Als Hannelore Neumann und Gerhard Schröder im Klassenzimmer D002 Platz nehmen, ist die Spannung mit Händen zu greifen. Vor ihnen sitzen Schüler aus mehreren Geschichtskursen des Abschlussjahrgangs am Gymnasiums Römerhof. Und hinter ihnen wirft ein Beamer eine Karte der deutschen Ostgebiete an die Wand. Damit die Schüler eine Vorstellung davon haben, wo die Region liegt, in der für Neumann und Schröder vor rund neun Jahrzehnten das Leben begann: das ehemalige Ostpreußen.
Die beiden Zeitzeugen sind Jahrgang 1935 und 1942. „Wir sind die Letzten, die euch noch etwas sagen können“, sagt Hannelore Neumann. Das ist nicht der Name, mit dem sie zur Welt gekommen ist. Und die ersten dreißig Jahre ist sie auch mit einem falschen Geburtsdatum durchs Leben gegangen. Doch davon später mehr.
Neumann und Schröder gehören zur Generation der sogenannten Wolfskinder. So werden die Mädchen und Jungen bezeichnet, die nach dem Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen ums Überleben kämpfen mussten und vor dem drohenden Hungertod ins Nachbarland Litauen flüchteten. Dort bettelten sie bei den Bauern um Lebensmittel.
„Ich bin der Einzige, der überlebt hat“
Schröder beginnt. Er ist mittlerweile 91 Jahre alt und liest große Teile seiner Lebensgeschichte ab, um nicht den Faden zu verlieren. Aber das stört nicht, denn was er mit seiner ruhigen Stimme zu berichten hat, ist packend und eigentlich kaum zu fassen. Die Schüler sind aufmerksam und lauschen gebannt. In den nächsten anderthalb Stunden ändert sich das nicht. Und als es am Ende zur Pause gongt, kommen viele nach vorne und fragen weiter nach.

Schröder wurde im Mai 1935 in Königsberg geboren, das heute Kaliningrad heißt und zu Russland gehört. Vor dem Krieg hatte Königsberg 380.000 Einwohner und war die größte Stadt im Osten des damaligen Deutschen Reichs. Als der Krieg zu Ende ging, waren nur noch 120.000 Menschen übrig. Schröder hat in diesem Krieg seine Mutter, seinen Bruder und seine Großeltern verloren. „Ich bin der Einzige, der überlebt hat.“
Ende Januar 1945 wurde der Kanonendonner immer stärker. Schröder lebte damals mit seinem Bruder und seiner Mutter am Stadtrand, der Vater war im Krieg. „Meine Mutter packte alles zusammen auf einen Rodelschlitten.“ Bei bitterer Kälte und Schneegestöber zogen sie aufs Land zu den Großeltern. „Aber auch hier rückte die Front immer näher.“

In der Nacht vor dem Einmarsch der Russen dachte die Familie: „Wir geben den Russen zu essen. Dann werden sie uns nichts tun. Aber das war ein Trugschluss.“ Schröder erinnert sich daran, dass Frauen und sogar junge Mädchen aus den Kellern geholt und vergewaltigt wurden. Seine Mutter rieb sich Asche ins Gesicht, um älter auszusehen.
Bei minus 20 Grad wurden die verbliebenen Dorfbewohner zu einem Treck zusammengetrieben. „Wir wurden wie das Vieh hinter die russischen Linien getrieben. Wer nicht mehr weiterkonnte, bekam einen Schlag mit dem Gewehrkolben und blieb im Graben liegen“, berichtet Schröder. Sie übernachteten in leer stehenden Höfen und Häusern. In den ersten Tagen dieser „sinnlosen Märsche“, wie er sagt, wurden Jungen, die älter waren als zehn Jahre, von ihren Familien getrennt. „Ich hatte Glück. Denn ich war erst neun.“
Erst nach der deutschen Kapitulation konnten sie zurück nach Königsberg. Das Haus stand noch, aber sie mussten die Wohnung mit Fremden teilen. Es gab kaum etwas zu essen. Schröder erinnert sich, wie seine Mutter versuchte, aus Kartoffelschalen Reibekuchen zu machen. „Satt wurde davon keiner. Es herrschte ständiger Hunger.“
„Auf dieser Fahrt hatte ich den größten Durst meines Lebens“
Für die Mutter, die vor dem Krieg an Tuberkulose erkrankt war, war das alles zu viel. Sie starb an den Folgen von Mangelernährung in einem städtischen Krankenhaus. Kurz zuvor, als sie sich immer schwächer fühlte, hatte sie Gerhard und seinen Bruder im Juli 1945 noch in ein katholisches Kinderheim gebracht. Die Schwestern schickten die Kinder zum Betteln zu den Russen. Schröder weiß heute noch, was „ein bisschen Brot“ auf Russisch heißt. „Im Frühjahr saßen wir auf Bäumen und kauten Knospen.“ Oder sie nagten an harten Knochen. „Wenn Sie Hunger haben, essen Sie alles.“

Im August 1945 starb die Mutter. Und wenig später auch der vier Jahre jüngere Bruder. Nach dem Tod seiner Mutter verweigerte er die Nahrungsaufnahme und starb im Februar 1946 im Alter von sechs Jahren. Jetzt war Gerhard ganz auf sich allein gestellt. 1947 wurde er mit vielen anderen deutschen Kindern ausgewiesen. Ein Güterzug brachte sie nach Mecklenburg. „Auf dieser Fahrt hatte ich den größten Durst meines Lebens.“ Auf Umwegen gelangte Gerhard zu seiner Tante nach Berlin, die eine Suchmeldung im Radio gehört hatte. Schließlich wurde auch der Vater aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Darmstadt entlassen. 1949 sah Gerhard ihn wieder.
Schröder beendet seine Erzählung mit einer bitteren Erkenntnis. „Leider hat die Welt aus diesen schrecklichen Ereignissen nichts gelernt. Immer wieder werden Kriege entfacht, die menschliches Leid verursachen, auch bei schuldlosen Kindern.“
Ein Mädchen ohne Geburtstag
An dieser Stelle übernimmt Hannelore Neumann. Denn hier setzt ihre Geschichte ein. Auch sie gehört zu den 5000 Waisenkindern, die aus Königsberg ausgewiesen wurden. Aber sie war erst fünf Jahre alt. „Ich war dabei, aber ich kann mich nicht erinnern“, sagt sie.
Ihre Erinnerung setzt erst nach der Aussiedlung ein. In Bernburg an der Saale, im heutigen Sachsen-Anhalt, wird sie nach der Ankunft von einem Arzt untersucht. „Ich konnte nicht sagen, wie ich heiße und wie alt ich bin.“ Da sagte der Arzt, sie könne sich einen Geburtstag aussuchen. „Na, heute“, sagte Hannelore. So kam es, dass der 11. November 1943 in die Urkunde eingetragen wurde. Und die anderen Kinder gaben ihr ihren Namen: Hannelore Neumann.

Bei ihrer Ankunft 1947 in der sowjetischen Besatzungszone sei sie nur „ein Bündel Mensch“ gewesen, erzählt Neumann. Auf Umwegen gelangte sie zu Pflegeeltern und kam wieder auf die Beine. Aber in der Schulzeit, vor allem in der Pubertät, wurde sie „immer bockiger“, erinnert sie sich. Denn sie fragte sich: „Wer bin ich eigentlich?“
Auf der Suche nach der eigenen Identität
Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes konnte nicht helfen. Denn es gab kaum Anhaltspunkte. Er stellte die Suche nach Angehörigen schließlich ein. „Da wollte ich nicht mehr leben“, sagt Neumann. Mit Ach und Krach schloss sie die Schule ab und machte eine Lehre als Industriekauffrau.
Als das Zeugnis schlecht ausfiel, fuhr sie mit einem Mitschüler auf dem Motorrad in den Harz an die innerdeutsche Grenze. Auf dramatische Weise gelang den beiden die Flucht durch Drahtzäune und über den Todesstreifen. „Wir sind im Westen“, jubelten sie. Nach dem Aufnahmelager in Friedland gelangte sie nach Frankfurt, wo sie einen Mann fand und eine Familie gründete. Gemeinsam suchten sie weiter nach ihren Wurzeln.
Und im Sommer 1978 stand sie endlich am Grab ihres Vaters, der mit 42 Jahren in Wien gestorben war. Als sie die Sterbeurkunde in den Händen hielt, erfuhr sie, welchen Nachnamen sie wirklich hatte und wann sie geboren wurde – am 25. Mai 1942. „Ich war auf einen Schlag eineinhalb Jahre älter.“ Neumann erinnert sich, dass sie am Grab „nur noch weinen“ konnte. „Ich war so erleichtert, dass ich endlich meine Wurzeln gefunden hatte.“ Bei ihrem Namen blieb sie allerdings: „Das ist ein Schicksalsname.“
Neumann und Schröder haben sich Ende der Neunzigerjahre bei einem Zeitzeugentreffen in Bad Pyrmont kennengelernt. Seither berichten sie von ihrer Vergangenheit. Auch Neumann hat eine Botschaft an die Schüler: „Denkt daran, die Freiheit nicht aufzugeben. Bald geht ihr an die Wahlurne. Macht bitte keinen Quatsch!“
Nach dem Vortrag und dem Gespräch sind die Schüler sichtlich beeindruckt. Auf dem Weg aus dem Klassenzimmer sagt ein Mädchen: „Es ist etwas anderes, das im Geschichtsbuch zu lesen oder es aus erster Hand zu erfahren.“
Das ist auch der Grund, warum Geschichtslehrer Björn Schaal immer wieder Zeitzeugen in den Unterricht einlädt. „Ihr habt Gelegenheit, Geschichte aus ganz persönlicher Perspektive zu erleben“, sagt er seinen Schülern. „Aber solche unmittelbaren Begegnungen werden immer seltener.“
Viele Familien seien am Ende des Zweiten Weltkriegs von Flucht und Vertreibung betroffen gewesen, sagt Schaal. „Auch heute verlieren Menschen durch Kriege ihre Heimat, Familien werden auseinandergerissen, und Kinder erleben Flucht, Angst und Unsicherheit.“ Die historischen Situationen ließen sich nicht gleichsetzen. „Doch die Erfahrung von Flucht und Heimatverlust ist bis heute von bedrückender Aktualität.“
