
Das wichtigste Digitalprojekt der Bundesregierung geht in die nächste Phase: Von Januar an sollen die Bürger in Deutschland die staatliche digitale Brieftasche mit dem Namen „d-you“ nutzen können, um Personalausweis und Führerschein darin zu speichern. So soll es künftig einfacher werden, sich online und im Alltag auszuweisen. Das teilte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) am Mittwoch auf einer Pressekonferenz mit.
„Mit d-you entwickeln wir eine digitale Anwendung, die echten Mehrwert bietet“, sagte Wildberger. Das Portemonnaie kann dann zu Hause bleiben. Bei der Nutzung für staatliche Dienstleistungen – die Anmeldung einer neuen Adresse, eines neuen Autos oder Anträge auf Eltern- oder Arbeitslosengeld – soll es nicht bleiben. „Um d-you herum entsteht ein Ökosystem, das neue Anwendungen, innovativere Geschäftsmodelle und effizientere Verwaltungsleistungen ermöglicht“, sagte der Minister.
Das soll nach Angaben des Ministeriums den eigentlichen Mehrwert schaffen. Das Haus Wildberger versucht schon seit Monaten, staatliche Stellen und private Unternehmen zu einer Teilnahme zu bewegen.
Gelingt das wichtigste digitale Projekt?
Die Einführung einer digitalen Brieftasche ist Wildbergers wichtigstes Projekt in der Legislaturperiode. Es gilt als Lackmustest für die Modernisierung des Staates. Vor fünf Jahren scheiterte Deutschland schon einmal an der Einführung eines digitalen Führerscheins. Der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) musste das Projekt 2021 kurz vor der Bundestagswahl aus Sicherheitsgründen wieder zurückziehen. Auch diesmal spielt die Sicherheit im Umgang mit den Daten eine zentrale Rolle, zumal nach dem großen Datenleck vor einigen Wochen, das die Berliner Senatsverwaltung zu verantworten hat.
Wildberger schwärmt, dass die Brieftasche nutzerfreundlich und sicher sei, dass sie Transparenz schaffe, Kontrolle über die eigenen Daten erlaube und überall in Europa funktioniere. Doch es gibt Kritik an der Sicherheitsarchitektur der „Wallet“. Die Zeitung „Tagesspiegel“ berichtet, dass Sicherheitsbedenken zum Beispiel des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) nicht hinreichend berücksichtigt worden seien.
Der Erfolg einer digitalen Brieftasche wird von der Akzeptanz der Bevölkerung abhängen. Die ist derzeit nicht sonderlich ausgeprägt. Die Kombination aus privaten und staatlichen Stellen als Partner für die Einführung der neuen Brieftasche ist eine Lehre aus der mangelnden Begeisterung für die Online-Funktion des Personalausweises. Diese gibt es schon seit mehr als 15 Jahren und gilt als eine der sichersten Anwendungen der Welt.
Allerdings nutzt nur ein Bruchteil der Bürger ihren Personalausweis in Kombination mit der Ausweisapp auf dem Smartphone für digitale Dienste wie die Ummeldung nach Umzug, eine Punkteabfrage in Flensburg oder zur Rentenabfrage. Auch für die Eröffnung eines Kontos oder zur Identifikation bei Krankenkassen kann der Personalausweis mit Ausweisapp schon genutzt werden. Nach Angaben der Initiative D21 im eGovernment Monitor hat bislang nur ein Viertel der Bürger in Deutschland die Online-Ausweisfunktion genutzt. Viele kennen diese Funktion nicht.
Deshalb sollen nun rund 40 staatliche Stellen und Unternehmen für die notwendigen Anreize sorgen, die digitale Brieftasche auch zu nutzen, darunter Deutsche Post, Eon, Rossmann, Vodafone, die Arbeitsagentur und Rentenversicherung sowie mehrere Universitäten. Direkt am 2. Januar 2027 stünden verschiedene Anwendungen bereit, heißt es, die es ermöglichen, das Alter nachzuweisen, rechtssicher Verträge abzuschließen oder ein Bankkonto zu eröffnen.
Mit der Anwendung setzt Deutschland die europäischen Vorgaben um, gemäß derer eigentlich alle Mitgliedstaaten der EU bis Ende des Jahres eine solche „Wallet“ anbieten sollen. Wildberger hatte als Startschuss schon vor rund einem Jahr den 2. Januar 2027 genannt und wird den von der EU gesetzten Termin damit knapp verfehlen, wenn sich keine Verzögerungen ergeben.
Eine größere Geheimniskrämerei gab es bei der Wahl des Namens, der erklärungsbedürftig ist: Der Name „d-you“ bringe die zentrale Idee der „Wallet“ auf den Punkt, betont das Ministerium. Das „d“ stehe sowohl für digital als auch für Deutschland. Das „you“ stelle den Nutzer in den Mittelpunkt. Es verweise zugleich auf den europäischen Rahmen, in dem die App entstehe, heißt es.
