Royale Begräbnisse folgen vorgegebenen Skripts, auch was die Kleiderordnung betrifft. Wie lang muss das Kleid sein? Trägt man Uniformen? Einen Trauerschleier? Am Mittwoch, als König Harald V., der im Alter von 89 starb, beigesetzt wurde, legte seine Witwe, Königin Sonja, in einer rührenden Geste eine einzelne rote Rose auf seinen Sarg. Während der Trauerzeremonie trug sie einen kurzen durchsichtigen Trauerschleier. Ein symbolisches Kleidungsstück, in dem sich eine lange sozioreligiöse Praxis vereint. Sie war jedoch die Einzige, die noch einen Schleier trug. Dabei galt er noch bis in die Sechzigerjahre hinein als Pflicht für Königinnen.
Bereits 1991, als Sonja und Prinzessin Märtha Louise auf der Beerdigung von König Olav V. einen vollständig verhüllenden langen Trauerschleier trugen, wurde über dieses symbolische Kleidungsstück berichtet. Der lange Schleier wirkte damals schon altmodisch. Die „Vollverschleierung“, wie viele die Wahl ihres Schleiers nannten, galt als anachronistisch.

Der Dresscode für die Beerdigung von König Harald sah nun für weibliche Mitglieder der Königsfamilie lange schwarze Kleider und schwarze Hüte inklusive Kurzschleier oder Fascinator vor. Sonja trug zudem eine Porträtbrosche mit einem Bildnis von König Harald, das an einem Band in den norwegischen Nationalfarben steckte.
Der Schleier schützt, grenzt ab, verhüllt
Schleier blieben lange in bestimmten Milieus und für bestimmte Zwecke präsent, während sie allgemein an Bedeutung verloren. 1952 trugen Königin Elisabeth II., ihre Mutter und Schwester Margaret noch einen Schleier zur Beerdigung von König George VI. 2022. Zur Beerdigung von Königin Elisabeth II. selbst war der Schleier schon weitgehend aus der Kleiderordnung verschwunden.

Der Schleier weckt unterschiedliche Assoziationen: Er schützt, grenzt ab, bedeckt und verhüllt. Verschleierungen und Kopfbedeckungen von Frauen gab es bereits in vorchristlichen Kontexten. Im Christentum entwickelte man dann eigene Regeln für seinen Gebrauch. Eine mögliche Assoziation seines christlichen Ursprungs geht auf die Trachten von Nonnen zurück, die als Maßstab für die christliche Trauerkleidung galten. Wichtig schien zu sein, dass die Haare bedeckt waren.
Die Vorschriften darüber, was während offizieller Trauerzeremonien getragen werden sollte, wurden im 18. und 19. Jahrhundert strenger. Der Zeitraum, innerhalb dessen getrauert werden durfte und welche Stoffe etwa getragen werden sollten, war klar vorgeschrieben. Auch der Verwandtschaftsgrad entschied, wer was trug. In der viktorianischen Zeit ließ sich wiederum ein Zusammenhang zwischen sozialem Status und öffentlicher Sichtbarkeit herstellen. Der Schleier galt auch als Distinktionsmerkmal.
Vertreterinnen einer langen, christlichen Tradition
Königinnen trugen früher noch Trauerschleier zu Beerdigungen. Für sie galten ohnehin andere Regeln. Als symbolische und repräsentative Institution gelten die Oberhäupter der Krone als Vertreter einer langen christlichen Tradition. So auch Königinnen, in denen sich das Fromme, Christliche und Diskrete vereint.
Allgemein schien der Schleier in der westlichen Kultur jedoch einen zwanghaften Charakter zu haben, der Frauen vorschrieb, sich auf eine bestimmte Weise zu kleiden und sich zu bedecken. Das wandelte sich im Zuge der feministischen Bewegung.
Zur Beerdigung von Harald V., mit dem Sonja 58 Jahre verheiratet war, entschied sie sich wieder für einen Schleier, diesmal jedoch für eine kurze, durchsichtige Version. Diese Form vereint Tradition und Moderne und verweist zugleich auf eine Veränderung in der Kultur der Trauerkleidung.

Kronprinzessin Ingrid Alexandra, die Tochter des neuen Königs Haakon VIII., trug eine modernere Variation des Trauerschleiers: einen kleinen Hut, an dem ein kurzer netzartiger Schleier befestigt war. Auch Haakons Frau Mette-Marit trug einen solchen Netzschleier und einen schwarzen Hut mit breiter Krempe. Das waren deutliche Zeichen dafür, dass der traditionelle Trauerschleier bald endgültig ausgedient hat.
