Wer traut sich das noch? Zu sagen, was er denkt – in der Formel 1? Wenn es eines Beweises bedurfte, diese Plattitüde zu widerlegen, dann musste man nur Flavio Briatore zuhören. Einverstanden, er repräsentiert nicht gerade die Zukunft seines Sports mit 76 Jahren. Aber eines hat sich der Italiener seit seinem ersten Auftritt in der Königsklasse 1989 als Chef des Rennstalls Benetton bewahrt: Theatralik.
Am Freitag führte der Teamchef von Alpine in Monza sein jüngstes Schauspiel vor. Saß in der Pressekonferenz mit Kollegen und beklagte sich bitterlich über einen Richterspruch: „Unfair.“ Weil das Internationale Berufungsgericht (ICA) des Internationalen Automobil-Verbandes (FIA) seinem Piloten Pierre Gasly den dritten Rang beim Großen Preis von Monaco Anfang Juni genommen hatte. Der Franzose fiel auf Position sieben zurück. Er und Alpine verloren wertvolle Punkte, McLarens Oscar Piastri stieg wieder auf, bekommt den Pokal. Eine Majestätsbeleidigung?
„Gehässiger Staatsanwalt“
Nicht wirklich. In einem komplexen Prozess kam die zweite Instanz zu dem – verkürzt formuliert – Ergebnis, ein Fahrer müsse genauso bestraft werden für eine (marginal) zu hohe Geschwindigkeit in der Boxengasse wie alle anderen Temposünder. Herleitung und Erklärung aber spielten während Briatores Vortrag keine Rolle. Der sich um den Erfolg geprellt Fühlende entpuppte sich als scharfer Ankläger: Einer der Richter sei im Verfahren als „gehässiger Staatsanwalt“ aufgetreten: „Später haben wir herausgefunden, warum er so gehässig war: Er steht in enger Verbindung zu McLaren.“
Alarm in der Formel 1. Die FIA reagierte auf den Vorwurf der Befangenheit mit einem Statement, schließlich die ICA selbst. Kern der Botschaft: eine Art Unabhängigkeitserklärung.
Man kann darüber diskutieren, wie geeignet ein Richter ist, der 2018 als Redner bei einer Veranstaltung der McLaren-Gruppe auftrat, wie Briatore mit Hinweis auf einen Bildbeleg behauptete. Wenigstens unglücklich erscheint auch die Schenkung von zwei McLaren über transparente Umwege an eine Stiftung zum Zwecke der Versteigerung. Der übel attackierte Sportrichter, ein amerikanischer Anwalt, steht der Stiftung vor. Allein der Anschein eines Interessenkonfliktes müsste vermieden werden.
Insofern hat Briatore einen wunden Punkt getroffen. Nur fragt sich das halbe Fahrerlager, welcher Geisteswandel dahintersteckt. Flavio als Beschützer der Entrechteten?
Bekannt wurde er als Meister der knallharten Verteidigung. 1994 zum Beispiel scheiterte gar Max Mosley, der blitzgescheite Jurist an der Spitze der FIA, mit seiner auf Indizien gestützten Vorstellung, den Rennstall Benetton des Betrugs überführen zu können. 2009 verurteilte die FIA Briatore als Teamchef von Renault wegen der Manipulation des Großen Preises von Singapur 2008 zu einer lebenslangen Sperre als Funktionär.
Ein französisches Zivilgericht hob die Strafe wegen Formfehlern auf. Man einigte sich außergerichtlich. Briatore durfte erst 2013 wieder Ämter übernehmen. Bis heute weist er jegliche direkte Beteiligung an dem absichtlich herbeigeführten Unfall durch Nelson Piquet junior, der seinem Teamkollegen Fernando Alonso den Weg zum Sieg frei machte, zurück.
Dass er trotz „Crashgate“ zurückkehren durfte in herausgehobener Position, beschert der Formel 1 zwar wieder ein schönes Theater. Aber nicht das, was Briatore für sich in Anspruch nimmt auch mit Blick auf den Betrugsversuch von Singapur. Er trage nur eines, sagt er zu diesem Skandal, das aber gerne: „die moralische Verantwortung“.
