„Lust auf eine Runde? Ganz locker. Also wirklich locker.“ Wirklich locker ist eine der gefährlichsten Floskeln im Freizeitsport. Denn sobald zwei Menschen gemeinsam laufen oder Rad fahren, stellt sich eine Frage, die vorher niemand ausspricht: Wie schnell ist eigentlich locker? Wirklich locker? Der eine weiß es ungefähr, der andere auch. Nur stimmen die beiden Antworten selten überein.
Beim Radfahren zeigt sich das besonders am Berg. Der Stärkere fährt vorne, tritt gleichmäßig und erzählt von einem fabelhaften Restaurant, in dem er neulich war. Cølbo in Klingenberg, ganz große Klasse! Noch vernünftige Preise! Oder vom Handwerker, der seit drei Wochen nicht auftaucht. Oder von seinem letzten Urlaub. Korsika! Tolle Insel zum Trainieren! Super Berge! Er spricht in ganzen Sätzen.
Dahinter fährt der andere, zum Beispiel ich, und versucht, aus dem wenigen Sauerstoff, der ihm noch zur Verfügung steht, eine beiläufige und möglichst ausführliche Antwort zu bauen: „Ja.“ Irgendwann schaut der Vordermann zurück. „Bin ich zu schnell?“ Ein zweites Ja hätte jetzt gereicht. Stattdessen sagt der Hintermann, zum Beispiel ich: „Nein, alles gut.“ Die Beine brennen. Der Puls ist außer Kontrolle. Aber alles gut. Nur nicht abreißen lassen!
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Problem ist weniger sportlich als sozial. Der Stärkere meint es nicht einmal böse. Manchmal glaubt er tatsächlich, langsam zu fahren. Er nimmt zehn Watt raus und denkt: Jetzt schleiche ich aber wirklich. Hinten ändert sich wenig. Noch deutlicher wird es beim Laufen. Zwei Menschen laufen so gut wie nie im genau gleichen Tempo.
Einer läuft zu schnell, der andere zu langsam. Beide leiden. Der eine denkt: Wann hört das endlich auf? Der andere: Wann laufen wir denn los? Nach acht Kilometern sagt der Stärkere: „Wirklich schön locker heute.“ Der andere, zum Beispiel ich, längst sprachlos, nickt. Es ist eine eiserne Regel im Ausdauersport: Leiden darf man, aber Schwäche zeigen? Auf gar keinen Fall.
Die Freundlichen sind besonders gefährlich
Die Profis machen das aus taktischen Gründen. Zwei Rennfahrer klettern bei der Tour de France nebeneinander den Tourmalet hinauf. Mund geschlossen. Schultern ruhig. Neutraler Blick. Keiner soll sehen, dass man gerade am Limit ist oder darüber hinaus. Man blufft – und hofft, dass der andere es nicht merkt.
Bei den Hobbyfahrern sind die Freundlichen besonders gefährlich. Und besonders heimtückisch ist der Satz: „Sag einfach Bescheid, wenn’s zu schnell wird.“ Das klingt erst einmal rücksichtsvoll, ist aber eine Falle. Denn Bescheid sagen, das heißt in diesem Fall: Kapitulation. Also tut man so, als hätte man nichts gehört, und keucht weiter, wobei man das Keuchen möglichst schallgedämpft rüberzubringen versucht, was nicht immer funktioniert. Dann fragt der Vordermann: „Geht’s?“ Und man antwortet: „Klar.“
Dabei wäre „Ruf einen Notarzt!“ die deutlich sinnvollere Antwort. Am Ende kommt man irgendwie gemeinsam an. Der eine muss nicht mal duschen, der andere brauchte dringend ein Sauerstoffzelt. Man verabschiedet sich: „Hat Spaß gemacht. Super. Bis zum nächsten Mal.“ Der eine flitzt dann nach Hause. Der andere nimmt um die nächste Ecke schon mal die Straßenbahn.
