Noch hat sich niemand gemeldet. Weder Disney noch Dreamworks oder Toei Animation aus Japan. Was eigentlich kein Wunder ist, nicht einmal das Internet kennt so richtig ihren Namen. Von ihrem vornehmlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Werk zu schweigen. Doch angesichts der doppeldeutig „Hedwig Kruse. Eine Druckkünstlerin lebt ihren Traum“ überschriebenen Ausstellung könnte sich das jetzt durchaus ändern. Zum ersten Mal zeigt das Hessische Landesmuseum den Nachlass der Künstlerin Hedwig Kruse (1895 bis 1991), der als Schenkung des Sohnes Stephan Heise (1928 bis 2017) in die Graphische Sammlung gelangt ist, nachdem die Künstlerin hochbetagt in Darmstadt gestorben ist.
Die märchen- und im Wortsinne sagenhaften Stoffe, die Kruse zu ihrem ausschließlich auf Papier entstandenen Schaffen inspirierten, sind zwar nicht im Hinblick auf eine filmische Adaption entwickelt worden. Ob der „Parzival“, dem sie unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg eine dreiteilige Folge von kolorierten Linolschnitten widmete, oder die späten, von Ende der Vierzigerjahre an entstandenen und wohl nie gezeigten Collagen, mit denen sie „Das singende, springende Löweneckerchen“ der Brüder Grimm illustrierte, Kruses Themen schreien zwar nicht gerade nach bewegten Bildern. Für die zahlreichen Einzelblätter oder allegorischen, etwa auf die Jahreszeiten Bezug nehmenden Arbeiten hat Kruse sich auch offenkundig nicht um einen bildlichen Ablauf geschert.
Doch wenn nun das Landesmuseum mit „Das Zettelevoiche“ nach Richard Dehmels gleichnamigem Märchen eine zehn Minuten kurze, von Stephan Pohl besorgte Animation von Kruses sechsteiliger, 1918 entstandener Holzschnittserie vorlegt, dann ist das doch zum Staunen. Vielleicht ist es auch Kruses Lebensweg geschuldet, dass so etwas nicht zu ihren Lebzeiten verwirklicht worden ist. Nach einer Lithografenlehre führte dieser Weg die Tochter des Frankfurter Malers Hermann Kruse zunächst zum Studium nach München und in eine nicht wirklich glückliche Ehe mit dem Maler Wilhelm Heise, mit ihrem zweiten Mann Hermann Geibel kam sie zurück nach Hessen, wo sie sich, mit Berufsverbot belegt, in die innere Emigration begab und in der Darmstädter Brandnacht vom 11. auf den 12. September 1944 ihr Atelier verlor. Vor allem aber kümmerte sie auch der Kunstmarkt allenfalls bedingt.

Sie stellte zwar immer wieder einzelne Blätter aus. Und sie hat, wie die Sammlungsleiterin und Kuratorin der Ausstellung, Mechthild Haas, weiß, von den frühen, noch sichtlich vom Jugendstil beeinflussten Linolschnitten wie „Der Sonnenaufgang“, den 1924 entstandenen Illustrationen zu dem mittelalterlichen „Chantefable“ „Aucassin und Nicolette“ oder dem „Parzival“ mitunter auch gut verkauft. Ein professionell verlegtes Mappenwerk aber oder ein Buchprojekt – von einem Film ganz zu schweigen – wurde aber nie daraus. Mehr noch, nach einer geplanten und schließlich aus unbekannten Gründen abgesagten Ausstellung in Mannheim Mitte der Siebzigerjahre ist sie vom Kunstmarkt gleichsam über Nacht verschwunden. Und hat nie mehr ausgestellt.
Seither war ihr Werk vollständig vergessen. Bis unlängst im Kunstmuseum Moritzburg in Halle das eine oder andere Blatt zu sehen war und nun die aus dem umfangreichen, ihr gesamtes Schaffen umfassenden Nachlass entwickelte Schau in der Karl-Freund-Galerie des Landesmuseums eindrucksvoll zeigen kann, dass vor allem ihre feinen, zunächst von Hand kolorierten und bald von mehreren Stöcken gedruckten Holzschnitte eine Wiederentdeckung unbedingt lohnen. Mehr noch, trotz der Konzentration auf hier märchenhafte, dort biblische oder mittelalterliche Themen, so lässt sich in Anbetracht der rund 70 vorwiegend druckgrafischen Blätter schwerlich übersehen, kann man durchaus von einem Werk und also einer konzentrierten, über Jahrzehnte verfolgten Entwicklung sprechen.

Das gilt nicht nur für die unterschiedlichen Techniken, die sich Kruse von den frühen Linolschnitten über den Holzschnitt und die Seidenstickerei bis zur Collage nach und nach erschloss. Von den expressiven Arbeiten über die allegorischen Darstellungen der Zwanzigerjahre und den sichtlich vom Japonismus beeinflussten Szenen bis zu den späten, nach Fotografien entstandenen Holzschnitten des „Gezeichneten Lebens“ kann es wenig Zweifel geben: All die Sagen, Mythen, Fabeln, die Liebesgeschichten, wie sie „Das Zettelevoiche“ oder das Grimm’sche, 1982 als „Der Prinz hinter den sieben Meeren“ verfilmte „Löweneckerchen“ vorstellen, sie mögen einer Welt entstammen, wie sie sich Kruse im Innersten ersehnte.
Gehen sie doch, anders als wohl in ihrem langen eigenen Leben, beinahe immer glücklich aus. Weltfremd aber war wenigstens die Kunst von Hedwig Kruse keineswegs. Ein wenig versponnen, ein wenig verträumt, mag sein. Und stets geprägt von inniger, weniger sexuell als spirituell zu nennender Harmonie zwischen Mann und Frau. Stilistisch freilich durchaus auf der Höhe der Zeit. Und, wer weiß, womöglich werden die in gleich mehrfacher Hinsicht phantastischen Geschichten dieser Künstlerin in animierter Form tatsächlich einmal populär. Schließlich ist ja alles da, was es für einen gezeichneten Film braucht. Die Rechte liegen mit dem Nachlass ohnehin schon beim Museum. Fehlt eigentlich nur noch ein großes Studio. Hollywood, übernehmen Sie.
Hedwig Kruse, „Eine Druckkünstlerin lebt ihren Traum“. Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Friedensplatz 1. Bis 27. September dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr geöffnet.
