die Bevölkerung besser vor bekannten und neuartigen Bedrohungen zu schützen. Unter der Federführung des Innenministeriums wurden die Bürger während der Resilienzwoche darüber informiert, wie sie sich auf Krisen vorbereiten können. In Frankfurt simulierten Einsatzkräfte am Freitagabend bei der Übung „Frankopia“ einen Drohnenangriff. Am Samstag folgte in Wiesbaden die Katastrophenschutzübung „Phoenix“. Hunderte Einsatzkräfte probten den Ernstfall.
Das Übungsszenario in der Landeshauptstadt war folgendes: Nach einer extremen Hitzewelle hatten die Einsatzkräfte an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) bereits einen Behandlungsplatz für 50 Verletzte eingerichtet. Dann fuhr ein Auto in eine Menschengruppe und verletzte 25 Menschen, einige von ihnen schwer. Die Herausforderung für die Einsatzkräfte bestand darin, die gesamte Versorgungskette sicherzustellen – von der Rettung und Erstversorgung über den koordinierten Transport bis zur Aufnahme der Verletzten in drei Wiesbadener Kliniken.
Kurz nach neun Uhr ging am Samstagmorgen der Notruf raus, und auf einem Platz der Hochschule warteten 25 Statisten, die zum Teil mit Kunstblut „geschminkt“ waren, laut um Hilfe riefen oder auch regungslos auf dem Boden lagen. Ein stark beschädigtes Auto lag auf der Seite. Die Scheiben waren zersplittert und die Karosserie deformiert. Unter dem Wagen ragten die Arme und Beine zweier Puppen hervor, die die Einsatzkräfte ebenfalls bergen mussten. Am Rand des Übungsortes verfolgten mehr als 50 Beobachter den Einsatz und analysierten seinen Ablauf – darunter Vertreter des Kreisverbindungskommandos der Bundeswehr und des Innenministeriums.

„Es geht erst einmal darum, die Schwerstverletzten zu erkennen und die Behandlung vorzunehmen. Dann werden sie auf den Behandlungsplatz gebracht und von dort aus in die Kliniken transportiert“, schilderte Jörg Heck, Sprecher der Feuerwehren, die Aufgabe. Die Lage war für die Einsatzkräfte zunächst unübersichtlich. Zahlreiche Darsteller riefen laut um Hilfe: „Hier ist überall Blut!“, „Hilft mir denn keiner?“ und „Kümmert sich hier jemand? Hier liegt ein Verletzter!“ Die Rufe setzten die Helfer zusätzlich unter Druck.
Verstört wirkende Angehörigen-Darsteller liefen scheinbar orientierungslos über den Unfallort und suchten laut klagend Töchter und Söhne. Die Feuerwehr hob das Auto mit Luftkissen an, schnitt durch die Karosserie und befreite zwei weitere Opfer aus dem Fahrzeuginneren, die vorher nicht zu sehen waren. Der Zivilschutzhubschrauber „Christoph 2“ aus Frankfurt landete eine halbe Stunde nach dem ersten Alarm. Anschließend kamen Rettungs- und Notarztwagen aus Groß-Gerau, dem Rheingau-Taunus-Kreis, dem Main-Taunus-Kreis und der Stadt Mainz, um weitere Verletzte zu versorgen. Trotz dieser Menge an Fahrzeugen und Menschen brach kein Chaos aus. Routiniert und professionell halfen die etwa 400 Einsatzkräfte den Opfer-Darstellern.
Im Frankfurter Ostend waren rund 370 Einsatzkräfte insgesamt 24 Stunden im Einsatz. Sie probten den Ernstfall nach einer Drohnenattacke. 80 Statisten waren für die Katastrophenschutzübung engagiert worden. Der Osthafen war einer der Orte der Katastrophenschutzübung „Frankopia“, die seit 2017 gemacht wird. Bei der Hauptübung am Samstagnachmittag sei ein Drohnenangriff auf den Lokschuppen der Hafenbahn simuliert worden, meldeten Trainspotter im Internet.

Wiesbaden und Frankfurt tauschen sich in der Regel über ihre Übungen aus und helfen sich gegenseitig mit Einsatzkräften. „Wenn die beiden Übungen nicht zufälligerweise auf den gleichen Tag gefallen wären, dann wären Beobachter von uns in Frankfurt und die Frankfurter bei uns“, erläuterte Heck. Er gehe davon aus, dass das Innenministerium Mitarbeiter auch nach Frankfurt geschickt hatte. „Wir greifen heute auf Kräfte des Katastrophenschutzes zu. Da ist das Innenministerium immer mit im Boot“, erklärte er. Sowohl in Frankfurt als auch in Wiesbaden beteiligten sich das Deutsche Rote Kreuz, der Arbeiter-Samariter-Bund, das Technische Hilfswerk, der Malteser Hilfsdienst, die DLRG, die Johanniter-Unfallhilfe sowie diverse Feuerwehren an den Übungen. Bei beiden Übungen wurden rund 50 Fahrzeuge eingesetzt.
In Frankfurt war zudem eine Delegation des ukrainischen Zivilschutzes zu Gast, teilte die Stadt mit. In der Stadt war während der vergangenen Woche unter dem Titel „ÜB’s! 2026“ bereits der Ernstfall geprobt worden. Städtische Ämter, Feuerwehren, Hilfsorganisationen und medizinische Partner lernten gemeinsam, um künftig besser auf Cyberangriffe, Naturkatastrophen, Pandemien oder andere Gefahrenlagen vorbereitet zu sein.

Für Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD), der die Übung beobachtete, steht fest: „Ein leistungsfähiger Katastrophenschutz lebt von guter Vorbereitung und von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.“ Als besonders beeindruckend bewertete Mende, dass viele der Einsatzkräfte ehrenamtlich tätig sind.
Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sagte: „Wenn eine Krise eintritt, zeigt sich, wie gut wir vorbereitet sind. Dann muss unser Katastrophenschutz auch unter schwierigsten Bedingungen funktionieren.“ Zum Abschluss der Resilienzwoche übergab Poseck am Samstag auf dem Wiesbadener Schlossplatz mehr als 50 Sonder- und Einsatzfahrzeuge an den Katastrophenschutz. Das Land hatte deren Anschaffung mit rund 1,7 Millionen Euro gefördert.
