
Am Montagmorgen sitzt Ipek D. auf der Anklagebank im Saal 806 des Berliner Amtsgerichts Tiergarten. Laut seines Verteidigers verfügt der Angeklagte über ein „umfangreiches Wissen“ zu Schießereien in Kreuzberg. Der Vierunddreißigjährige ist in der Hauptstadt geboren und zwischen Sonnenallee und Kottbusser Tor aufgewachsen. Er habe keine Ausbildung und sei als „Kokstaxifahrer“ tätig gewesen. D. trägt ein rosafarbenes Hemd und eine schwarze Anzughose. Schwarze Haare, stämmig, seine linke Hand ist tätowiert. D. wurde als Frau geboren und ist seit seiner Verhaftung Ende Januar dieses Jahres in einer Frauenjustizvollzugsanstalt untergebracht.
Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, einen Mann, Y., erpresst zu haben. An der Tat sei mindestens ein weiterer unbekannter Täter beteiligt gewesen. Der Angeklagte sei erstmals über einen Freund des Geschädigten an diesen herangetreten. Er habe ihm ausrichten lassen, dass er einen Betrag in Höhe von 200.000 Euro fordere. Käme der Geschädigte der Forderung nicht nach, werde er ihn umbringen. Dabei soll D. gesagt haben, dass er zu den „Daltons“ gehöre.
Gewaltbereite Mafiagruppe aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis
Hinter den „Daltons“ steckt eine gewaltbereite Mafiagruppe aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis. Sie soll in den ärmeren Vierteln Istanbuls ihre Wurzeln haben. Es gibt bereits verschiedene Abspaltungen, die sich Namen geben, die aus der Comicwelt stammen: „Caspers“, „Şirinler“ (Schlümpfe) – oder eben „Daltonlar“, die „Daltons“. Besonders junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren schließen sich der Bande an. Fachleute sprechen schon von einer „Gen-Z-Mafia“, die sich vor allem in Nordrhein-Westfalen und Berlin ausbreitet.
Der Anklageschrift zufolge hat D. mit der Nennung der „Daltons“ eine „Drohwirkung“ ausgelöst. Im Januar 2026 habe der Angeklagte den Geschädigten dann über einen Video-Anruf kontaktiert und die Forderung wiederholt. Der Geschädigte habe erwidert, dass D. „keinen Cent“ bekomme. Die Staatsanwaltschaft geht von einem weiteren Anruf aus, in dem D. gedroht haben soll, dass die „Daltons“ international vernetzt seien und den Geschädigten „kriegen“ würden. Entweder Y. bezahle, oder sie würden ihn „töten“.
Wenige Tage später, am 21. Januar 2026, habe der Angeklagte zwischen 0.18 Uhr und ein Uhr mindestens einen Schuss auf einen Friseursalon in Berlin-Neukölln abgefeuert. Dort arbeitet die Ehefrau von Y. Dabei sei die Schaufensterscheibe beschädigt worden. Y. meldete sich daraufhin bei der Polizei. Insgesamt wirft die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten Nötigung, räuberische Erpressung, Verstoß gegen das Waffengesetz und Sachbeschädigung vor.
Der Angeklagte schildert den Fall ganz anders
Der Angeklagte stellt den Fall anders dar. In seiner Einlassung schildert er, dass er Y. seit mehr als zehn Jahren kenne und sie Freunde gewesen seien. Irgendwann soll D. begonnen haben, für den Versicherungskaufmann Y. zu arbeiten. Wobei das laut D. keine legale Arbeit gewesen sein soll. Denn Y. sei seit mehr als einem Jahrzehnt im Betäubungsmittelgeschäft tätig. Als „Kokstaxifahrer“ habe D. 20 Prozent von Y.s Erlösen bekommen. Y. habe ihm außerdem viel Geld versprochen – rund 100.000 Euro.
„Er war nicht mein Chef, sondern wie ein Bruder für mich“, sagt D. Als der ältere Bruder und der Cousin von Y. angeschossen worden seien, hätten sie „zusammen geweint“. Als D. sich verloben wollte, habe er Y. um Geld gebeten. Doch dieser habe ihn abgewimmelt: „Ich kann nicht“, soll er gesagt haben. Daraufhin soll es zu einem Bruch zwischen den beiden gekommen sein.
D. berichtet seinerseits von Drohungen
D. sagt, er sei danach bedroht worden, um zu verhindern, dass er Informationen über die mutmaßlichen Rauschgiftgeschäfte von Y. preisgebe. Gleichwohl sagt D. auf die Frage seines Verteidigers, ob er Mitglied bei den „Daltons“ sei, dass er keine Kontakte zu ihnen habe. „Ich habe null Verbindung zu den ‚Daltons‘“, sagt er.
Der Angeklagte erzählt auch von seiner familiären Situation: Sein Vater sei inhaftiert worden, als er sieben Jahre alt war. D. habe zeitweise bei seiner Großmutter gelebt. Zwar habe D. ein Praktikum als Schuhverkäufer absolviert und anschließend in der „Autoaufbereitung“ gearbeitet. Doch weil er türkischer Staatsbürger ist, habe er keine Arbeitsgenehmigung bekommen.
Mehrfach hakt der Richter nach, er könne den Ausführungen von D. nicht ganz folgen. Dieser spricht phasenweise wie ein Wasserfall, springt mit den Daten hin und her, oft benutzt er das Wort „yani“, „also“, das in der türkischen und arabischen Sprache verwendet wird. Auch bei den Personen wird es unübersichtlich. Mal spricht er von einem „Fero“, mal von einem „Aras“, der zu einer türkischen Gruppierung gehöre, mal von einem „Özcan“, der ebenfalls ein Fahrer für Y. gewesen sein soll. „So viele Informationen kann ich nicht verarbeiten“, sagt der Richter.
„Ich habe alles verloren“
Mit mehrstündiger Verspätung betritt schließlich Y. als Zeuge den Saal. Seine Ehefrau könne heute nicht aussagen, sie müsse ihr kleines Kind betreuen, erklärt er. Dann erzählt er, dass die Daltons Geld von ihm wollten, und ihm mehrfach gedroht hätten: „Wenn ich nicht zahle, schießen sie auf mich.“ Er solle aufpassen, „die Jungs“ von den Daltons seien unterwegs: „Die sind gefährlich.“
Über das Verhältnis zum Angeklagten, der rechts von ihm sitzt, sagt Y. knapp: „Man kennt sich halt.“ D. habe gefordert: „Wir wollen als Daltons zweihunderttausend Euro haben!“ Y. sagt, er sei von den Daltons bis in die Türkei verfolgt worden. Wegen der Drohungen habe er sich drei Monate lang versteckt; Familienmitglieder würden sie nicht besuchen können: „Wir sind kaputt. Ich habe meine Firma verloren. Ich habe alles verloren.“
Am Mittwoch geht der Prozess weiter. Der Geschädigte ist abermals geladen.
