Großstadt oder Dorf? Mit seinen engen Straßen, kleinen Häusern und alteingesessenen Fachgeschäften mit geschwungenen Schriftzügen lässt Steinheim an ländliche Gegenden denken. Aber seit 1974 zählt der auf 700 Jahre Stadtgeschichte zurückblickende Ort zu Hanau. Und während die Brüder-Grimm-Stadt mit dem Land Hessen um ihren Großstadtstatus ringt, der an der Marke von 100.000 Einwohnern hängt, rückt der beschauliche Stadtteil Steinheim ein Stück näher an die Rhein-Main-Metropolregion mit ihren kreativen Energien.
„Wir sind umgezogen und eröffnen unsere neuen Ateliers!“, haben Andrea Blumör und Verena Freyschmidt im Mai angekündigt. Ihre Werke entstehen nun in einem unauffälligen Wohnhaus inmitten von Steinheim. Im Frühsommer haben sie zahlreiche Besucher zur Ateliereröffnung begrüßt: „An beiden Tagen gingen die Leute ein und aus“, so Freyschmidt. Zuvor hatten beide Künstlerinnen Arbeitsräume in den „Zollamt Studios“, einem früher vom Beschaffungsamt der Bundeszollverwaltung genutzten Bau in der Offenbacher Innenstadt, gemietet. Dessen Zeit als Atelierhaus aber ging im April nach rund zwölf Jahren zu Ende.
Dass alle Mieter die Zollamt Studios verlassen müssen, wurde vor etwa einem Jahr zum Faktum. Die Stadt Offenbach bot allen Künstlern und Kreativen zwei Ausweichoptionen an. Doch wären diese Räume kleiner und auch teurer gewesen, sagt Verena Freyschmidt. Also begaben sich Blumör und Freyschmidt, zunächst unabhängig voneinander, auf die Suche nach Ateliers in Offenbach und Frankfurt.
„Die Nachfrage ist sehr viel höher als das Angebot“
Ihre Erfahrungen klingen ernüchternd und dürften vielen Künstlern vertraut vorkommen: Die allermeisten Räume seien entweder deutlich hochpreisiger, schlecht angebunden oder derart ausbaubedürftig gewesen, dass sie im Endeffekt unbezahlbar gewesen wären. Zwar seien viele Lagerhallen auf dem Markt, sagt Blumör: „Aber was soll man mit 800 Quadratmetern?“ Auch im Atelierfrankfurt im Frankfurter Ostend seien die Mieten sehr hoch, berichtet Freyschmidt. „Die Nachfrage ist sehr viel höher als das Angebot“, so ihr Eindruck vom Ateliermarkt. Fündig wurde die 1975 geborene Künstlerin in ihrer Nachbarschaft.
Mit ihrer Familie lebt Verena Freyschmidt in Steinheim, nur wenige Schritte von dem neuen Atelier entfernt. Sie habe das Haus immer wieder im Blick gehabt, sagt Freyschmidt. Nachbarschaftliche Netzwerke ermöglichten den Kontakt zum Besitzer, der sich für die Vermietung freistehender Räume als Ateliers offen zeigte. Im Januar bezog Freyschmidt ihr Atelier, die in Offenbach lebende Andrea Blumör folgte im März. Die fußläufig erreichbare S-Bahn-Station Steinheim erleichtert ihr das Pendeln. Blumör freut sich zudem über morgendliche Spaziergänge am Main: „Das hilft mir auch, in die Arbeit zu kommen.“
Auf funktionale Behördenarchitektur in Offenbach folgt nun rustikale Behaglichkeit: Eine schmale, geschwungene Treppe mit dezent knarzenden Stufen führt zu Verena Freyschmidts Atelier im ersten Obergeschoss. Dort entstehen zwischen malerischer Expressivität und grafischer Präzision oszillierende, zu organischen Formen geschnittene Blätter, die Freyschmidt zu wuchernden Rauminstallationen anordnet. „Mir geht es um Wachstums- und Veränderungsprozesse, die wir in der Natur vorfinden“, sagt die in Mainz und Düsseldorf ausgebildete Künstlerin. Ihre Arbeiten waren jüngst in Galerieausstellungen bei Bernhard Knaus in Frankfurt und bei Nanna Preußners in München zu sehen.

In dem ein Stockwerk höher gelegenen Dachgeschoss befindet sich Andrea Blumörs Atelier. Aus den Fenstern streift der Blick über Steinheims Dächer ins Grüne, hinter den Bäumen meint man, den Mainhafen zu erkennen. In ihrer jüngsten Werkserie widmet sich Blumör einem Schiff, das seinen Zielhafen nicht erreichte: Die 1833 in England gestartete „Amphitrite“ sollte 108 verurteilte Frauen und zwölf Kinder in die damalige britische Sträflingskolonie New South Wales im Südosten Australiens bringen. Nahe der nordfranzösischen Küste geriet das Schiff in einen Sturm. Weil der Kapitän Hilfsangebote ausschlug, kam es zur Havarie, die nur einzelne Crewmitglieder überlebten.
Wenige Jahre darauf malte William Turner „A Disaster at Sea“. Das Gemälde bezieht sich auf den Untergang der „Amphitrite“ und wird heute in der Tate Britain aufbewahrt. In ihrem Vorhaben fokussiert sich Blumör unterdessen auf Ann Rogers, eine der beim Schiffsunglück ums Leben gekommenen Frauen. Am Beginn des Projekts standen ausgiebige Recherchen, die sich im Atelier anhand eines wandfüllenden Mindmaps nachvollziehen lassen. Davon ausgehend entstehen Öl- und Acrylarbeiten, für die sich Blumör viel Zeit nimmt: „Es ist ein sehr langsamer Prozess.“
„Was sagt uns die Geschichte von Ann Rogers heute? Welches Verhältnis haben wir zum Ärmelkanal, zu Australien, Großbritannien und dem Kolonialismus?“: Für Andrea Blumör birgt ihr Vorhaben aktuelle Bezüge. Die 1967 geborene Künstlerin begreift das Projekt weder als Illustration noch als Dokumentation historischer Geschehnisse. Im Mittelpunkt steht für sie Kunst. „Ich bewege mich auf der Schwelle von Fakten und Fiktion“, sagt sie. In Steinheim kann das gedeihen.

Die Abgeschiedenheit seines Ateliers schätzt auch Jonas Englert. „Hier gibt es keine Ablenkung“, sagt der Künstler, der seit 2018 in einem Bungalow in Egelsbach an seinen auf Fotografie, Film und Archivmaterial basierenden Werken arbeitet. Die Entfernung zwischen dem Atelier und der Galerie Anita Beckers, die ihn vertritt, schätzt Englert auf etwa 25 Minuten. Dass spontane Besuche kaum möglich sind, sieht er als Vorteil. „Für mich ist es der ideale Ort zum Arbeiten, wenn ich nicht gerade andernorts beschäftigt bin“, sagt der 1989 geborene Künstler.
Dass seine Arbeiten nicht im Zentrum entstehen, tut Jonas Englerts Standing keinen Abbruch. So wurde er auf der diesjährigen Kunstmesse Arco Madrid mit dem Medienkunstpreis ausgezeichnet. Auch Max Brück vermag trotz der peripheren Lage seines Ateliers präsent zu bleiben. Der 1991 geborene Künstler hat eine ehemalige Schlosserei im Gießen angemietet. Für seine oftmals raumgreifenden Installationen suchte Brück größere, ebenerdige Räume – und wurde in Frankfurt und Offenbach nicht fündig. Provinziellere, noch nicht von allen entdeckte Orte wie Gießen reizen den Künstler, dessen Schwarzstahlskulptur „Stand By Me“ noch bis 4. Oktober bei der Binger Skulpturen-Triennale zu sehen ist.
Und auch für leer stehende Gewerbehallen finden sich immer wieder künstlerische Nutzungen. An der Gwinnerstraße im Frankfurter Osten haben die Künstler Linda Luv, Lutz Pillong und Sven Prothmann Ateliers eingerichtet, die sie zugleich als „Ausstellungsprojektraumexperiment“ FLUR nutzen. Der gleichnamige Verein ermöglicht zudem Stipendien für Künstler und Kreative. Neben weiteren Ateliers befindet sich in den benachbarten Hallen auch „MFA – Material für Alle“, eine Initiative für die Wiederverwendung künstlerischer (Bau-)Materialien. Ebenfalls für Projekte nach Hanau gegangen ist die Gruppe um den Frankfurter Künstler Ulrich Diekmann, der mit dem neu gegründeten Kunstverein der Kunstwerkhalle Ausstellungen, Musik und Performances in eine einstige Autowerkstatt in Großauheim bringt.
Andrea Blumör und Verena Freyschmidt sind in Hanau-Steinheim angekommen. „Wir wissen nicht, welcher Grund uns ausziehen lassen würde“, sagt Freyschmidt. „Ich finde es eher positiv, jetzt an der Peripherie zu sein“, resümiert Blumör. Steinheim empfindet sie ohnehin nicht als abgeschieden. In Berlin, gibt sie zu bedenken, sei alles viel weiter voneinander entfernt.
