Mein Lieber, azizam, Teheran ist voll und heiß. Heute bin ich ein wenig benommen, meine Stimmung ist gedrückt. Seit zwei Tagen sind meine Antidepressiva aufgebraucht, und die Apotheken haben sie nicht. Wenn ich merke, wie abhängig ich von diesem Medikament bin, bekomme ich ein Gefühl der Beklemmung. Und ich stelle erst recht fest, dass es mir nicht gut geht. Morgen habe ich einen Termin bei meinem Psychiater. Ich möchte ihm sagen, dass ich unruhig bin und diese Ruhelosigkeit mich zermürbt. Ich weiß nicht, ob es eine philosophische Frage oder ein hormonelles Problem ist, dass kein Ort der Ort ist, an dem ich zur Ruhe kommen und bleiben kann. Meine Periode ist auch seit einigen Wochen überfällig. Seit meiner Rückkehr habe ich zwei Kilo zugenommen, und ich habe das Gefühl, dass in meinem Inneren alles durcheinandergeraten ist.
Ich hatte dir erzählt, dass ich mich vor Kurzem mit meinem Bruder gestritten habe. Wenn ich ehrlich bin, hat er die richtige Frage gestellt: Warum haben wir keinen Kontakt miteinander? Wir – damit meine ich unsere Familie. Warum sind wir einander nicht nah? Eigentlich: Warum wissen wir so wenig darüber, was im Leben der anderen geschieht? In unserer Familie bin ich diejenige, die wirklich allein lebt. Mein Leben ist so etwas wie Einsamkeit unter Fremden. Du sagst, ich sei gut, so wie ich bin, was immer ich bin. Aber manchmal geht es mir nicht gut. Ich suche nach einem Ast, an den ich mich lehnen kann, als triebe ich auf dem Wasser. Hier in Teheran ringen alle Menschen um mich herum mit dem Leben und mit sich selbst. Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Geldnot, Schwebezustand und das Bedürfnis zu vergessen.

M., meine Freundin und Nachbarin, war vor ein paar Nächten auf einer Party. Sie war umgeben von jungen Leuten, die 15 bis zwanzig Jahre jünger waren als sie. Alkohol und Rauch, um die Welt zu vergessen. Sie zeigte mir ein Video von der Party. Ein dünnes Mädchen mit roten Haaren tanzte verführerisch vor M., und die anderen tanzten, jeder für sich und in seiner eigenen Stimmung. Dann zeigte sie mir noch ein Video, auf dem sie selbst zu sehen war. Darin sitzt M. auf einem Stuhl und blickt nach oben: kurzes schwarzes Haar, große, dunkel geschminkte Augen, ein langes schwarzes Kleid mit einem Oberteil aus Spitze, eine schlanke, lang gestreckte Gestalt, gebräunte Haut.
Das Kleid hatte sie von mir genommen, weil sie plötzlich beschlossen hatte, von meiner Wohnung aus direkt zu der Party zu gehen. Ich hatte es in der Türkei gekauft. In einer Nacht war ich damit auf zwei Hochzeiten gewesen. Ich hatte es mit roten College-Schuhen kombiniert, M. mit schwarzen Lederstiefeletten. Ich mit langen Haaren, sie mit kurzen. Ich fragte sie: „Würdest du noch einmal auf so eine Party gehen?“ Sie sagte: „Nein. Weil ich keine gemeinsame Welt mit ihnen habe.“ Was man hier braucht, ist das Vergessen. Und sei es nur für ein paar Augenblicke. Hier scheint etwas in der Schwebe zu sein, und wir alle warten darauf, dass sich entscheidet, was geschehen wird, und dass die Wahrheit ans Licht kommt.
Ich möchte an einen neuen Ort, an dem mir nichts vertraut ist
Aber ist das Leben nicht immer so? Sensibel und kompliziert, da das Ende des Weltgeschehens das Nichts ist? „Sei, als wärst du nicht, und so du bist, sei froh.“ Dieser Vers vom Dichter Khayyam gibt mir ein Gefühl der Ruhe und erinnert mich an das Vergessen. Ich denke an die türkische Farm. An das Meer. An die Olivenbäume. Aber am liebsten wäre mir, mein Kopf wäre frei von jedem Bild. Ich möchte fort. In diesem Augenblick möchte ich an einen neuen Ort, an dem mir nichts vertraut ist. Ich brauche die Sicherheit des Vergessens in einer neuen Umgebung. Ich hätte nie gedacht, dass auch ich eines Tages wie meine Freundin H. das Bedürfnis haben würde, mich durch eine Reise an einen neuen Ort zu beruhigen.
Sch., meine Mitbewohnerin, ist zu ihrer Familie gefahren, und ich bin allein in der Wohnung – die wirkliche Rückkehr nach Hause und das Alleinsein mit meiner Katze Mi. Heute habe ich ihr Fell ganz kurz geschoren. Jetzt sieht sie aus wie eine kleine schwarze Maus. Morgen werde ich nach meinem Termin beim Psychiater meine Freundin H. besuchen. Sie ist aus Tibet zurückgekehrt. Seit mehr als einem Jahr haben wir uns nicht gesehen. Ich möchte Teheran in diesen zwei Wochen voll leben. N., mein ehemaliger Freund, hat mir heute geholfen, Mi in die Tierklinik zu bringen, und danach bat er mich um Hilfe.
Eigentlich brauchte er keine besondere Hilfe, außer dass er reden wollte. Reden über seine neuen Entscheidungen und die neuen Gefühle im Leben. Morgen hat auch er einen Termin bei seinem Psychiater. Unsere Situation erinnert mich an das Paar auf der türkischen Farm, an D. und S., das amerikanisch-bulgarische Paar, das als Freiwillige auf der Farm war und inzwischen getrennt lebt. D. sagte zu mir: „Ich liebe S. und bin immer bereit, ihm zu helfen.“ Genau so empfinde ich für meinen Exfreund N. Für mich haben Beziehung, Liebe, Freundschaft, Familie und Einsamkeit neue Bedeutungen bekommen. Sei, als wärst du nicht, und so du bist, sei froh.
Ich bin zufrieden mit der Freiheit des Alleinseins, die ich in diesen Tagen habe. Mit Alleinsein meine ich, niemandem außer mir selbst verpflichtet zu sein. Du hast gesagt, dass wir, die Kinder Irans, unser ganzes Leben lang nach Freiheit dürsten. Du und ich. Die Freiheit zu sehen, zu hören. Die Freiheit der Bestimmung über den eigenen Körper. Besonders für eine Frau wie mich. Eines Körpers, der sich durch unterschiedliche Klimazonen bewegt und zugleich ein Gedächtnis hat.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.
