
Dreißig Besucher haben sich diesen Nachmittag in Saal fünf im Mixc-Kino eingefunden. Wie die meisten Lichtspielhäuser in Peking liegt es in einem Einkaufszentrum, und wie die meisten Kinos in China zeigt es den Hit des Sommers: „Willkommen im Drachen-Restaurant“. Schon im August spielte der Streifen knapp zwei Milliarden Yuan ein, verglichen mit gut 600 Millionen Yuan für den Hollywood-Film „Odyssee“ im selben Zeitraum. Wie kann das sein bei einem nicht nur von einer kommerziellen Filmfirma, sondern auch vom chinesischen Außenministerium produzierten Film, der im für China fernen Arabien spielt?
Es geht um einen chinesischen Koch, der unmittelbar vor Beginn der amerikanischen Invasion 2003 nach „Bahata“, in die Hauptstadt eines fiktionalisierten Staates reist. Er will dort ein Restaurant betreiben und damit seine Schulden in China abbezahlen. Zurück lässt Xu Fu seine Familie. Aber im fiktiven Bagdad findet der Koch bald neue Menschen, um die er sich kümmern kann: Sein chinesischer Kellner ist mit einer Irakerin liiert, die ein Waisenhaus betreibt, das er bald darauf mitversorgt.
Geld machen und Gutes tun, lautet eine Botschaft des Films, der mit den Schauspielern Jiang Qiming und Shen Teng mit die bekanntesten Chinas aufbietet und in Qingdao und Shitanjing mit aufwendiger Imax-Technik gefilmt wurde. Xu Fu baut zwischenmenschliche Beziehungen auf, leistet praktische Hilfe und tut niemandem Böses.
Dann beginnen die Luftschläge der Amerikaner. Politische Hintergründe werden keine genannt, ein namenloser US-Präsident spricht im Fernseher der Restaurantküche einem namenlosen Präsidenten eines ungenannten Landes ein Ultimatum aus und schickt Bomben in Wohngebiete: Um Xu Fu herum brennen plötzlich Häuser und Autos, Menschen ergreifen panisch die Flucht. Sekundenlang verharrt die Kamera auf den Leichen toter arabischer Kleinkinder, die blauen Lippen von Fliegen übersät. Es ist eine Perspektive der Opfer und der freundlich-unbedarften Unbeteiligten.
„Terroristen, die ihr selbst geschaffen habt“
Als die amerikanischen Besatzer mit ihren Panzern einfahren und die Stadt einteilen, organisiert der irakische Geschäftspartner des Kochs Lieferaufträge auch an die Ausländer, ihr Restaurant liegt direkt neben der Grünen Zone. Und es schenkt Alkohol aus. Xu Fus Restaurant wird des Nachts zur Bar. Bald schlagen auch US-Soldaten bei ihm auf. Fluchend, bis über den Hals tätowiert, nach Schnaps schreiend, der ihnen in der Kaserne verwehrt wird. Ein GI erscheint von der Seite gefilmt an einem Tisch sitzend, beständig zuckt er mit seinem rechten Bein – eine Unart bei Tisch im chinesischen Kulturraum, vielleicht vergleichbar mit Pinkeln in der Öffentlichkeit.
Wie die Rollen verteilt sind, ist eindeutig. Plump aber sind die Plots nicht. Bald taucht ein asiatisch-stämmiger amerikanischer Soldat auf, der dem Koch sagt, er komme aus Kalifornien, seine Familie sei malaysisch-chinesischer Herkunft. Und GI Wang hat Zweifel an der ganzen Sache. Er betrinkt sich, weint und erzählt dem Koch Xu Fu in brockenhaftem Chinesisch, er wolle nach Hause. Es gelingt ihm nicht. Tony Wang wird von einer Autobombe getötet.
Der Kinofilm zeichnet nach, wie die amerikanische Invasion Chaos herbeiführt und eine scheinbar endlose Spirale der Gewalt in Gang setzt. Die alte Ordnung der Baath-Partei zerfällt. Islamisten übernehmen, Selbstmordattentäter ziehen herum. „Das ist eine Bande von Terroristen, die ihr selbst geschaffen habt“, sagt ein Araber an einer Stelle zu einem der US-Soldaten. China hingegen schickt keine Soldaten in die Konfliktgebiete des Nahen Ostens. Peking propagiert an der Oberfläche eine Politik der Nichteinmischung und guter Wirtschaftsbeziehungen. Ins Kino übersetzt: Derzeit dominiert nicht ein aggressiver Film wie „Wolf Warrior“ mit seinem Rambo-haften chinesischen Helden, sondern ein Koch in finanziellen Schwierigkeiten, den man nur lieb haben kann.
„Die Kriegserzählung mit einer Mahlzeit durchbrechen“
Auch Xu Fus arabischer Geschäftspartner schließt sich den Islamisten an, nachdem seine eigene Familie – die Tochter krebskrank – bei einem Angriff auf sein Haus von Anti-Baathisten getötet worden ist. „Dein Partner war der Täter. Dein Freund war das Opfer. Glaubst du wirklich, du hättest mit diesem Krieg nichts zu tun?“, wird Xu von einem Amerikaner gefragt.
Er muss ins Gefängnis, erst in das der Amerikaner, die ranghohe Islamisten foltern. Dort arbeitet er in der Gefängnisküche und muss dem Folterer mit Chili versetztes Wasser anrühren (wobei er heimlich milde Dosen nimmt). Schließlich stürmen Dschihadisten das Gefängnis, befreien ihre Anführer und nehmen Xu Fu selbst gefangen. Der Koch muss in ein Dschihadistencamp, in dem Kinder zu Attentätern werden.
Am Ende wird alles wieder gut, und als Koch Xu Fu nach Jahren in einer Reisegruppe einer chinesischen Business-Vereinigung Bagdad wieder als Tourist bereist, sieht er, wie sein altes Restaurant prosperiert und von seinen ehemaligen Waisenkindern betrieben wird. An dieser Stelle hat der prochinesische irakische Influencer Ahmed Mohammed Jaber al Kalthum („Laowang“) einen Kurzauftritt als Kellner – Kalthum hatte bei der jährlichen Pressekonferenz des chinesischen Außenministers Wang Yi vorvergangenes Jahr als Journalist eine liebedienerische Frage stellen dürfen.
Chinesisches Kino: „Hollywoods Kriegserzählung mit einer Mahlzeit durchbrechen“, hieß es im chinesischen Staatsfernsehen zum Film. Der staatsnahe Blog „Yuyuan Tantian“ ergänzte: „Jahrzehntelang hatte der Westen das Monopol auf die Definition von ‚Terrorismus‘, ‚Freiheit‘ und ‚Menschenrechten‘ und ließ die Stimmen des Globalen Südens lange ungehört. Jetzt ändert China diese Dynamik.“ Peking schwört das eigene Volk immer stärker auf diese Botschaften ein, aber verbreitet zunehmend auch in der Welt eine eigene Version der Geschichte und Geschichten.
„Es hätte ruhig brutaler sein können“
„Willkommen im Drachen-Restaurant“ basiert in Teilen auf den tatsächlichen Erlebnissen dreier chinesischer Restaurantbetreiber während des Irakkriegs, die neben Irakern und Diplomaten in Bagdad auch US-Soldaten bewirteten. Mitte September kommt der Streifen auch in die Kinos südostasiatischer Länder und Australiens. Dort gibt es große chinesischstämmige Gemeinden, und man zählt sich vielerorts zum „Globalen Süden“.
Das Außenministerium in Peking lud Diplomaten aus mehr als 70 Ländern zu einer Vorführung ein. Geplant ist, dass der international unter dem Titel „Once upon a time in the middle east“ verbreitete Film auch nach Europa kommt. Ausweislich der auf allen Plattformen laufenden Werbekampagne richtet er sich aber vor allem ans eigene Volk.
„Ich fand die Darstellung der Amerikaner etwas zu stereotyp“, sagt ein Besucher nach der Vorstellung im Foyer. Ansonsten habe ihm der Film gefallen. „Es hätte ruhig brutaler sein können“, sagt er, angesprochen auf die Gewaltszenen. Er sei Filmfan und hier vieles gewohnt. Freunde hätten ihm das Werk empfohlen, außerdem sei er wegen des berühmten Regisseurs Wen Muye gekommen.
Die „Odyssee“ habe ihm zwar besser gefallen, sagt er, dieser im Saal nebenan laufende Film von Christopher Nolan befinde sich qualitativ „auf einer anderen Ebene“. Aber auch den Besuch des „Drachen-Restaurants“ bereut er nicht: „Eine großartige Story, gut erzählt, wenn auch in einer kommerziellen Art und Weise, darauf angelegt, die Leute zum Weinen zu bringen.“ Und wie es scheint, ist der Besucherstrom in China weiter ungebrochen.
