
Nicht nur graue Kriegsruinen prägen die Szenerie in der Konfliktzone Südlibanons. Auch verkohlte Wälder oder verwüstete Haine von Olivenbäumen und Zitruspflanzen zeugen von den massiven Zerstörungen durch die israelischen Streitkräfte, die systematisch Dörfer dem Erdboden gleichmachen und Teile des Grenzgebiets in ein menschenfeindliches Ödland verwandeln. Der libanesische Landwirtschaftsminister Hani Nizar ist fassungslos über den Schaden, den der Krieg zwischen Israel und der Schiitenmiliz Hizbullah anrichtet: „Das muss man sich einmal vorstellen – fast ein Viertel der landwirtschaftlichen Fläche des Landes ist beeinträchtigt“, sagt er. „In der Ukraine, zum Beispiel, sind es nur acht Prozent.“ Viele der Bauern im Süden, fährt er fort, hätten durch die bewaffnete Konfrontation der vergangenen Jahre schon die vierte Ernte verloren.
Der Minister hat Zahlen zur Hand, die deutlich machen, wie schwer die libanesische Landwirtschaft gebeutelt ist. Laut einem noch nicht veröffentlichten Bericht aus dem Mai sind 22,5 Prozent der Nutzflächen in Libanon von „erheblichen Produktionsausfällen betroffen“. Es seien 25.000 Bauern betroffen, heißt es darin weiter. Der Schaden in Südlibanon belaufe sich auf gut 530 Millionen Dollar.
Die Ursachen sind vielfältig. Manche der Landwirtschaftsflächen sind wegen der Kampfhandlungen, die trotz eines nominellen Waffenstillstands andauern, nicht zugänglich. Oder wegen der Präsenz israelischer Besatzungstruppen in einem Landstreifen entlang der Grenze. Andere wurden im Zuge der Gefechte oder durch eingerückte israelische Soldaten zerstört, die zum Beispiel Olivenbäume in eroberten Gegenden herausreißen.
Bodenproben belegen den Einsatz des Pflanzengiftes Glyphosat
Wie Landwirtschaftsminister Hani Nizar berichtet, versprühen die israelischen Streitkräfte außerdem das Pflanzengift Glyphosat. Damit lässt sich dichte Vegetation zerstören. Milizen wie der Hizbullah kann so die Deckung für ihre Kämpfer oder Tunneleingänge genommen werden. „Wir haben Wasser- und Bodenproben, die den Einsatz von Glyphosat beweisen“, sagt der Minister. Die Folgen für die Bauern in Südlibanon seien katastrophal. „Es ist absolut zerstörerisch.“ Die Konzentration, in der Israel das Gift einsetze, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft wird, sei 30- bis 50-mal so hoch wie die übliche Dosis, erklärt der Landwirtschaftsminister. Es könne Jahre dauern, bis sich die Böden von der Kontaminierung erholen. Das sagen auch Wissenschaftler.
Ebenso ist der Einsatz von weißem Phosphor durch die israelischen Streitkräfte dokumentiert – von internationalen Medien wie der „New York Times“, ebenso von Nichtregierungsorganisationen. Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) veröffentlichte am Mittwoch einen Bericht, für den Fotos und Videos ausgewertet, Opfer, Mediziner und Wissenschaftler befragt wurden. Israel hat laut HRW in den Jahren 2023 bis 2026 in der Luft detonierende Weißphosphor-Munition in Südlibanon eingesetzt. Das verstoße gegen das humanitäre Völkerrecht, kritisiert die Menschenrechtsorganisation. Auch aus UN-Quellen heißt es, es gebe Hinweise auf den Einsatz weißen Phosphors in bewohnten Gegenden.
Weißer Phosphor entzündet sich bei Kontakt mit Sauerstoff und erzeugt Temperaturen von mehr als 800 Grad Celsius. Bei menschlichen Opfern können die Verbrennungen bis zum Knochen reichen und laut Einschätzung von Fachleuten zum Teil nicht geheilt werden. Daher wird der Einsatz als „grausam“ kritisiert. Er fordere „inakzeptable humanitäre Kosten“. Human Rights Watch verlangt, dass Schlupflöcher in der internationalen Gesetzgebung geschlossen werden. Am besten, so heißt es in einer Stellungnahme, wäre ein vollständiger Bann.
„Vernichtung über Generationen gepflegter Olivenbäume“
Die israelischen Streitkräfte teilten auf Anfrage zum Einsatz von Glyphosat und weißem Phosphor mit, sie nutzten nur rechtmäßige Waffen und Munition. Die „hauptsächlich“ verwendeten Rauchgranaten enthielten keinen weißen Phosphor. Wie viele westliche Streitkräfte verfüge auch die israelische Armee über Rauchgranaten, die weißen Phosphor enthielten und nach internationalem Recht zulässig seien. Diese Granaten würden „zur Erzeugung von Rauchvorhängen eingesetzt, nicht zur Bekämpfung von Zielen oder um Brände hervorzurufen“.
Die Vorschriften sähen vor, „dass solche Granaten – vorbehaltlich bestimmter Ausnahmen – nicht in dicht besiedelten Gebieten eingesetzt werden dürfen“. Dies entspreche den Anforderungen des Völkerrechts und gehe sogar darüber hinaus. „Die israelischen Streitkräfte sind sich der potentiellen Umweltauswirkungen ihrer Operationen in der Region bewusst“, heißt es weiter. Sie handelten „zum Schutz der Bürger Israels und zur Gewährleistung der Sicherheit in den umliegenden Gebieten, wobei sie Vorkehrungen träfen, „um Schäden für Zivilisten und die Umwelt so gering wie möglich zu halten“.
Die Schäden sind indes enorm. „Diese verheerende Hitze verkohlt jegliche Vegetation, auf die sie trifft, und zerstört sowohl Nutzpflanzen als auch Bäume“, heißt es in einem Beitrag auf der Website der Amerikanischen Universität Beirut. Mohamad G. Abiad, ein Professor an der Fakultät für Agrar- und Lebensmittelwissenschaften, wird dort mit den Worten zitiert: „Wir erleben die Vernichtung von Olivenbäumen, die seit Generationen gepflegt wurden.“
Umweltschützer: Auch Gewässer werden vergiftet
Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisiert, der Einsatz weißen Phosphors hinterlasse „versengten Boden, vergiftet mit chemischen Partikeln, die auch nach dem Bombardement noch aktiv bleiben, die Vegetationsdecke zerstören, eine direkte Kontamination von Nutzpflanzen und Wasserquellen verursachen, die Bodenerosion beschleunigen und den Rückgang der Artenvielfalt vorantreiben“. Es werde außerdem giftiger Rauch freigesetzt. Dieser und die Brände wirkten „wie Arme, die das Ökosystem am Hals packen und es langsam ersticken“.
Laut dem AUB-Bericht sind auch Gewässer in Südlibanon, die sowohl für die Landwirtschaft als auch für die örtlichen Gemeinden von entscheidender Bedeutung sind, gefährdet. Phosphorabfluss aus den betroffenen Gebieten könne zu Algenblüten in Flüssen und Bächen führen, wodurch Meereslebewesen ersticken und das lokale Ökosystem gestört werde. „In einer Region, in der Süßwasser ohnehin schon eine kostbare Ressource ist, könnte eine solche Kontamination die Lebensgrundlage unzähliger Familien weiter belasten“, heißt es in dem AUB-Bericht.
Auch in den Landschaften Südlibanons könnten Narben bleiben. Der Universitätsprofessor Abiad sieht langfristige Folgen. Rückstände von weißem Phosphor lagern sich nach seinen Worten im Boden ab. „Wenn sie sich ansammeln, beeinträchtigen sie die Lebensgrundlagen des Bodens und schwächen dessen Fähigkeit, Nutzpflanzen zu ernähren“, erklärt er. Eine solche Kontaminierung wirke sich auf die unmittelbare Ernte aus, könnte aber auch die landwirtschaftliche Produktivität auf Jahre hinaus gefährden.
Langzeitfolgen umstritten
Andere Experten raten indes davon ab, die Langzeitfolgen zu überschätzen. Die libanesische Zeitung „L’Orient Le Jour“ zitierte einen von ihnen mit dem Hinweis, der Boden in Libanon sei reich an Kalkstein und speichere überschüssiges Phosphor nicht ohne Weiteres. Ein anderer erklärte, die wirtschaftlichen Auswirkungen des Schadens für die Landwirtschaft seien womöglich gravierender.
Tatsächlich treffen sie eine Wirtschaft, die schon am Boden lag, bevor die Hizbullah im Oktober 2023 die bewaffnete Konfrontation mit Israel vom Zaun brach. Und Erholung ist nicht in Sicht. Weder die massiv geschwächte Hizbullah noch Israel rücken von ihren harten Linien ab. Libanesische Beobachter und westliche Diplomaten in Beirut sehen im israelischen Vorgehen in Südlibanon auch den Versuch, ein auf Dauer unbewohnbares Niemandsland entlang der Grenze zu schaffen, um die Schiitenmiliz fernzuhalten, die in der dortigen Bevölkerung verankert ist. „Wir hoffen auf ein Ende des Krieges“, sagt Landwirtschaftsminister Hani Nizar. Aber zuversichtlich klingt er nicht.
