Der Aktienkurs der Commerzbank klettert scheinbar unaufhaltsam. Genau zwei Jahre ist es her, dass der Bund in der Nacht zum 11. September 4,5 Prozent der Anteile an die italienische Bank Unicredit für 13,20 Euro je Aktie verkauft hat. In dieser Woche hat der Aktienkurs nun erstmals seit 2007 die Marke von 43 Euro überschritten – sich also seit Unicredits Einstieg im September 2024 mehr als verdreifacht. Unicredit hält seit dem am 3. Juli 2026 ausgelaufenen freiwilligen Übernahmeumtauschangebot 47,6 Prozent der Commerzbank-Aktien direkt, seit 7. September hat die italienische Bank durch Derivate sogar Zugriff auf 49,65 Prozent der Stimmrechte. Der Bund hält als zweitgrößter Aktionär 12,7 Prozent der Commerzbank-Aktien.
Am 14. September trifft sich nun Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) mit Andrea Orcel. Der Unicredit-Chef will erkennbar die Commerzbank komplett übernehmen, die lange ablehnende Commerzbank-Führung um die Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp und den Aufsichtsratsvorsitzenden Jens Weidmann mussten angesichts der hohen Anteilsquote Unicredits von nahezu 50 Prozent ihren Widerstand aufgeben. Anfang September sagte Orlopp, die Commerzbank habe de facto einen Kontrollaktionär. Sie fügte hinzu: „Es gibt Gespräche, das ist im Interesse beider Parteien. Wir sollten es tunlichst nicht vermasseln.“ Es gilt allerdings als unwahrscheinlich, dass Orcel mit aktuellen Commerzbank-Vorstandsmitgliedern nach einem Kompletterwerb noch zusammenarbeiten will.
Boris Rhein hat für Hessen schon Forderungen aufgestellt
Die entscheidenden Gespräche über das künftige Geschäftsmodell der Commerzbank finden deshalb nun zwischen Orcel und Politikern statt. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) hat sich schon mit Orcel getroffen und gefordert, dass die Commerzbank auch nach einem Kauf durch Unicredit als börsennotierte Aktiengesellschaft erhalten bleibt, ihren Firmensitz in Frankfurt behält, als Markenname erhalten bleibt und das Mittelstandsgeschäft für Firmenkunden nicht wesentlich beschnitten wird. Orcel hat dagegen die Hypo-Vereinsbank in München vor Augen, die Unicredit 2006 gekauft hat. Diese Bank hat Unicredit zur GmbH herabgestuft, zwei Drittel der Belegschaft auf heute weniger als 9000 Vollzeitkräfte abgebaut und Eigenkapital durch Dividenden und Sonderausschüttungen in Höhe von 6 Milliarden Euro an sich selbst ausgekehrt. Orcel hat schon kritisiert, dass er auch und gerade das Angebot der Commerzbank im Firmenkundengeschäft für überdimensioniert hält.

Tatsächlich arbeitet Unicredit standardisierter, schlanker und effizienter als die Commerzbank, über die nach eigenen Angaben mehr als 30 Prozent aller Außenhandelsfinanzierungen deutscher Unternehmen laufen. Daher ist sie für die deutsche Volkswirtschaft bedeutsam. Auch deshalb „rettete“ die Bundesregierung im Winter 2008/2009 in der Finanzkrise die Commerzbank mit einer Kapitalspritze von anfangs 18 Milliarden Euro. Davon sind nach dem Verkauf mit Verlust im September 2024 noch 4,4 Milliarden Euro übrig. Das verbliebene staatliche Commerzbank-Aktienpaket von 12,7 Prozent ist dank der seither erfolgten Kursgewinne rund 5,8 Milliarden Euro wert.
Vor dem Gespräch am Montag zwischen Klingbeil und Orcel stellen sich Fragen, wie es mit der Aktie, dem Staatsanteil und dem Commerzbank-Geschäft weitergeht. Fondsmanager Dirk Sammüller, der mit seinem Fonds Greiff Special Situations im zweiten Quartal 2026 vermutlich für rund 31 Euro je Commerzbank-Aktie eingestiegen ist, beurteilt die Lage so: „Auch Klingbeil braucht Zusagen, die er innenpolitisch verkaufen kann.“ Der Bundesfinanzminister werde gegenüber Orcel in die gleiche Kerbe schlagen wie Hessens Ministerpräsident Rhein: Es brauche Zusagen für die Beschäftigten der Commerzbank, den Standort Frankfurt und die Eigenständigkeit im Firmenkundengeschäft. Vieles davon deckt sich tatsächlich mit dem, was die F.A.Z. am Freitag aus Regierungskreisen vor dem Treffen am Montag erfuhr. „Der Verkauf der Commerzbank wird am 14. September sicher nicht verkündet, aber er wird dort mit hoher Wahrscheinlichkeit vorbereitet“, sagte Sammüller der F.A.Z.
„Bund kann für sein Commerzbank-Paket Kontrollprämie verlangen“
Trotz der Kursgewinne hat Sammüller noch keine Commerzbank-Aktien für seinen Fonds wieder verkauft. Als Szenario hat er vor Augen: Die Europäische Zentralbank wird im vierten Quartal Unicredit die Übernahme der Kontrolle an der Commerzbank erlauben. Die italienische Bank werde aber noch bis Juni 2027 vor „Integrationsmaßnahmen zurückschrecken“. Der Bund werde seinen Anteil nicht unter Marktpreisen verkaufen. Der Staatsanteil von 12,7 Prozent sei mehr wert als an der Börse. „Ein Paketkauf mit Kontrollprämie landet realistisch bei mindestens 45 Euro“, sagt Sammüller. Sein Fonds hält seine Aktien oft so lange, bis ein Unternehmensaufkäufer so viele Aktien erworben hat, dass er mit einer Stimmrechtsmehrheit von 75 Prozent einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag durchsetzen kann oder von 90 und 95 Prozent an mit Barangeboten Minderheitsaktionäre oft aus dem Unternehmen herausdrängen will („Squeeze-out“). So könnte es auch bei der Commerzbank in ein paar Jahren passieren.
Viele Bankanalysten haben einen kürzeren Anlagehorizont und beurteilen die weiteren Kursaussichten für die Commerzbank auch positiv. Kian Abouhossein von J.P. Morgan nannte in dieser Woche zwar ein neues mittelfristiges Kursziel von nur 39 Euro, Jochen Schmitt vom Bankhaus Metzler und Steven Gould von Oddo-BHF aber sehen Potential für 45 Euro. Nach Angaben von Bloomberg empfehlen derzeit nur zwei von 19 Analysten die Commerzbank-Aktie zum Verkauf.
