Auch ein langer Weg kann nur bewältigt werden, wenn viele einzelne Schritte gemacht werden. Der seit knapp zwei Jahren amtierende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Stephan Leithner, ist ein Mann der Zuversicht. Er verweist daher gerne auf die vielen Schritte, die Deutschland und Europa schon gegangen sind, um einen gemeinsamen Kapitalmarkt zu schaffen; und damit eine wichtige Grundlage, um im Wettbewerb mit den USA und China eine eigene tragfähige Basis zur Investitionsfinanzierung zu haben.
Er tritt damit der gelegentlichen Lähmung entgegen, die manchen befällt, angesichts des unendlich lang und beschwerlich erscheinenden Weges zu einer Kapitalmarktunion (deren konkrete Definition noch aussteht).
Leithner hält das Gegenteil von Lähmung für richtig: „Der Kapitalmarkt erlebt gerade seinen Agenda-Moment“, ruft Leithner den Zuhörern der am Mittwoch in Berlin veranstalteten F.A.Z. Europakonferenz zu. Auch zu Schröders Agenda-Zeiten habe es viel Kritik an seinen Arbeitsmarktreformen gegeben. „Es waren relativ kleine Schritte. Viele haben gefragt: Ist das wirklich genug? Ist Hartz IV wirklich scharf genug?“, erinnert Leithner. „Aber die Veränderungsdynamik, die dadurch ausgelöst wurde, die spüren wir gerade auch rund um das Thema Altersvorsorge am Kapitalmarkt.“
Mehr neue Kinderdepots als Geburten
Der Börsenchef schaut dabei auf die vielen jungen Leute, die angesichts der rege geführten Altersvorsorgedebatten und den Reformplänen der Ampelregierung in den Jahren 2023 und 2024 seither schon eigeninitiativ gehandelt hätten. „Wir sehen diese Entwicklung im Alltag an den Volumina auf unseren Handelsplätzen“, sagt Leithner. Schon vor Beginn der Frühstartrente seien bei einem großen Neobroker (gemeint ist Trade Republic) in einem Jahr mehr Kinderdepots eröffnet worden, als Kinder geboren wurden.
Den Skeptikern der für Deutschland ungewöhnlich dynamischen Zuwendung zur ETF- und Aktienanlage hält Leithner entgegen: „Immer wieder werde ich mit der Frage konfrontiert: Was ist denn, wenn der Kapitalmarkt jetzt abstürzt? Das ist eine unsinnige Frage. Die Nutzung des Kapitalmarkts zur Lösung des Altersvorsorgeproblems ist weltweit hundertmal beobachtet worden und hat hundertmal funktioniert.“ Er verweist auf Neuseeland und Australien, bei denen ein durchschnittlicher Bürger ein Vermögen von einer Million Euro im Pensionssystem habe, oder auch Modelle wie in Skandinavien. „Es gibt keinen Zweifel, dass staatlich angestoßene Altersvorsorge am Kapitalmarkt funktioniert. Das nicht umzusetzen, wäre wirklich unverantwortlich.“
Warum Altersvorsorgedepot, Frühstartrente und Kapitalrente auch gesamtgesellschaftlich sinnvoll sind? „Die Einzahlungen in die Altersvorsorge und die kapitalmarktorientierte Anlage sind der Sprit, den wir brauchen, um den Motor zu betreiben“, sagt Leithner. Der Motor wiederum, der Europa im Bereich von Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur und Wettbewerbsfähigkeit von Staaten und Unternehmen antreibt, der habe aktuell noch viel zu viele Zylinder. Die Fragmentierung der Handelsplätze zu reduzieren, sieht der Börsenchef neben der Digitalisierung, Transparenz, Vertrauensschutz und einer ordentlichen Regulierung als zentrale Aufgaben.

Nicht mehr nur Konzepte und Ideen
Dass der Weg kein leichter wird, ist allen klar. Aber Leithner sieht Fortschritte. „Wenn Sie den Brief der sechs großen Staaten und Finanzminister vom Juni lesen, sehen Sie dort sehr konkrete und unumstrittene Themen, die eine materielle Veränderung bringen werden.“ Es gebe darüber hinaus ein Gesamtpaket, an dem die Europäische Kommission arbeitet. Auch das Parlament habe seine Positionen klargemacht. „Wir werden im ersten Quartal des nächsten Jahres einen beschleunigten Trilog erleben, und ich bin fest davon überzeugt, dass wir Mitte nächsten Jahres nicht mehr nur über Konzepte, Ideen und politische Diskussionen sprechen werden, sondern klare Punkte haben, die wichtige Meilensteine vorantreiben.“
Den meisten Anlegern dürfte es egal sein, ob das Kind nun Kapitalmarktunion, Spar- und Investitionsunion oder auch Bankenunion heißt. Sie profitieren heute schon von günstigen und einfachen ETF-Sparplänen – und von 2027 an auch noch mit staatlichen Zulagen.
Auch die Vollendung der Bankenunion sei dringend geboten, mahnte Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp in ihrer Rede am späten Nachmittag auf der F.A.Z. Europakonferenz an. Zu der Übernahme durch die italienische Unicredit wollte sie konkret nichts sagen. Sie ließ denn aber doch sehr klar wissen, dass es erst nach der Vollendung der Bankenunion Bankenfusionen in Europa geben könne, die auch etwas taugen.
