
In Deutschland werden Eingriffe wie Leistenbruchoperationen öfter stationär durchgeführt, also mit einem Klinikaufenthalt, als im Ausland. Das deutet darauf hin, dass sich hier Kosten senken lassen. Denn ambulante Behandlungen ohne Übernachtung im Krankenhaus gelten als günstiger. Doch ein politischer Versuch, dieses Einsparpotential auch hierzulande zu nutzen, hat sich ins Gegenteil verkehrt. Eine im Jahr 2024 in Kraft gesetzte Neuregelung der Fallpauschalen, mit denen die Behandlungen vergütet werden, hat die Kosten unterm Strich erhöht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIDO). Sie liegt der F.A.Z. vorab vor.
Die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Carola Reimann, fordert deswegen eine Korrektur der neuen Vergütungsvorschriften. Diese seien „zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht“. Es sei „höchste Zeit, dass der Gesetzgeber die Regelungen zu den Hybrid-DRGs nachbessert“. Der Begriff „Hybrid-DRG“, eine Sonderform von Fallpauschalen, bezeichnet den Kern der Regelung, die eigentlich Kosten senken sollte. Vertragsärzte und Krankenhäuser erhalten damit gleich hohe Vergütungen für Operationen. Für niedergelassene Ärzte ist das wesentlich mehr als zuvor, für Krankenhäuser hingegen etwas weniger.
Forscher kritisiert starke Vergütungsanreize
Die neue WIDO-Studie zeigt nun, dass dies nicht nur zu einer Verlagerung von Operationen ins günstigere ambulante System geführt hat, sondern vor allem auch zu einem unerwünschten Mengeneffekt. „Die starken Vergütungsanreize lösen vor allem im vertragsärztlichen Bereich einen enormen Anstieg der Fallzahlen aus“, sagt David Scheller-Kreinsen, einer der Forscher, die an der Studie beteiligt waren.
Insgesamt wurden im Jahr 2025 17 Prozent mehr Behandlungsfälle abgerechnet als im Vorjahr. Im Ergebnis haben sich die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für solche Operationen im Jahr 2025 um 360 Millionen Euro oder 14 Prozent erhöht, wie das Institut berechnet hat. Für das Jahr 2026 erwartet es sogar Mehrausgaben von etwa 640 Millionen Euro, wenn sich das gesamte Jahr analog zum ersten Quartal entwickelt.
AOK fordert niedrigere Fallpauschalen
Ein Sprecher der AOK sagt, dass gerade die Vertragsärzte über die neuen Fallpauschalen Mengen erzielen, die so nicht plausibel seien. Bei dieser Mengenausweitung sei die Frage, ob auch operiert wird, obwohl es medizinisch nicht notwendig wäre. Zwar wurde in der Analyse nicht untersucht, ob medizinisch unnötige Eingriffe erfolgt sind. Grundsätzlich habe die chirurgische Aktivität in Deutschland allerdings auch schon über dem EU-Durchschnitt gelegen, bevor die neuen Fallpauschalen eingeführt worden seien. Von einer strukturellen Unterversorgung sei daher eher nicht auszugehen.
Die AOK-Bundesvorsitzende Carola Reimann fordert niedrigere Fallpauschalen. „Behandlungen, die unter günstigeren Rahmenbedingungen ambulant erbracht werden, sollten für die Beitragszahlenden auch weniger kosten“, sagt Reimann. Ein Sprecher der AOK fordert, dass diese Fallpauschalen um 30 Prozent sinken, dass für die gesetzlichen Krankenkassen dadurch keine Mehrkosten entstehen.
Laut WIDO-Analyse haben die Behandlungen der Vertragsärzte eine hohe Qualität. Nur ein kleiner Teil der Patienten wurde im Monat nach der Arztbehandlung in ein Krankenhaus aufgenommen – und nur ein Teil davon wegen der vertragsärztlichen Behandlung.
