Es klang wie eine Drohung, als Elon Musk im Juli auf X ankündigte, mithilfe seines Bildgenerators Grok die Irrfahrt von Odysseus neu zu verfilmen. Christopher Nolans Version war dem Billionär erwartungsgemäß zu „woke“, seine hingegen sollte „historisch korrekt und der Kunst Homers treu bleiben“. Vor dieser Drohkulisse hatte Musk einen Wettbewerb mit seiner hauseigenen KI Grok ausgerufen mit dem Motto: „Homer hatte eine Leier, du hast Grok Image.“
Die Vorgaben für das neue Epos waren denkbar gering: drei bis fünf Minuten, mindestens eine davon Dialog, Stimme und Bilder müssen exklusiv von Grok generiert sein. Nicht auszudenken, dass man mithilfe einer anderen KI etwas generiert. Musk will im KI-Wettrüsten aufholen, und der Odyssee-Wettbewerb sollte seinem Bildgenerator mehr Publicity verschaffen.
Nun wurden drei Gewinner mit insgesamt 175.000 US-Dollar prämiert, und das Anschauen der Videos gleicht einer Prüfung, die so grauenhaft ist wie die, die Odysseus ertrug. Von originellen Ideen fehlt jede Spur, dafür bricht eine Flut aus Kitsch und Klischees herein. Da wäre der stets bärtige Odysseus mit seinen überproportionalen Muskeln, die selbst Matt Damons crossfitgestählten Körper überragen. Göttinnen hüllen sich in hautenge goldene Kleider, Zeus wirft seine Blitze, Rüstungen und Strände glänzen im Sonnenlicht, Odysseus streichelt Wölfe und Löwen in paradiesischen Gärten. Spätestens beim Anblick von den grausig generierten Monstern Skylla, Charybdis und dem zunächst einäugigen, durch Odysseus’ List später blinden Zyklopen, fragt man sich, welche Historizität Musk noch mal meinte.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dass das Geschehen immer mittig zentriert ist, sollte man nicht mit einer bewussten ästhetischen Entscheidung verwechseln, wie man es etwa von den obsessiv symmetrischen Inszenierungen Wes Andersons kennt; es ist nur auf die technischen Limitierungen der Bildgeneratoren zurückzuführen. Trotzdem wirken die KI-Enthusiasten in den Kommentaren so betört, dass man ihnen gerne Wachs in die Ohren stopfen würde. Filmemacher wie Nolan können angesichts dieser Neuinterpretationen nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, allerdings nicht aus Angst davor, ersetzt zu werden, sondern aus Freude darüber, dass ihr ästhetisches Bewusstsein nichts an Wert verloren hat.
Immerhin schafft Musk eine Parallele zu Homers Epos: Wie Odysseus’ Gefährten stopft auch seine Software alles in sich hinein, was sie zu futtern bekommt. Aber am Ende kommen, wie durch Kirkes Zauber, auch nur die gleichen, von jeder Distinktion befreiten Schweine heraus.
