Der Teppich von Bayeux – der Begriff „Teppich“ ist im Grunde falsch, weil es sich nicht um eine Web-, sondern um eine Stickarbeit handelt – ist neben den Pariser Einhornteppichen das bestrickendste Textil des Mittelalters. Auf heute „nur“ noch siebzig Meter Länge bei einem halben Meter Höhe finden sich auf ihm eindrucksvolle Zahlen: 627 Personen, 190 Pferde, 41 Schiffe, 35 Hunde, insgesamt acht verwendete und bis heute gut erhaltene Naturfarben für das Stickgarn wie Färberkrapp für die Rottöne, drei Frauen, ungezählte Fabelwesen, Tiere und Drachen in der oberen und unteren Bordüre, ein nackter, Unzucht treibender Mönch mit erigiertem Glied. Und die geschichtlichen Hintergründe der Eroberung Englands durch den Normannen William „the Conquerer“.
Auch die Briten sind Meister der Zahlen, der Vermarktung und des gewitzten Verkaufens. Während der Teppich in seinem normannischen Museumsbau in den letzten Jahrzehnten sehr überschaubare Besuchermengen anzog, ist die heute eröffnende Erstpräsentation des Textils auf englischem Boden seit bald tausend Jahren auf Monate hin ausgebucht. Bei dem mittelalterlichen Textil scheint sich somit ein seltsamer Duchamp-Effekt eingestellt zu haben, der allein durch Präsentationsort und -art eine Mediensensation kreiert. Am inhaltlichen Mehrwert kann es nicht liegen, dieser hält sich in engen Grenzen. Die vollmundig als wichtigste Ausstellung des Jahres beworbene Schau ist es jedenfalls nicht, es sei denn, man bezöge nicht Inhalt, sondern mediale Aufmerksamkeitserzeugung in die Gesamtbewertung ein.
Feine britische Unterscheidungen
England ist auch das Land der feinen Distinktionen, der Zwischentöne und umdeutenden Aneignungen: Stolz führte König Charles III. vergangene Woche den französischen Präsidenten durch die Schau im Britischen Museum, weil Macron trotz erheblicher restauratorischer Bedenken und einer Petition von mehr als hunderttausend Stimmen gegen die Ausleihe sein Plazet gab. Auch der unheimliche Apokalyptiker Peter Thiel und andere illustre Gestalten durften bereits stundenlang „gratis“ in die abgedunkelten Hallen; das Fußvolk folgt nun zu happigen Preisen erst eine Woche später, so es denn Karten oder ein Hotelzimmer von 1000 Pfund gebucht hat, bei dem ein Eintrittsticket inklusive wäre. Und auch beim Katalog gibt es klare Klassenunterschiede: Während der einfache Katalog so erschwinglich wie banal ist, zahlt der Wissensdurstige für mehr Information gleich stolze 150 Pfund.

Parallel zum großen Erfolg des Film-Blockbusters „Odyssee“ von Christopher Nolan – tatsächlich erzählt das „kinematographische“ Textil ja vergleichbare Irrungen und Wirrungen von Wilhelms Herausforderer König Harald in der Bretagne sowie langwierige Schlachtszenen und Abenteuer – versucht man es auch in London mit ähnlich effekthascherischen Mitteln im zum Kinosaal abgedunkelten Sainsbury-Flügel. Zur Einführung gibt es auf einer mehr als siebzig Meter langen Empore drei belanglose Filmchen zum geschichtlichen Hintergrund, die wie auch die Teppichpräsentation in scheußlich dünne hollywoodeske Akustiksuppe à la Hans Zimmer getaucht ist, bei der ein brennendes Haus auf dem Teppich unnötig von knisterndem Feuer und die Battle of Hastings von Schlachtgetöse begleitet sind. Nach jedem der Filme folgt gerade mal ein Objekt in einer Wandvitrine, ohne weitere Erklärung. Der staunenswert dicht beschnitzte walrosselfenbeinerne Taustab von Alcester in Warwickshire von um 1000 etwa wird dem Besucher als stilistisches Belegstück für eine Entstehung des Teppichs in England hingestellt, obwohl er mit Christus und Kreuzesstab eine Figur zeigt, die auf dem Teppich gar nicht vorkommt. Überhaupt werden allenthalben mehr oder weniger subtile Umdeutungen vorgenommen und ungedeckte Behauptungen eingeschmuggelt: In einem der Kurzfilme heißt es plötzlich im Brustton der Überzeugung, doch ohne jede Begründung, englische Textilexpertinnen hätten ihn gefertigt. Dabei gehört das zu den vier großen ungeklärten Fragen „Wer? Wer? Wo?“ und „Wie lange nahm es in Anspruch?“.
Helfen die schrägen Frisuren bei der Lokalisierung der Teppich-Werkstatt?
Dass er von englischen Künstlern gefertigt wurde, wenige Jahre nach der Eroberung der Insel nach der Schlacht bei Hastings 1066 von einem französischen Herrscher im Feindesland vertrauensvoll die eigene Siegesgeschichte in fremde Hände gegeben worden sei, klingt bei nüchternem Nachdenken eher abwegig. Dennoch bringen die Kuratoren kein einziges französisches Beispiel zum Stilvergleich, vielmehr nur englische, was sich im Katalog fortsetzt. Die dort mehrfach zum Beleg angeführten Handschriften aus Canterbury wie der als Kronzeuge aus diesem Skriptorium angeführte „Hexateuch“ von 1025 scheinen zwar auf den ersten Blick eine vergleichbare Figurenbildung aufzuweisen, doch sind sämtliche Personen darin mittelgescheitelt, während der Teppich ja gerade mit den bizarrsten Undercuts und Punk-Tonsuren bezirzt, wie sie erst wieder Gary Oldman in „Das fünfte Element“ tragen sollte. Und selbst die als Stilvorlage immer wieder in Stellung gebrachten Kopien des enorm einflussreichen karolingischen Utrechtpsalters aus Canterbury und anderen englischen Skriptorien gibt es auch auf dem Kontinent. Auch eine französische Handschrift wie die Normannenchronik des Benediktiners Ordericus Vitalis aus Jumièges zeigt in den Initialen große stilistische Ähnlichkeiten, sodass der Teppich gut und gern in Frankreich gestickt worden sein kann. In der Klitterung auf die kurzerhand behauptete Entstehung auf englischem Boden scheint so immer noch ein „Rule, Britannia“ mitzuschwingen, Geschichte wird frech angeeignet.

Dass der Teppich hingegen von textilerfahrenen Frauen oder Nonnen bestickt wurde, ist hoch wahrscheinlich. Auch inhaltlich spricht die große Empathie in der Schilderung von Kriegsgräueln wie einem von den Normannen in Brand gestecktes Haus mit darin ausweglos gefangener Frau mit Kind am Arm oder grausig zerstückelten Leichen von Kriegern ohne Kopf eher für weibliche Anteilnahme und gegen ausschließlich männliche Künstler (wenngleich es gewiss einen Conceptor des Ganzen gegeben hat, der das gesamte comichafte Storyboard mit dicken Konturen in Kohle auf dem Leinenstoff vorzeichnete).
Auftraggeber war sehr wahrscheinlich ein kampfeswütiger Bischof
Das zweite „Wer?“ betrifft den Auftraggeber. Wilhelm selbst scheidet aus, da er erstaunlicherweise nicht die Hauptperson des Teppichs ist und da sich dieser sonst noch heute in England befinden würde. Dagegen zog sehr wahrscheinlich sein Halbbruder Odo von Bayeux im Hintergrund die Fäden, der als Bischof der französischen Stadt an nicht weniger als drei zentralen Stellen auf dem Teppich erscheint, vor allem in der Einflüsterungsszene der Invasion Englands in Wilhelms Ohr. Furchtlos kämpft der Bischof zu Pferd in erster Reihe; da er als Kleriker kein Blut mit dem Schwert vergießen darf, schlägt er den Engländern mit einer riesigen Keule das Hirn zu Brei. Das korreliert mit seiner Beschreibung beim Chronisten Ordericus Vitalis, der Odo um 1114 als „äußerst energisch im Verfolgen weltlicher Belange“ schildert, indem er seine Kirche gleichzeitig „mit Schwert und Worten verteidige wie auch sie verschwenderisch mit Ornamenten ausstatte“. Aufgehängt war der ursprünglich fast achtzig Meter lange Geschichtsfries entweder in Odos Palast oder im Chor seiner Kathedrale von Bayeux, sich gegenüberhängend über mindestens drei Seiten gespannt, weil Teile des Anfangs und des Finales parallelisieren. Als engster Verbündeter des triumphalen Englanderoberers traut man Odo diesen ihn gebührend berücksichtigenden Großauftrag jedenfalls sofort zu.
Selbst bei der Datierung neigen die Kuratoren inzwischen statt den Siebzigerjahren des elften Jahrhunderts eher einer Entstehung unmittelbar nach Hastings um 1067/68 zu, da William in dieser Zeit noch die Hoffnung trug, den unterlegenen englischen Gegner durch die auffällig pflegliche visuelle Behandlung auf dem Teppich ins Boot holen zu können – eine Erwartung, die sich mit dem massiven Widerstand englischer Städte wie Exeter in den Siebzigern längst zerschlagen hatte.

„Politisch“ aber war der Teppich seit seiner Entstehung. Erst wollten die napoleonischen Revolutionstruppen aus dem „feudalen“ Stück Planen für ihre Kutschen fertigen, dann erkannte Napoleon seinen Wert als Propagandastück zur Vorbereitung seiner geplanten Englandinvasion und ließ ihn 1804 für ein Jahr im Louvre zeigen. Von 1941 an brachte Himmlers SS-„Ahnenerbe“ das Textil in seinen Besitz, um die urgermanischen Nordmannen darauf zu untersuchen (Wilhelm erhob den Anspruch auf den englischen Thron ja aufgrund von Emma, der Mutter König Edwards von normannischem Geblüt), und transportierte ihn 1944 erneut in den Louvre als Invasions-„Illustration“. Und als kitschtriefende Legitimation des gefährlichen Transports eines bald tausendjährigen fragilen Gewebes wabern in einem der drei aktuellen Filmchen Sätze über die Leinwand, die Macrons und Starmer/Burnhams Intention verraten: „Almost 1,000 years later … two countries working in partnership. One fragile treasure, an opportunity to get closer than ever“. So weit die Träume.
Ein unvergleichliches Meisterwerk in acht strahlenden Farben
Als Kunstwerk allerdings bleibt der Teppich unerreicht, da er ähnlich komplex wie die abgewickelten Reliefs der Trajanssäule erzählt. Wie die Mannen Wilhelms beim Landgang ihre langen Tuniken in den Gürtel stopfen, um untenherum nicht nass zu werden, wie die Pferde mit präzise gegebenem Geschlecht ängstlich in den Invasionsschiffen sitzen, wie die in drei Farben gestreiften Langboote mit ihren Drachen-Galionsfiguren gebaut werden und die Verkürzungen in sämtlichen Bewegungssituationen meisterlich beherrscht werden – das alles ist von bis heute atemnehmender Naturnähe und Detailtreue.

Abseits von all den nicht oder sehr britisch beantworteten Spezialfragen bleibt daher nur das Manko der Präsentation des Teppichs selbst. Anders als in Bayeux liegt er nun aus konservatorischen Gründen in einer schier endlosen Vitrine. Der Reiz der filmisch vor unseren Augen vorbeiziehenden Bewegtbilder auf einer vertikalen Breitleinwand stellt sich so nicht mehr ein, die Leinwand liegt statisch schwer unter Panzerglas und wird brav Bild für Bild absolviert – in exakt berechneten maximal vierzig Minuten Verweildauer.
Bis zum 31. Dezember ist die Ausstellung restlos ausgebucht. Wer den hochsymbolischen Teppich nichtsdestotrotz noch dieses Jahr sehen will und gleichzeitig das satte Eintrittsgeld von bis zu 33 Pfund sparen will, sei auf eine Alternative verwiesen, die nicht einmal die meisten Engländer kennen. Bei Gratiseintritt im ohnehin sehr empfehlenswerten Museum von Reading im Westen Londons hängt dankenswerterweise eine qualitätvolle Kopie des Teppichs in Originalgröße in den vier Seiten des oberen Museumssaals. Im Jahr 1885 von der geschichtsbegeisterten Elizabeth Wardle und ihren textilversierten Freundinnen vor Ort begonnen, stickten die 35 Ladys jeweils um die zwei Meter und verewigten ihren Namen kess in der unteren Bordüre in Sticksignaturen. Das vermag auch die letzte offene Frage einzukreisen: Für die siebzig Meter englische Geschichte brauchten die Frauen von Reading ziemlich genau zwölf Monate, und da sie für die Handarbeit das exakt gleiche Vorgehen wie im Mittelalter wählten, dürfte das unvergleichliche Wunder von Bayeux vor tausend Jahren kaum länger benötigt haben.
The Bayeux Tapestry. British Museum, London; bis zum 11. Juli 2027. Der Katalog kostet 30 Pfund.
