Als Han Kang vor zwei Jahren den Nobelpreis für Literatur gewann, hieß es, die südkoreanische Schriftstellerin habe, als sie die Nachricht aus Schweden erhielt, mit ihrem Sohn bei einer Tasse Kamillentee gefeiert. Seither habe sie, wann immer jemand zu Besuch kam, Kamillentee geschenkt bekommen, sagt sie. „Ich habe einen Kamillentee-Vorrat, der für die nächsten zehn Jahre reicht!“ Sie freue sich wirklich über jedes Geschenk, aber sie möge unbedingt auch andere Teesorten.
Ein Karton, den sie im Keller fand
Wir sitzen im Innenhof eines ehemaligen Frauengefängnisses in Berlin, das heute ein Hotel ist, umgeben von hochgewachsenen Pflanzen, die, dicht verschlungen, einen stillen Hinterhofdschungel mitten in Charlottenburg bilden. Wer Han Kangs Werk kennt, weiß, was für eine wichtige Rolle Pflanzen darin spielen, am prominentesten in ihrem Roman „Die Vegetarierin“, der von jener Frau erzählt, die sich gegen ihren Mann auflehnt, indem sie verkündet, kein Fleisch mehr zu essen; die mit dem Gesetz des Fleisches bricht und beschließt, fortan eine Pflanze zu sein und nur noch Sonne und Licht aufzunehmen. Han Kang lacht leise und erzählt, dass die Tasse, aus der sie damals den Kamillentee getrunken habe, heute im Museum in Stockholm stehe. Ein Foto davon ist in ihrem neuen Buch zu sehen, „Der goldene Faden“, das die Schriftstellerin diese Woche in Deutschland präsentiert hat. Und das, neben verschiedenen anderen Texten, auch die eindringliche Dankesrede zur Verleihung des Preises enthält, die zu den Anfängen ihres Schreibens zurückgeht.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Han Kang erzählt darin, wie sie wegen eines bevorstehenden Umzugs beim Ausräumen des Kellers auf einen alten Schuhkarton gestoßen sei. Als sie ihn öffnete, habe sie eine Sammlung von Tagebüchern aus ihrer Kindheit und dazwischen ein dünnes, selbst gebundenes Heft mit der Aufschrift „Gedichtband“ gefunden. Auf der Rückseite standen die Jahreszahl 1979 und ihr Name. Es waren Gedichte, die sie als Achtjährige geschrieben hatte und damals niemandem hatte zeigen wollen. Die Lektüre versetzte sie vierzig Jahre zurück, zu jenem Nachmittag, an dem sie das kleine Heft selbst angefertigt und dafür einen Metallhefter aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters entwendet hatte. Es war die Zeit, in der sie gerade erfahren hatte, dass die Familie nach Seoul umziehen sollte. Eine Zäsur in ihrer aller Leben.
Das Schuldgefühl, überlebt zu haben
Denn Han Kang wurde in Gwangju geboren, in der Stadt, in der im Mai 1980 Studenten, Arbeiter und Bürger gegen die in Südkorea herrschende Militärdiktatur rebellierten, auf Demokratie hofften und vom Militär mit 20.000 Soldaten und Panzern tagelang niedergemetzelt wurden. Der Umzug nach Seoul, sie war neun Jahre alt, fand vier Monate vor dem Massaker statt, ohne dass die Familie ahnen konnte, was kommen sollte. Ein Schuldgefühl, überlebt zu haben, wurden sie seither nicht mehr los. Als Han Kang zwölf war, fuhr ihr Vater nach Gwangju zurück und brachte einen Fotoband mit, der vom Massaker Zeugnis ablegte. „Die Erwachsenen versteckten ihn im Bücherschrank“, erzählt sie in unserem Gespräch. Sie stellten ihn umgekehrt ins Regal, sodass man den Titel nicht lesen konnte. „Aber dadurch fiel mir das Buch erst recht ins Auge, und wie alle Kinder wollte ich lesen, was mir vorenthalten werden sollte.“

Ohne auf das, was der Band enthielt, vorbereitet zu sein, schlug das Mädchen das Buch auf. „Als ich von Gwangju erfuhr, habe ich das Vertrauen in die Menschen verloren. Darüber zu schreiben, war der einzige Weg, es wiederzuerlangen“, hat Han Kang einmal gesagt. Hat das funktioniert? Ist das Vertrauen zurück? Sie zögert, wie sie eigentlich bei jeder Antwort kurz zögert, bevor sie sie gibt: Neben den Bildern des Blutbads, etwa dem von Bajonettstichen entstellten Gesicht eines Mädchens, das sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt hat, habe es auch die Fotografie einer endlosen Schlange bereitwilliger Blutspender vor einem Krankenhaus gegeben. Es seien Bilder der Zerstörung gewesen, aber zugleich auch solche, die davon erzählten, wie die Menschen versucht hätten, zu helfen und ihre Würde zu bewahren. Das habe ihr geholfen, ja.
Gewalt und Würde hat Han Kang zu den Hauptthemen ihres Schreibens gemacht. Der Roman, den sie über das Massaker in Gwangju geschrieben hat, war allerdings nicht ihr erster. Sie galt in Südkorea bereits als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation, als sie ihn schrieb. „Menschenwerk“, im Original 2014 erschienen, drei Jahre später auch auf Deutsch, erzählt das Grauen aus der Sicht der Toten, der Hinterbliebenen und der Davongekommenen, die noch Jahre später von der „Schande, überlebt zu haben“, verfolgt werden. Die meist jungen Toten macht Han Kang lebendig, schildert deren Gedanken, Ängste, Sehnsüchte; wählt die Perspektive der Seele eines Jungen, dessen Körper in einem Berg von Leichen liegt, beschreibt die Verwesung und Auflösung des Körpers bis zu dessen Verbrennung durch Soldaten. Was treibt Menschen zur Gewalt? Und was bedeutet es, Mensch zu sein? Es sind diese Fragen, die sich durch ihr ganzes Werk ziehen.
Die Ehefrau verwandelt sich in eine Topfpflanze
Ihr literarisches Debüt lag zu diesem Zeitpunkt zwanzig Jahre zurück. Kurz nachdem sie an der Yonsei-Universität in Seoul ihren Abschluss in Koreanischer Literatur gemacht hatte, gewann sie 1994 mit der Kurzgeschichte „Rotes Segel“ den Literaturwettbewerb der Zeitung „Seoul Shinmun“. Auf einen ersten Erzählband folgten weitere Prosawerke, von denen 2005 für die Anthologie „Koreanische Erzählungen“ unter dem Titel „Die Früchte meiner Frau“ erstmals auch eine Geschichte ins Deutsche übersetzt wurde. Die erschien, erzählt Han Kang, als Korea Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war. „Es war meine erste Buchmesse in Frankfurt, viele koreanische Autorinnen und Autoren hatten Interviews und eine Menge Termine. Ich aber hatte damals nur diese eine kleine Geschichte, kaum Verpflichtungen und verbrachte meine Zeit, indem ich durch Frankfurt spazierte.“ Die Erzählung handelte von einer Ehefrau, die sich in eine Topfpflanze verwandelte – und von ihrem Mann gegossen wurde. Es war die Keimzelle des Romans „Die Vegetarierin“, der im Anschluss entstehen sollte.
Kann es sein, dass Pflanzen ihr grundsätzlich lieber sind als Menschen? Han Kang zögert wieder und sagt dann mit Nachdruck: „Ich bin ein Mensch, der Menschen mag.“ Aber sie möge natürlich auch Pflanzen, insbesondere die Pflanzen in ihrem Garten, für die sie fast eine Obsession entwickelt habe. „Ich glaube, man kann nur leben, wenn man eine bestimmte Zeit in der Woche in der Natur verbringt.“

In „Der goldene Faden“ spielt der „Garten an der Nordseite“, wie eine autobiographische Erzählung heißt, eine besondere Rolle. „Es gab eine Zeit, in der ich in einer Mietwohnung in Seoul lebte und stark unter Schlaflosigkeit litt, sodass auch der Roman, an dem ich schrieb, nicht vorankam“, erzählt sie bei unserer Begegnung. In Seoul gebe es noch einige Bezirke, in denen zwar moderne Häuser und Gebäude stehen, dazwischen aber finde man vereinzelt Hanoks, traditionelle koreanische Wohnhäuser, die aus natürlichen Materialien wie Holz, Stein und Lehm gebaut und meistens nur eine Etage hoch sind. „So ein Haus fand ich auf Airbnb, wohnte dort einen Monat lang, konnte sehr, sehr gut schlafen und dachte anschließend, dass ich mir so ein Haus kaufen müsste.“
Man muss das Licht umlenken
Ein Immobilienmakler bot ihr schließlich ein winziges Haus mit einem Garten zur Nordseite an, in das sie sich sofort verliebte. Um darin zu wohnen, musste die Schriftstellerin vieles, was sie besaß, entsorgen: ihr Sofa, viele Bücher. Sie brauchte auch einen kleineren Kühlschrank, weil der alte nicht hineinpasste. Die Schlaflosigkeit aber verschwand. Und als ihre Mutter sie nach der Pandemie in ihrem neuen Haus besuchen kam, sagte diese, sobald sie durch das Tor trat: „Dieses Haus ist genauso groß und hat genau dieselbe Atmosphäre wie das Haus, in dem du geboren wurdest und in dem wir gewohnt haben, bis du drei Jahre alt warst.“ Sie habe keine Erinnerung an dieses Haus gehabt, und es gebe auch kein Foto davon. „Aber ich fand das schon sehr unglaublich.“
Den Garten ohne Licht zu bepflanzen, war eine große Herausforderung. Im Buch schreibt sie, wie sie die Bekanntschaft eines Landschaftsgärtners machte, der so ein kleines Grundstück noch nie gesehen hatte und ihr riet, in dem kleinen Garten drei verstellbare Spiegel zu installieren: „Leiten Sie das Sonnenlicht, das von Süden her einstrahlt. Man muss es umlenken, reflektieren.“ So beginnt eine rastlose Zeit, in der Han Kang zur Gärtnerin wird, alles über den Lauf der Sonne lernt und alle 15 Minuten ihre Spiegel verstellt, um ihren Pflanzen die bestmögliche Lichteinstrahlung zu sichern.
Man mag das für biographische Details halten, für bloße Anekdoten aus ihrem Leben. Doch läge man damit falsch und würde auch das „Gartentagebuch“, das man in „Der goldene Faden“ findet, nicht verstehen. Denn im Grunde lassen sich all diese Reflexionen über die Einrichtungsgegenstände, die sie aussortiert oder umstellt, um die so genau bemessene Fläche einzurichten, oder über das Licht, das sie umleitet, während sie selbst immer neue Perspektiven einnimmt, als Reflexionen über das Schreiben selbst verstehen. Die Möbel könnten genauso gut Wörter sein, die Winkel die Perspektiven der Erzählung, die angestrahlten Pflanzen das, was die Schriftstellerin ins Licht setzt.
Han Kang nimmt einen Stift und ein weißes Blatt Papier zur Hand, während sie im Berliner Dschungel von ihrem Garten erzählt, zeichnet die Mauer ihres Hauses, die Himmelsrichtungen und einzelne Pflanzen ein. Ihre großen Werke wie „Die Vegetarierin“, „Menschenwerk“ oder zuletzt „Unmöglicher Abschied“ mögen Romane sein, die historische Traumata oder Formen der Gewalt verhandeln und Subversion und Widerstand zum Thema haben. Aber sie sind, das macht sie so groß, durchdrungen von einer poetischen Kraft, die in dem Gedichtheft, das sich die Achtjährige selbst bastelte, schon sichtbar wird.
Die Schlafstörungen allerdings müssen irgendwann dennoch zurückgekommen sein. Auf die Frage, was sie von dem Tag der Verleihung des Nobelpreises in Stockholm besonders in Erinnerung behalten habe, sagt Han Kang: „Ich war sehr müde und musste aufpassen, während der langen Zeremonie nicht einzuschlafen.“
Han Kang: „Der goldene Faden“. Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Ullstein Verlag, 176 Seiten, 23 Euro.
