Wohin nur mit all dem Geld? Für 112 Millionen Euro hat das Land Hessen das Uniklinikum Gießen und Marburg mehrheitlich verkauft, Geld, das es für seinen Haushalt gut gebrauchen könnte. Doch die Landesregierung widersteht dieser Verlockung. Mit dem Großteil des Verkaufserlöses gründet das Land vielmehr eine Stiftung und benennt sie nach Emil von Behring, dem Marburger Entwickler der Blutserumtherapie, und dem lange Zeit in Gießen tätigen Physiker Wilhelm Conrad Röntgen. Das ist auf den Tag genau 20 Jahre her. Die 112 Millionen Euro nicht in den Etatvollzug gegeben zu haben, lobt Lars Witteck als „politisch ausgesprochen weitsichtig“. Haben doch schon Dutzende aufstrebende Medizinerinnen und Ärzte von Zuschüssen aus der Stiftung profitiert. Und das Kapital der Stiftung wächst – auch durch Aktien.
Witteck, hauptberuflich im Vorstand der Volksbank Mittelhessen, kennt den Werdegang der Von Behring-Röntgen-Stiftung mit Sitz in Marburg gut. Er ist seit fünf Jahren ihr Präsident. Die Stiftung ist die größte Einrichtung des Landes ihrer Art, sagt Witteck, und außerdem eine der größten Medizin-Stiftungen in Deutschland. Ihre Aufgabe ist klar formuliert: Mit ihren Erträgen soll die Forschung und Lehre an den medizinischen Fachbereichen der Universitäten in Gießen und Marburg gefördert werden. Nur dort und nirgendwo sonst. Das Geld soll zudem stetig fließen. Bisher hält die Stiftung sich an diese Vorgabe. In 19 Förderrunden hat sie 28,3 Millionen Euro für mehr als 160 medizinische und biomedizinische Vorhaben ausgeschüttet. Nur im Corona-Jahr 2021 bewilligte sie kein frisches Geld.
Behring-Röntgen-Stiftung fördert schon herausragende Abiturienten
Dabei setzt die Stiftung früh an. Schon Abiturienten können sich bei ihr bewerben. 184 junge Frauen und Männer sind bisher in den Genuss von Zuschüssen gekommen, darunter 88 Abitur-Beste mit jeweils 750 Euro je Semester für zwei Jahre. Zudem zählen die Geschäftsführerinnen Ina Velte und Heidi Natelberg 96 sogenannte Deutschland-Stipendiaten auf. In solchen Fällen stockt der Bund den Zuschuss der Stiftung um die gleiche Summe auf. 2000 Euro genügen für ein solches Stipendium, wie Witteck sagt. Darüber hinaus begleitet die Stiftung aufstrebende Wissenschaftler im Verlauf ihrer Karriere und unterstützt auch eigene Forschungsvorhaben. Bis zu 250.000 Euro je Einzelprojekt stehen in Aussicht. Nicht zuletzt würdigt sie auch besondere Leistungen auf dem jeweiligen Fachgebiet. 41 Männer und Frauen hat sie mit einem Nachwuchspreis geehrt und neun mit einer Forschungsmedaille. Wer bedacht werde, bestimme der wissenschaftliche Beirat von Wissenschaftlern, die alle außerhalb von Hessen arbeiteten.

Geld der Stiftung hat zum Beispiel Maik Luu bekommen. Die Marburger halfen dem Sohn von vietnamesischen Flüchtlingen („Boat people“) schon als Student, unterstützten ihn bei einem Forschungsprojekt und zeichneten ihn 2020 mit ihrem Nachwuchspreis aus. Drei Jahre später berief die Universität Würzburg den Krebsforscher und Fachmann für Translationale Medizin im Alter von nur 29 Jahren auf eine Professur. Schon 2008 hatte Virenforscher Thomas Strecker einen Nachwuchspreis für seine Grundlagenarbeit eingeheimst. Wie wichtig dieses Schaffen war, zeigte sich 2014 nach dem Ausbruch der Ebola-Seuche in Westafrika, die Strecker mit einem mobilen Labor einzudämmen half. Niklas Gremke wiederum bekam Geld für seine Arbeiten zur Frage, weshalb manche Brusttumore nicht auf die üblichen Therapien ansprechen. 47 Prozent der Geförderten sind Frauen.
Trotz der stetigen Ausschüttungen nimmt die Stiftung keinen finanziellen Schaden. Vielmehr ist ihr Vermögen mit den Jahren gewachsen. Das schafft die Einrichtung durch die Art und Weise der Kapitalanlage. Nachdem auch sie wie auch Pensionskassen in der Niedrigzinsphase gelitten hatte, stellten die Verantwortlichen 2021 ihre Finanzverfassung auf den Kopf, wie Witteck sagt. Die Folge war ein sogenannter Masterfonds, der von den Vermögensverwaltungen Oddo BHF und Flossbach von Storch betreut wird. Die Finanzfachleute haben zum Start 75 Millionen Euro zu etwa 60 Prozent in Anleihen investiert, dazu 30 Prozent in Aktien und einen kleinen Teil in Infrastruktur. Dabei müssen sie laut Witteck klare Vorgaben zur Nachhaltigkeit beachten und etwa weitgehend Wertpapiere von Minenkonzernen meiden, da der Abbau von Edelmetallen der Umwelt schade. Den Rest hält die Stiftung in bar. Mittlerweile sind auf diese Weise aus den 75 Millionen Euro gut 87 Millionen Euro geworden.
Stiftung will jährlich mindestens 2,5 Millionen Euro ausschütten
Außerdem hat die Stiftung noch Millionensummen in geschlossene Immobilienfonds gesteckt, wie Witteck weiter erläutert. Mit einem dieser Fonds sind die Marburger aber wegen fehlender Rendite nicht glücklich, sie haben ihn gekündigt. Ihr Geld bekommen sie über drei Jahre zurück und wollen es etwa in mehr Erträge versprechende Batteriespeicher und Rechenzentren stecken. Die Stiftung wolle jährlich mehr als 2,5 Millionen Euro nach Kosten ausschütten. Dafür brauche sie eine Rendite von netto drei Prozent. Das schafft der Masterfonds nach den Worten des Präsidenten gut. Mit Blick auf die Ausschüttungen sei Stabilität wichtig.
Dabei spürt die Stiftung seit etwa fünf Jahren eine steigende Nachfrage von Nachwuchsforschern. Das betreffe schon Anträge auf Reisekostenzuschüsse. Hierbei mache sich die Finanznot der Universitäten bemerkbar, die unter dem laufenden Hochschulpakt jeweils viele Millionen Euro einsparen müssten. Vor diesem Hintergrund nimmt die Einrichtung auch Zustiftungen gern an: „Jeder Euro hilft“, hebt der Präsident hervor.
