Es gibt verschiedene Ansatzpunkte, den Beginn der Kriege zu terminieren, die zum Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien führten. Um zu verstehen, dass sich am Sonntagabend beim Belgrader Derby zwischen Roter Stern und Partizan im Marakana-Stadion ein Kreis schloss, als die Fans von Roter Stern ein riesiges Banner des Kriegsverbrechers Ratko Mladić über ihren Block zogen, die Fans von Partizan in die diesen Kriegsverbrecher ehrenden Rufe der Fans von Roter Stern einstimmten, als die Spieler beider Mannschaften still standen am Mittelkreis zu Ehren des Kriegsverbrechers Ratko Mladić, kann man einen Faden aufnehmen, der zurückführt an einen dieser Ansatzpunkte. Er führt bis zum 13. Mai 1990.
Wer diesem Faden folgt, bis ins Maksimir-Stadion von Zagreb, kommt vorbei an albanischen Dörfern im Kosovo, am belagerten Sarajevo, sieht Mladićs Henker in Srebrenica und die Massaker in Vukovar. Der Weg entlang des Horrors menschlicher Mordlust endet in einem Fußballstadion, in dem an jenem 13. Mai vor sechsunddreißigeinhalb Jahren das Spiel zwischen Dinamo Zagreb und Roter Stern Belgrad abgebrochen werden muss, weil ein paar Tausend Schläger der Gruppe „Delije“ aus Belgrad sich mit ein paar Tausend Schlägern der „Bad Boys“ aus Zagreb prügelten.
Ein Warlord, der dem Fußball verbunden war
Es gibt ein berühmtes Foto von jenem Tag. Es zeigt Dinamos Spieler Zvonimir Boban mit der Rückennummer 10, der mit einer Art Karatetritt einen jugoslawischen Polizisten tritt, dessen Schlagstock auf Bobans Hüfte landet. Der Polizist hieß Refik Ahmetović, ein Muslim aus Tuzla in Bosnien. Jugoslawien wurde alsbald auseinandergerissen wie das Innere des Maksimir-Stadions, in dem Fußballfans mit jedem Werkzeug aufeinander einprügelten, das sie in die Finger bekamen.

Bald wurden aus den Schlägern der „Delije“, aus Fans in den Kurven von Roter Stern und Partizan Soldaten. Hier rekrutierte Željko Ražnatović auf seinem Karriereweg vom Schwerverbrecher zum Kriegsverbrecher seine Milizionäre, machte sie zu „Arkans Tigern“, machte sie zu Mördern. Dem Fußball blieb der Warlord immer verbunden.
Bevor Ražnatović vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien angeklagt wurde, wurde „Arkan“ ein Fußballverein angedient. Der FK Obilić ist der einzige Verein, dem es seit 1992 neben Roter Stern und Partizan gegeben war, serbischer Meister zu werden. Ražnatović hatte das Seine dafür getan. Als der FC Bayern München im Spätsommer des Jahres 1998 in der Champions-League-Qualifikation gegen Obilić spielte, war schon Ražnatovićs Frau, die Sängerin Ceca, die Vereinspräsidentin, weil sich das besser machte bei den Funktionären des Europäischen Fußballverbands UEFA.
Ceca trat jüngst, im Mai 2026, in Frankfurt auf. Die Fäden in die Vergangenheit sind so kurz. Ihr Mann wurde im Jahr 2000 in Belgrad erschossen, zum Verfahren in Den Haag kam es nie. Ratko Mladić aber wurde verhaftet und verurteilt für seine Kriegsverbrechen und nun, da er in Haft gestorben ist und weil die Fäden in die Vergangenheit so kurz sind, wird ihm gehuldigt in Serbien, selbstverständlich auch beim Fußball.
Von diesem Derby in Belgrad bleibt dieses Bild: Was einst auch in einem Fußballstadion begann, weil Fans zu Schlägern, Schläger zu Soldaten, Soldaten zu Mördern für ihre nationale Sache wurden, kann sich jederzeit wiederholen. Der Horror der Vergangenheit ist nur einen Funken davon entfernt, zum Horror der Zukunft zu werden. Während in Belgrad Ratko Mladićs gedacht wurde, wurden in Sachsen-Anhalt die Stimmen gezählt.
