
Eine Fahrt durch die Hochhausschluchten. Die Abendsonne wirft ihre Farben an die Fassaden. Dann wird es dunkel, die Skyline funkelt. Die Schiffe schaukeln auf den müden Mainwellen. Plötzlich kracht und klirrt es. Ein offenbar betrunkener Fahrer steuert sein Auto in Glasmöbel, die bei einem Umzug auf der Straße stehen. Die Romantik ist dahin. Zugegeben, ein plakatives Beispiel für das Großstadtleben. Aber auch eines, das zeigt, wie widersprüchlich Frankfurt ist.
Eine Stadt, in der nur vier Prozent der Deutschen leben wollen, wie das Ergebnis der jüngsten Allensbach-Studie zeigt. Gäste fürchten sich vor dem Bahnhofsviertel, das für viele so aussieht, als hätte die Bundesrepublik dort ihre ungelöste Sozialpolitik abgestellt. Britische Boulevardmedien betitelten es als „Zombieland“. Die Stadt hat ein Imageproblem.
Als Zugezogener schaut man anders auf die Stadt: unverfälscht, inmitten von Kontrasten. Etwa, wenn man beschwingt aus einem Konzert geht und dann von einem Stau mit Hupkonzert auf der Straße empfangen wird. Wenn man die Mishpocha-Ausstellung im Jüdischen Museum verlässt und draußen in eine Pro-Palästina-Demo gerät. Wenn teure Sportwagen über die Straßen brettern und man in der U-Bahn glaubt, Jack Nicholson und die anderen aus „Einer flog über das Kuckucksnest“ hätten es doch aus der Anstalt geschafft.
Liebe auf den zweiten Blick
Die Hochhäuser wirken plötzlich zu groß, kalt, mächtig. Die Sonne brennt auf den grauen Asphalt. Wirtschaft, Internationalität, Schmelztiegel der Kulturen hier, Drogensucht, Armut, Bildungsungerechtigkeit dort. Alles liegt dicht beieinander. Manchmal fühlt man sich darin verloren.
Aber selbst das hat seinen Reiz. Das Gefühl, nicht anzukommen in einer Stadt, aus der man so gut wie aus sonst keiner rauskommt. Es nimmt einem die Illusion von Unendlichkeit, die Dynamik ist überall, gleichzeitig. Museen, Opern, Gastronomie, Nachtleben, Bahnhof, Flughafen, Sprachen: der Puls der Stadt schlägt schnell. Man schaut hin statt nur weg.
Erst nervt der Wind zwischen den Häusern. Dann kennt man eine Abkürzung zum Römer. Hat einen Lieblingskiosk. Trinkt Apfelwein in Sachsenhausen. Es ist eine Stadt, in die man sich nicht sofort verliebt, sondern eine, die man allmählich mag, ganz realistisch.
Anders München, das Traumziel vieler Menschen. Eine Stadt, deren schönes Alpenpanorama einer Postkarte gleicht, lebt von der Illusion der Perfektion. Die Gentrifizierung hat längst Risse in die Idylle geschlagen. Dort zu leben ist manchmal, wie um eine unerwiderte Liebe kämpfen. Dominik Graf hat die unwirkliche Seite in seinem Film „München – Geheimnisse einer Stadt“ schon 2000 kritisch beleuchtet.
Frankfurt dagegen ist unperfekt, will nicht glattbügeln, sondern offenlegen, was sonst verborgen bleibt. Das ist in seiner Rauheit manchmal schwer zu ertragen. Doch dann blinzelt die Sonne zwischen den Hochhäusern hervor und taucht Frankfurt in Magie. Was als Nächstes passiert, ist egal. Vielleicht muss man die Widersprüche dieser Stadt einfach annehmen, um sie zu lieben.
