Der 25 Jahre Camilo aus dem Frankfurter Gallus wirkt enttäuscht. Sieben Stadttauben hat er beim ersten Mal gezählt, die sich an diesem Vormittag rund um den Frankfurter Dom aufgehalten haben. „Der Tag ist ja noch nicht zu Ende“, sagt er. Offenbar auch um sich selbst etwas aufzumuntern, verweist er auf die zweite Zählung eine halbe Stunde später und auf die zwei weiteren an gleicher Stelle, die für den Nachmittag geplant sind.
Frank Oberste-Dommes, eingeteilt auf dem Goetheplatz, kann da mit ganz anderen Zahlen aufwarten: Zwischen 190 und 250 Tiere hat er am Vormittag registriert, nachmittags waren es zwischen 210 und 240. Der Platz zählt neben der Konstablerwache, der B-Ebene in der Hauptwache und dem Hauptbahnhof zu den Tauben-Brennpunkten in der Frankfurter Innenstadt.
Die Resonanz auf den Aufruf, an der ersten stadtweiten Taubenzählung in Frankfurt teilzunehmen, hat die Organisatoren überrascht. Mehr als 200 Personen haben sich registrieren lassen. Alle kann Taubenmanager Dominik Legrum an diesem Samstag, als es tatsächlich ans Zählen geht, gar nicht einsetzen. Er hat 70 Orte über das gesamte Stadtgebiet verteilt definiert, an denen die Zahl der Tauben zu unterschiedlichen Tageszeiten erfasst werden soll. In Sachsenhausen, im Gallus, aber auch in Preungesheim, Griesheim und Höchst. Überall sind Freiwillige unterwegs, zählen, fotografieren und tragen die Vogelstandorte in Karten ein.
Frankfurt will von anderen Kommunen lernen
Die Gesamtzahl will die Stabsstelle „Sauberes Frankfurt“, die mit dem städtischen Taubenmanagement beauftragt ist, in den nächsten Tagen mitteilen. Bisher, so Legrum, habe niemand so genau gewusst, wie viele Tiere es gebe. Es kursierte die Zahl von rund 10.000 Tauben. In zwei Jahren soll die Zählung wiederholt werden. „Wir brauchen eine fundierte Datenlage“, sagt Claudia Gabriel, Leiterin der Stabsstelle. Die Stadt weiß, dass sie handeln muss, das Thema der Stadttauben nicht länger ignorieren kann.

Von anderen Kommunen lernen, ist Gabriels Motto. In Wiesbaden etwa gibt es bereits seit Längerem einen Taubenmanager und vor allem betreute Taubenschläge – in anderen Städten spricht man von Taubenhäusern. Dort werden die Tiere versorgt und gefüttert; zur Regulierung der Population tauscht man ihre Eier gegen Attrappen aus. Denn Tauben sind so gezüchtet, dass sie sechs- bis zehnmal im Jahr brüten.
Deshalb gibt es für Gabriel und Taubenmanager Legrum keinen Zweifel: Auch Frankfurt braucht Taubenhäuser. Doch wo müssten die am besten stehen? Und wie viele werden gebraucht? „Zunächst ist deshalb ein guter Überblick notwendig“, sagt Gabriel. Vor allem darüber, wo die Tauben, meist aufgrund ihrer Zahl, als störend empfunden würden. „Wir müssen gut abwägen und genau hinschauen, wo der Einsatz notwendig ist.“

Ein einziges städtisches Taubenhaus gibt es. Seit eineinhalb Jahren steht auf dem Alten Friedhof in Bockenheim ein Container, der den Taubenschwarm des benachbarten Westbahnhofs aufnehmen soll. Doch die einst wegen ihrer Ortstreue und als Fleischlieferanten gezüchteten Tiere reagieren verhalten auf das Angebot. Ein erster Versuch mit dem Container an der Frankenallee in der Nähe der Galluswarte scheiterte. Die Vögel nutzten ihn nicht.
„Ein Taubenhaus ohne Futter ist wie eine Party ohne Drinks“
Für Tierschützer und Grünen-Politiker Manuel Denkwitz war der Misserfolg wenig überraschend, die Stadt hatte die Tauben dort nicht gefüttert. In Frankfurt gilt seit 1970 ein generelles Fütterungsverbot. „Ein Taubenhaus ohne Futter ist wie eine Party ohne Drinks“, sagt Denkwitz, das könne nicht funktionieren. Er hält das grundsätzliche Fütterungsverbot für „unbegründet“, und es widerspreche dem Tierschutz, wie er im Grundgesetz in Artikel 20a festgeschrieben sei, wonach der Staat Lebensgrundlagen und Tiere schützen müsse. Im Container auf dem Bockenheimer Friedhof, den inzwischen der Verein „Maintauben Tierschutzprojekt“ betreut, werden die Vögel nun gefüttert.
Denkwitz hält Taubenhäuser für unabdingbar, als Schutzraum für die Tiere, möglichst in drei Metern Höhen, gerne auf Dachböden, von denen aus die Tauben einmal am Tag zu ihrem Flug starten können – mit Fütterung, Betreuung und Eiertausch.
Der 27 Jahre alte Simon aus Hattersheim, der sich ebenfalls als Taubenzähler gemeldet hat, ist auch jenseits dieses Sonntags im Taubenschutz aktiv. Er hat zu Hause eine Pflegestelle für verletzte Tiere eingerichtet. „Tauben, das sind verstoßene Haustiere“, sagt er. Einst hätten sie dem Menschen gute Dienste geleistet, heute seien sie vergessen. „Die tun mir leid.“ Zwei Helferinnen aus der Versicherungsbranche räumen offen ein, dass sie sich an den Tauben, etwa in der B-Ebene der Hauptwache, stören. „Ich finde sie lästig“, sagt eine von ihnen. „Sie gehören dort nicht hin.“ Sie fände es besser, wenn die Tiere in einem sicheren „Häuschen“ untergebracht wären.
Camilo, der rund um den Frankfurter Dom Tauben zählt, hat sein Herz für die Tiere entdeckt, seit regelmäßig eine von ihnen – noch dazu versehrt – auf sein Fensterbrett kommt. Inzwischen hat sie einen Namen und wird von Camilo und seiner Wohngemeinschaft gefüttert. Es heißt, Tauben seien die Ratten der Lüfte, sagt er. Das stimme – und auch wieder nicht. Wenn er mit der Zählung etwas für die Tiere tun könne, „warum sollte ich es nicht tun“, sagt er. Seine Mutter habe schon immer Vögel gefüttert.
