Katholische Bistumswallfahrt am Wahlsonntag. Der Weg führt zur Huysburg führt durch das hügelige Harzvorland, vorbei an der trügerischen Ruhe endloser Felder, durch dünn besiedeltes Land, durch Dörfer von Kroppenstedt bis Quensted, in denen verlässlich mehr Wahlplakate als Menschengesichter zu sehen sind.
Auf dem Wallfahrtsfest sind mehr als 3000 Menschen aus dem Bistum und darüber hinaus zusammengekommen, es herrscht eine gespannte Stimmung auf dem weiten Wiesenrund vor dem mittelalterlichen Benediktinerkloster. Picknickdecken, Musik, eine Vielzahl an Stimmen. Dazwischen Gläubige und Pilger, auch aus dem Ausland, die das Bild des spätsommerlichen Zusammenkommens prägen. Wüsste man nicht um die Verhältnisse außerhalb der Huysburg, man könnte denken, ein spürbares zivilgesellschaftliches Band würde sich hier knüpfen.
Der höchste konfessionslose Anteil
Doch gehört zu den realen Verhältnissen, dass die gesellschaftliche Verankerung der Kirchen weit geringer ist, als ihr Engagement im Vorfeld der Wahl vermuten ließe. Gerade einmal drei Prozent, also nur knapp über 60.000 Menschen, sind in Sachsen-Anhalt überhaupt Katholiken. Sie stellen eine „Diaspora“-Gemeinde, und das nicht einmal, weil sie im lutherschen Urland des Protestantismus angesiedelt sind, sondern in einem, das mit fast 85 Prozent den höchsten konfessionslosen Anteil aller Bundesländer vorweist.
Dieser Größenordnung zum Trotz hatte sich der Bischof des Bistums, Gerhard Feige, zu einer prominenten Figur des Wahlkampfs entwickelt. Bereits Anfang 2024 verabschiedete die Deutsche Bischofskonferenz eine Erklärung, in der es heißt, rechtsextreme Parteien wie die AfD könnten für Christinnen und Christen keine politische Heimat sein. Für Feige war dieser Beschluss jedoch nicht genug, er entwickelte sich in kurzer Zeit zu einem streitlustigen Kirchenvertreter, der nicht müde wurde, die AfD öffentlich zu kritisieren. Mit der Initiative „Bewusst wählen!“ des Bistums Magdeburg wurde vor der Wahl explizit eine Wahlempfehlung gegen die AfD ausgesprochen.
Feige wurde zum Feindbild
Vonseiten der AfD wiederum wurden nicht nur die Kirchen, sondern auch Feige zu einem Feindbild erklärt. Einerseits immer wieder als „Kirchensteuerkirchen“ diffamiert und nun akut mit dem Entzug von Staatsleistungen bedroht, waren es auch die politischen Statements Feiges, die die Kritik intensivierten. Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher des Landesverbands, bezeichnete Feige als „politischen Bischof“. Statt das Evangelium zu verkünden, würden die Kirchen nur die aktuelle Regierungspolitik verteidigen.

Auf der Bistumswallfahrt am Sonntag, als der Wahlausgang noch nicht entschieden ist, wird die weltoffene Einstellung noch einmal selbstbewusst in Szene gesetzt. Auf einer Picknickdecke sitzt eine Gemeindereferentin im Ruhestand, neben ihr kniet ein junger Mann aus Eritrea, der vor ein paar Jahren neu zu ihrer Kleinstgemeinde in Wanzleben gestoßen ist. Irgendwann habe sie ihn angesprochen, seitdem machten sie ab und an Ausflüge zusammen. Nicht unweit dahinter: ein Stand der ukrainischen Gemeinde aus Magdeburg. Im Angebot sind süßes Gebäck und ukrainisches Kompot. Eine der Verkäuferinnen, eine Hausärztin aus Magdeburg, erzählt, dass die ukrainische Gemeinde Sorge habe, mit einer möglichen AfD-Regierung würde sich eine Stimmung verfestigen, die Schuldige für Frustrationen sucht – die Ukrainehilfen seien da ein gefundenes Fressen.
Rumdrucksen statt Konflikte provozieren
Auf eine Frage wird an diesem Tag erstaunlich vage und hilflos geantwortet: Wie ist der immense Aufstieg der AfD zu erklären? Obwohl es bei der hohen Anzahl an AfD-Sympathisanten unwahrscheinlich sei: Offen ausbrechen würden die politischen Konflikte innerhalb der Gemeinden nur sehr selten, sagt Bischof Feige. Rumdrucksen, verzagt sein, in den Bart nuscheln – eher auf diese Weise bahne sich die tiefere Unzufriedenheit ihren Weg. Bischof Feige könne nicht von einer erkennbaren Spaltung berichten, die sich durch die Gemeinden selbst ziehen würde. Aber natürlich wisse er um die Versuche der Rechtsextremen, den Begriff des Christentums mit völkischem Denken zu verbinden. Christsein allein schütze nicht vor Menschenfeindlichkeit, so Feige.
Viel moralisches Gewicht haben die Kirchen in diesem Wahlkampf in die Waagschale geworfen. Manches im Gewand etwas oberflächlicher Initiativen, vieles jedoch im guten Willen, die Bande zwischen den Teilnehmern der offenen Gesellschaft zu kräftigen.
Am Abend, nachdem die Wallfahrt zu Ende gegangen ist und das Wahlergebnis näherungsweise feststeht, weiß man: Gesamtgesellschaftliche Wirkung hatte es nicht. Die Wallfahrt zum Kloster Huysburg hat sich dieses Jahr zum 75. Mal gejährt, die frühere Gemeindereferentin aus Wanzleben ist seit 50 Jahren dabei. Viele dieser Jahre fielen in die DDR-Zeit, berichtet sie, als die Kirche Staatsfeindin war und die Gesellschaft totalitär, da sei der bewaldete Hügel ein willkommener Ort der Ruhe gewesen, abgeschieden von der Wirklichkeit. Wer weiß, ob ihm diese Qualität nicht bald von Neuem zukommen wird.
