
Die Geduld der Bahnkunden wird deutlich länger strapaziert als bisher geplant: Die Deutsche Bahn wird die Generalsanierung hochbelasteter Schienenkorridore noch einmal umplanen und deutlich strecken. Das sagte die Bahnchefin Evelyn Palla am Donnerstag vor Journalisten, ohne ein konkretes Ende der Maßnahmen zu benennen. Es wäre die dritte Verzögerung des milliardenschweren Projekts: Ursprünglich war von einer Bauphase bis 2031 die Rede, zuletzt hieß es, die rund 40 Strecken werden bis 2036 erneuert.
Die wiederholte Verschiebung zeigt, wie schwierig die Umsetzung der Mammutprojekte ist. Sie sind jeweils mit monatelangen Vollsperrungen verbunden, die im Fern- und Güterverkehr zu langen Umleitungen führen. Im Nahverkehr müssen die Kunden auf Busse umsteigen. Auch für den Bundeshaushalt sind die Belastungen enorm, die Kosten gehen in die Milliarden. Zuletzt hatte es immer wieder Verzögerungen beim Bauabschluss gegeben, was wiederum Auswirkungen auf andere Baumaßnahmen nach sich zog. Die privaten Wettbewerber beklagen schon seit Monaten chaotische Zustände, der brandenburgische Verkehrsminister Robert Crumbach (SPD) äußerte im Interview mit der F.A.Z. zuletzt den Verdacht, die Netzgesellschaft der Bahn, die gemeinwohlorientierte DB Infrago, sei mit den Baustellen „systematisch überfordert“.
Pünktlichkeit geht runter – trotz Sanierung
Sowohl Bahn als auch das zuständige Bundesverkehrsministerium wollen jetzt umsteuern. Der Staatskonzern arbeite gerade an einem Konzept, das eng mit dem neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) abgestimmt werde, sagte Palla. Der frisch vereidigte Bilger hatte schon früh Kritik an der bisherigen Umsetzung geäußert und Änderungen angemahnt. So kritisierte er am Mittwochabend auf der Veranstaltung „Sanierungsfall Deutschland“ der Stiftung Marktwirtschaft, nach umfangreichen Ausbesserungen der Strecke zwischen Hamburg und Berlin habe sich die Pünktlichkeit sogar verschlechtert. „Das können Sie keinem erklären.“ Den in der Eisenbahnbranche und in der Opposition geäußerten Verdacht, bei der erneuten Verzögerung könnten auch Finanzierungsprobleme eine Rolle spielen, wies er zurück: „Geld ist genug da.“
Palla räumte am Donnerstag ein, dass die Bahn auf der betroffenen Strecke auch drei Monate nach Abschluss der Arbeiten noch immer „im Hochlauf“ sei. „Da will ich nichts schönreden.“ Eine Lehre sei, dass es eine Hochlaufphase geben müsse. Vier Korridorsanierungen im Jahr seien zu viel, betonte Palla. Künftig peile der Konzern nur zwei bis drei solcher Großprojekte im Jahr an. Auch werde man künftig darauf achten, dass die Projekte geographisch besser abgestimmt seien.
Monatelange Vollsperrungen gehören zum Konzept
Das Konzept der Generalsanierungen hat der frühere Bundesverkehrsminister Volker Wissing schon 2022 erstellen lassen, um die lange vernachlässigte Infrastruktur grundlegend zu sanieren. Kern der neuen Herangehensweise sind Vollsperrungen der Streckenabschnitte, die sich teils über viele Monate hinziehen und von Schienen über Stellwerke bis zu Oberleitungen fast alle Bereiche des betroffenen Streckenabschnitts umfassen. Das Konzept unterscheidet sich damit deutlich vom bisherigen Ansatz des „Bauens unter dem rollenden Rad“, das weniger stark in den Schienenverkehr eingreift, aber sich deshalb auch über Jahre hinzieht.
Derweil zeigen Daten aus der ersten Generalsanierung der Riedbahn, die im Jahr 2024 absolviert wurde, dass es durchaus gelungen sei, die Pünktlichkeitswerte der Züge deutlich zu verbessern, betonten die Grünen mit Hinweis auf Zahlen des Bundesverkehrsministeriums. Im Nahverkehr stieg die Pünktlichkeit von durchschnittlich 70 auf 80 Prozent. Im Fernverkehr sorgt die deutlich bessere Ausstattung der Strecke dafür, dass Zeit eingespart werden kann und Züge eine Verspätung in diesem Bereich sogar wieder aufholen. Anders als zwischen Hamburg und Berlin wurde dort allerdings auch die Digitalisierung über das neue Zugleitsystem ETCS vorangetrieben. Die Umsetzung gestaltete sich aber schwierig und konnte erst mit einer deutlichen Verzögerung von mehr als einem Jahr vollständig in Betrieb genommen werden.
Die Grünen, die damals unter der Ampelregierung das Konzept der Generalsanierung mitgetragen haben, verteidigen das Konzept: „Die ersten Ergebnisse von der umfassenden Riedbahn-Sanierung stimmen optimistisch“, sagt der Grünen-Abgeordnete Matthias Gastel. „Sanierung und Digitalisierung sorgen für pünktlichere Züge.“ Wenn Bahnstrecken monatelang gesperrt werden, müssten immer auch kapazitätserhöhende Maßnahmen mit umgesetzt werden, mahnte der Bahnfachmann. Dazu gehöre zwingend auch die Digitalisierung von Strecken. „Es rächt sich, dass die Koalition hier bei Nachfolgeprojekten spart.“ Sie sperre monatelang Strecken, ohne dass die Chancen auf Verbesserungen im Bahnverkehr mit realisiert werden. Sanieren, Ausbauen und Digitalisieren müssten zusammengehören.
Auch der Vorsitzende des Verkehrsausschusses, der frühere hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne), sagte, er sei „erschrocken“ über die Ankündigung des Ministers, die gesamten Korridorsanierungen auf den Prüfstand zu stellen, anstatt wo nötig einzelne Anpassungen vorzunehmen. „Wir haben ein Riesenproblem in Deutschland, und das ist mangelnde Verlässlichkeit.“
