In der Fernsehserie Breaking Bad, die das „Guinness Buch“ für die beliebteste aller Zeiten hält, surrt in einer Episode eine Fliege durch den Raum. Der Hauptdarsteller Walter White versucht sie zu töten. Es gelingt ihm nicht, er verzweifelt. White, der Drogenkoch, hat die Kontrolle verloren.
Ist es für Ferrari an der Zeit, Hamilton den Vortritt zu lassen?
Im Kern geht die Geschichte so: Wenn einer der Roten den Eben-noch-Teenager Kimi Antonelli (Mercedes, 20 Jahre alt) einholen kann, dann ist es Hamilton. Ihn trennen 76 Punkte vom Führenden, das sind etwas mehr als drei Siege. Leclerc ist über 100 Punkte entfernt. Zehn Rennen sind noch zu fahren, 250 Punkte maximal zu vergeben. Ist es für Ferrari nicht an der Zeit, Hamilton den Vortritt zu lassen?
Der Engländer lächelt, als ihn das jemand fragt vor dem Rennen in Madrid an diesem Sonntag (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei RTL und Sky). Eine Fliege landet auf seinem Arm, er verscheucht sie. Hamilton sagt: „Wir haben miteinander gesprochen, von Angesicht zu Angesicht.“ Er meint sich und Leclerc. Die Fliege sitzt nun auf seiner Schulter, wieder wedelt er mit der Hand. „Aber“, sagt der siebenmalige Weltmeister, „es gibt keine neue Vereinbarung.“
Das war auch schon vor drei Wochen so, als Hamilton in Zandvoort die schnelleren Reifen hatte und das Team Leclerc aufforderte, in die Box zu kommen. Leclerc ignorierte das, er machte erst eine Runde später Platz für seinen Kollegen. Hamilton zürnte: „Das war definitiv frustrierend. Ich bin hier, um zu gewinnen, und ich glaube auch, dass dieses Team gewinnen kann. Selbst wenn es hier für uns nicht um den Sieg ging, müssen wir jeden Punkt sichern, den man bekommen kann. Mein Ziel ist es, Ferrari zur Weltmeisterschaft zu führen.“
Später legte der Engländer auf Instagram den Rückwärtsgang ein, er schrieb von der „nichtbesten Version seiner selbst“ und dass er sich bessern werde.
Dieses Gelübde hielt zwei Wochen. Dann kam Monza, das größte Rennen der Italiener, das größte Rennen für Ferrari. Die beiden roten Autos kamen sich in die Quere, Leclerc drängte Hamilton nach außen, er musste aufs Kiesbett ausweichen und fiel sechs Plätze zurück.
Hamiltons niederländische Reue war dahin. „Es geht um klare Regeln im Zweikampf. Hier gibt es solche Regeln nicht. Ich denke, das müssen wir ändern“, sagte Hamilton in Monza. Für solche Entscheidungen sei es mittlerweile aber „viel zu spät“. Wieder hatte Antonelli gewonnen, noch größer war der Rückstand für Ferrari geworden.

Was Hamilton auch sagte: Früher, als er für Mercedes die WM gewann, gab es solche Regeln. Beim Konkurrenzteam gibt es sie auch in diesem Jahr noch. Als der WM-Führende Antonelli in Zandvoort mit den frischeren Reifen herangerauscht kam, tauschten der WM-Zweite George Russell und er die Plätze, Antonelli sammelte wichtige Zähler. Mercedes-Teamchef Toto Wolff sagte: „Wenn wir miteinander kämpfen, dann verlieren wir Punkte.“ Sein Team ist das beste der Saison, Antonelli Erster.
Und Ferrari liegt hinter den beiden Silberpfeilen. Wenn sich Hamilton über die Strategie ärgert und mit der Taktik seines ehemaligen Arbeitgebers kokettiert, schwächt das die Position seines Teamchefs Fred Vasseur. Ferraris Monza-Wochenende war ein Debakel, auch der verbesserte Motor genügt nicht, um Mercedes näherzukommen. „Sie sind sehr, sehr schnell“, sagte Hamilton in Madrid und wies auf die Probleme seines Ferrari-Autos hin, vor allem auf den Geraden. Greifbar sei der Titel zwar noch, lächelte Hamilton. Aber man müsse ehrlich sein: „Das gilt nur noch mathematisch.“
163 Rennen ist Leclerc für Ferrari gefahren, neun hat er gewonnen
Hamilton und Vasseur kennen sich lange, der französische Manager förderte ihn, als das junge Talent in der Formel 3 fuhr. Heute ist Leclerc der Mann der Zukunft bei Ferrari. Der Mann der Gegenwart ist er nicht, der Franzose liegt auf Platz fünf der Fahrerwertung hinter Lando Norris. Zumindest für den Moment will sich Vasseur scheinbar aber nicht gegen Leclerc entscheiden.
Im Juni hatte der Teamchef dem Franzosen einen neuen Vertrag gegeben, der Leclerc schon bald zu Ferraris Rekordfahrer machen könnte. Leclerc steht bei 163 Grands Prix für das italienische Team, Michael Schumacher bei 180. Leclerc gewann neun, Schumacher für Ferrari 72.
Auf Monza angesprochen, gestand Leclerc, er sei in Kurve zwei zu weit gegangen. „Wir wollen nie ein Auto aus unserem Team im Gras sehen. Ich habe mir das angeschaut und mit Lewis gesprochen. Und ich glaube, es ist klar, was wir tun sollten und was wir künftig vermeiden sollten.“
Die weiteren Schikanen der Reporter umfuhr der Monegasse: Bei Ferrari sei die Aufmerksamkeit größer, vergangene Woche habe es schließlich weitere Team-Konflikte im Fahrerlager gegeben. Hamilton, der 41-Jährige, kommentierte großzügig, das Verhalten seines Teamkollegen zeige dessen Reife. In Madrid wird sich für Ferrari vorerst also nichts ändern; Hamilton und Leclerc werden weiterhin miteinander kämpfen, wenn es sein muss. Und das auf einer Strecke, die noch niemand wirklich kennt.
Vor der aber jeder warnt: Eng sei sie, mit vielen gefährlichen Kurven und Schikanen. Als die Formel-3-Piloten vor ein paar Wochen hier unterwegs waren, brach das Chaos aus. 19 Mal schwenkten die Streckenposten die rote Flagge, weil auf dem schmalen Parcours etwas passiert war. 22 Kurven, kaum Auslaufzonen und die Mauern direkt an den Außenspiegeln: Madrid ist für alle Neuland, auch für den siebenmaligen Weltmeister.
Auf dieser „komplizierten, verrückten, unversöhnlichen“ (Zitate der Fahrer) Strecke wird der gewiefteste Pilot gewinnen. Der, der im Chaos die Kontrolle wahrt und am schnellsten ins Ziel kommt. So besagt es die älteste Regel des Rennsports. Die beiden Ferrari-Piloten kennen sie. Aber sie wissen: Sie sitzen im langsameren Auto.
Antonelli Tagesschnellster in Madrid
Der WM-Führende Kimi Antonelli ist auch zum Auftakt des Formel-1-Wochenendes in Spanien nicht zu schlagen gewesen. Der Mercedes-Pilot drehte auf dem neuen Madring in Madrid in 1:33,662 Minuten die beste Runde und bewies, dass er auf einer ihm weitgehend unbekannten Strecke keinerlei Anlaufzeit braucht. Hinter dem Italiener reihten sich die beiden Ferrari-Fahrer Charles Leclerc und Lewis Hamilton ein.
