Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt hat ein überaus lesenswertes Buch geschrieben, in dem die Geschichte der Bundesrepublik unter zwei Leitfragen steht: Wie spiegelten sich die großen gesellschaftlichen Debatten des Landes im Handeln der Kanzler wider? Und wann hat eingreifendes Denken den Gang der Politik wirklich beeinflussen können? Dabei geht es immer auch um das Rollenverständnis, nicht nur der Schriftsteller, die sich in die Politik glauben einmischen zu müssen, sondern auch um das der Politiker, die sich, bei aller gebotenen Vorsicht, gern auch intellektuell positionieren.
Auf den ersten hundert Seiten lässt sich indes zu beiden Fragen nicht viel berichten. Konrad Adenauer hatte mit dem demokratischen Aufbau des Landes alle Hände voll zu tun. Weitgehend amusisch – wie im Übrigen alle seine Nachfolger im Amt mit Ausnahme Helmut Schmidts –, hielt er die geistige Welt für politisch irrelevant. Die Schriftsteller ihrerseits schreckten vor einer Berührung mit der Sphäre des Politischen zurück; die Ablehnung jeglicher Parteibindung, schrieb Hans Erich Nossack noch 1964 im „Merkur“, gehöre zu den Voraussetzungen geistigen Engagements. Dass Adenauers extrem nüchterner Stil sich wohltuend vom Goebbels-Pathos abhob, wurde von der Mehrheit ebenso dankbar registriert wie das Beschweigen der nationalsozialistischen Vergangenheit, dem ein stilles Einverständnis zwischen Macht und Geist zugrunde lag.
Der erste massive und langanhaltende Protest richtete sich gegen die Wiederbewaffnung. Im April 1957 lud Adenauer eine Reihe prominenter deutscher Physiker, die sich in der „Göttinger Erklärung“ für den Verzicht auf Atomwaffen ausgesprochen hatten, zu einem ganztägigen Gespräch ins Kanzleramt; anschließend bat er den protestantischen Theologen Helmut Thielicke um einen Vortrag auf dem vier Wochen später anstehenden CDU-Parteitag. Beide Initiativen, so Peter-André Alt, seien für den Kanzler untypisch gewesen. In der Regel hielt Adenauer wenig von freischwebender Beratung. In einem knapp zweistündigen Referat über Verantwortung und Gewissen segnete der Theologe den Kurs des Kanzlers „als ethisch vertretbar und sinnvoll“ ab.
Willy Brandts „Synthese zwischen Geist und Macht“
Die in Deutschland traditionell verankerte strikte Trennung von Geist und Macht impliziert, dass, wer politischen Einfluss sucht, an intellektuellem Renommee verliert. Kein Kanzler hat dieses Problem so klar benannt wie Helmut Kohl, der mehr als alle seine Vorgänger und Nachfolger darunter litt, vom Gros der Intellektuellen herablassend behandelt, bestenfalls übergangen zu werden. In einem Vortrag vor der Katholischen Akademie in Trier im März 1973 befasste sich der kurz darauf zum CDU-Vorsitzenden Gewählte mit der Frage, warum seine Partei den Anschluss an den Zeitgeist zu verlieren drohe.

In der Person von Willy Brandt, der im Jahr zuvor mit 45,8 Prozent einen fulminanten Wahlsieg eingefahren hatte, erfülle sich für viele offenbar die alte Sehnsucht nach einer „Synthese zwischen Geist und Macht“. Die Linke scheine sich in dieser scheinbar prästabilisierten Harmonie sichtlich wohl zu fühlen, so Kohl, „in Wahrheit aber sei diese Konstellation gefährlich, weil sie eine ‚Korrumpierung der Politik‘ bedeute“. Sobald er sich politisch engagiere, werde der Intellektuelle nämlich unglaubwürdig; wenn sich alle nur noch gegenseitig ihre guten Absichten bescheinigten, frage niemand mehr danach, was die Umsetzung der hehren Ideale denn nun koste. In dem Moment, in dem der Intellektuelle seine kritische Distanz aufgebe, um eigenen Einfluss geltend zu machen, beginne „seine Wandlung zum Ideologen und Apologeten“.
Der künftige Kanzler war überzeugt, dass Intellektuelle grundsätzlich zu hohe Anforderungen an die Politik stellten; diese stehe ja unter ständigem Entscheidungszwang. Die politische Selbstmandatierung der Intellektuellen konnte Kohl schon deshalb nicht akzeptieren, weil sie in ihrer überwältigenden Mehrheit dem Lager des politischen Gegners zuneigten. Seine Versuche, der CDU neues intellektuelles Potential zu erschließen, scheiterten dann allerdings auf der ganzen Linie. Zum einen agierte er persönlich oft ungeschickt und ließ sich leicht provozieren – „ich war in Hölderlin gut“, ließ er sich im Wahlkampf 1976 zitieren –, zum anderen verpuffte das Pathos von der geistig-moralischen Wende, mit der er gegen den angeblichen Werte-Relativismus von Helmut Schmidt punkten wollte, kaum war der Machtwechsel mithilfe der FDP vollzogen.
Mitarbeit am Staat
Bereits Kohls CDU-Vorgänger im Amt hatten die Notwendigkeit erkannt, die Partei aus ihrer Fixierung auf das rheinisch-katholische Milieu zu lösen und sie für die „geistig und kulturell führenden Schichten unseres Landes“ attraktiv zu machen, wie es Ludwig Erhard in seiner Regierungserklärung 1963 postulierte. Adenauer war gegen Ende seiner Kanzlerschaft „endgültig zur Reizfigur der Linksliberalen“ geworden; der neue Star am Politikerhimmel hieß jetzt Willy Brandt, für den sich viele, auch junge Publizisten und Autoren im Wahlkampf aktiv eingesetzt hatten. Die meisten Intellektuellen seien gegenüber der Politik „ehrwürdige Neinsager“, urteilte ein selbstkritischer Martin Walser 1960: „In welche Verlegenheit brächten uns ein Staat, eine Gesellschaft, die uns zur Mitarbeit einlüden!“ Als hätte er diesen Text gekannt, ging Erhard jetzt in die Offensive: „Ich rufe die schöpferischen Menschen in der Bundesrepublik zur Mitarbeit an diesem Staate auf!“
Weil die solchermaßen Umworbenen nicht mit prompter Gegenliebe antworteten, verlor der dünnhäutige Erhard erst die Geduld und dann die Nerven. Im Frühsommer 1965 denunzierte er Rolf Hochhuth, der ihn im „Spiegel“ massiv angegangen war, als „ganz kleine[n] Pinscher“. Solche Leute seien keine Dichter, sondern „Banausen und Nichtskönner, die über Dinge urteilen, von denen sie einfach nichts verstehen“. Das entsprach dem Klischee von der Arbeitsteilung zwischen Kunst und Politik, passte aber nicht mehr in die Zeit. Anderthalb Jahre später wurde Erhard politisch von seinen eigenen Leuten gemeuchelt.
Auch Erhards Nachfolger hatte wenig Glück mit den Intellektuellen. Kurt Georg Kiesinger, „ein Schöngeist mit Bohème-Attitüde“, der gern gebildet redete, war durchaus offen für die Themen, die um 1968 plötzlich in den Mittelpunkt drängten. Weil der weltläufige Diplomat seinen letzten Schliff aber zwischen 1940 und 1945 im Auswärtigen Amt unter Joachim von Ribbentrop erhalten hatte, war er als Gesprächspartner der Achtundsechziger dann doch zu sehr diskreditiert. Der Dialog etwa mit den Autoren aus dem Umfeld der Gruppe 47 oder des „Kursbuchs“, dem 1965 gegründeten intellektuellen Leitorgan der neuen Linken, blieb aus.
Intellektueller Glanz?
Mit Bildung der großen Koalition 1966 hatten sich viele linksliberale Unterstützer von der SPD abgewandt – „Intellektuelle lieben keine Kompromisse“, gab Hochhuth zu Protokoll –, um drei Jahre später umso euphorischer mit Brandt einen Neubeginn zu wagen. „Ein generelles Unbehagen an den Verkrustungen des bundesdeutschen Politiksystems“ hatte den Machtwechsel herbeigeführt, der auch einen Wechsel des Politikstils und damit eine Neujustierung von Geist und Macht zur Folge hatte.
Mit fünf Kanzlern in 52 Jahren steht die CDU in der Bilanz besser da als die SPD, deren vier Kanzler es lediglich auf gut 23 Jahre bringen (gerechnet bis zum Ende der Kanzlerschaft Scholz); die Christdemokraten repräsentieren gewissermaßen bundesrepublikanische Kontinuität. Mit den Kanzlern der Sozialdemokratie verbindet sich aber seit den Tagen von Willy Brandt deutlich mehr intellektueller Glanz – legendär der unermüdliche, freilich immer ein wenig egomanische Einsatz von Günter Grass für Brandt oder die leise, aber stabile Freundschaft von Siegfried Lenz und Helmut Schmidt.
Bei Gerhard Schröder überwog mitunter, so Alt, der Schaufenstereffekt, während Angela Merkel 16 Jahre lang kleine Gesprächsrunden, zu denen überwiegend Wissenschaftler geladen waren, bevorzugte. Der letzte SPD-Kanzler soll sehr viel gelesen haben, konnte oder wollte seine Lektüre aber nur selten kommunizieren. Dass Merkel und Scholz im Grunde ein ähnliches Nichtverhältnis zu den Intellektuellen unterhielten wie seinerzeit Konrad Adenauer, dürfte am Ende auch darauf zurückzuführen sein, dass sich die Bedingungen der politischen Kommunikation in den letzten zwanzig Jahren grundlegend verändert haben.
Ein halbes Dutzend Intellektuelle kommt über fast die gesamte Strecke des Buches zu Wort – am brillantesten von allen, gespickt mit bitterer Ironie, Hans Magnus Enzensberger. Dass Geist und Macht tatsächlich zueinander- finden und sich gegenseitig durchdringen, ist die Ausnahme. Die meiste Zeit über stehen die politischen Entscheidungen in keinem direkten Bezug zu dem, was jeweils die Intellektuellen beschäftigt, man bewegt sich in unterschiedlichen Welten. Indem der Autor zwischen beiden Welten ständig hin und her wechselt, entgeht er der Versuchung, Politik und Geist gegeneinander auszuspielen. Selten sind die Kanzler parteiübergreifend mit solchem Respekt behandelt worden wie in dem Buch von Peter-André Alt, an dem niemand vorbeigehen sollte, der sich künftig mit der Geschichte der Bundesrepublik befasst.
Peter-André Alt: „Die Kanzler und die Intellektuellen“. Geschichte einer unbequemen Beziehung. C.H. Beck Verlag, München 2026. 811 S., Abb., geb., 48,– €.
