Herr Eclercy, Herr Roller, das Städel Museum zeigt die große Ausstellung „Maria Magdalena. Sin. Pray. Love“. Was war der Auslöser, sich mit der Figur Maria Magdalena zu beschäftigen?
Bastian Eclercy: Uns hat diese Figur in ihrem Facettenreichtum, ihrer Vielschichtigkeit schon lange fasziniert. In der Kunstgeschichte begegnet man Maria Magdalena ja auf Schritt und Tritt – kaum ein großer Maler oder Bildhauer, der sich nicht mit ihr beschäftigt hätte. Es hat uns gereizt, diese großartigen Werke einmal im Zusammenhang zu betrachten, über chronologische und geographische Grenzen hinweg. Zudem bieten die Sammlungen des Städel Museums und des Liebieghauses dafür wichtige Ausgangspunkte mit Hauptwerken etwa von Claude Lorrain oder Pierre Puvis de Chavannes, von Hans Multscher oder Christian Jorhan d. Ä.
Was wollen Sie beide mit dieser Ausstellung zeigen?
Stefan Roller: Das Faszinierende an Maria Magdalena ist ja, dass sie bis heute nichts an Interesse eingebüßt hat. Zwar hat sich ihre Person verändert, ihre Funktionalisierung, ihr Publikum, das künstlerische Bild von ihr. Aber offenkundig regt sie auch noch nach Jahrhunderten zur künstlerischen Auseinandersetzung an, ob in Theater, Film, Literatur, Musik – oder eben, wie wir hier nachvollziehbar machen: in der bildenden Kunst. Wir bieten die Gelegenheit, diese Konstante über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren verfolgen zu können und zugleich ihren Veränderungen, Brüchen, Verfälschungen, Interpretationen und Missdeutungen nachzuspüren, die diese bedeutende Frau seit jeher ausmachen.
Maria Magdalena ist ja eine Art Konstrukt. Gibt es einen Zeitpunkt, den man festmachen kann, an dem diese Konstruktion der wirkmächtigen reuigen Sünderin eingesetzt hat?
Eclercy: Schon um 600 hatte Papst Gregor der Große Magdalena mit der im Lukasevangelium namenlosen Sünderin, die Jesus die Füße salbt, gleichgesetzt. Diese Position ist in der Theologie zwar nicht unwidersprochen geblieben, wurde aber rasch zur vorherrschenden Lehrmeinung. So befremdlich uns das erscheinen mag, wuchs der von Gregor konstruierten Heiligen auch eine neue, und zwar positive Bedeutung zu. Denn die Sünderin Magdalena ist untrennbar mit der Büßerin verbunden, die Reue zeigt und ihr Leben fortan auf Christus ausrichtet, weshalb ihr – quasi als Belohnung – alle Sünden vergeben werden. So wurde die „erweiterte“ Magdalena zu einer Art „role model“, einer Identifikationsfigur für den sündigen Menschen, der bereit ist, sein Leben zu ändern.
Wie wird die Ausstellung gegliedert?
Roller: Zehn Sektionen werden sich mit unterschiedlichen Aspekten der Maria Magdalena beschäftigen. Wir beginnen in der Gegenwart. Was bedeutet Maria Magdalena für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, welches Bild haben wir heute von ihr? Dann springen wir in die Geschichte und fragen nach ihrer Rolle in der Bibel und ihrer Bedeutung für das frühe Christentum, beobachten ihre Veränderungen durch Theologie und Legenden im Mittelalter. Wir umreißen ihre kirchliche Funktionalisierung im Zuge der Gegenreformation, um dann schließlich den Blick auf den künstlerischen Umgang mit der Heiligen im 19. Jahrhundert nach Aufklärung und Französischer Revolution bis ins frühe 20. Jahrhundert zu richten.

Welche Veränderungen im Bild der Maria Magdalena finden Sie besonders bemerkenswert, und gibt es dafür ein herausragendes Bildbeispiel?
Eclercy: Besonders wichtig scheint uns, dass Magdalena vom 16. Jahrhundert an auch als Einzelfigur bildwürdig wird. Vorher begegnet sie vor allem in erzählenden Bildern der Passion und Auferstehung als eine von mehreren Protagonisten oder im Zusammenhang mit anderen Heiligen oder im Kontext von ihr selbst gewidmeten Altarwerken. In unserer Ausstellung steht das herausragende Gemälde von Giovanni Girolamo Savoldo um 1535 aus der National Gallery London für diese Entwicklung: eines der einfallsreichsten und mit Recht berühmtesten Magdalenenbilder überhaupt. Über die Schulter mustert sie uns mit versonnenem Blick. Keine Magdalena zuvor hat sich je so radikal an den Betrachter gewandt.
Die Ausstellung überspannt einen sehr großen Zeitraum, das jüngste Werk stammt von 2025. Worin liegt der kuratorische Reiz einer solchen Übersicht – und was ist die Schwierigkeit?
Roller: Bei Ausstellungen dieser Art lernen auch wir einiges dazu. Herr Eclercy und ich sind Experten für die Kunst der alten Meister. Es zahlt sich aus, in einem Haus wie dem Städel mit einem großen Kreis von Kollegen zusammenarbeiten zu können, die entsprechende Fachkenntnisse besitzen. In diesem Fall war es Svenja Grosser, Kuratorin für Gegenwartskunst, die uns mit Rat und Tat zur Seite stand und uns maßgeblich bei der Auswahl der Objekte, aber auch inhaltlich als Autorin unterstützte.
Es wird sehr viele Werke von Frauen in der Ausstellung zu sehen geben. War das, für die historischen Werke, schwer, diese zu finden?
Eclercy: In unserem Kapitel zur Gegenwartskunst sind Frauen naturgemäß zahlreicher, ja, heute beschäftigen sich sogar in erster Linie Künstlerinnen mit dem Thema Maria Magdalena. In der älteren Kunst haben aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen deutlich weniger Frauen überhaupt den Beruf der Malerin oder Bildhauerin ausüben können, aber wir sind doch gerade bei den besonders qualitätvollen Künstlerinnen rasch fündig geworden. So können wir Meisterwerke von Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani oder Luisa Roldán zeigen, die sicher zu den Höhepunkten der Schau gehören.
Die Ausstellung ist eine Kooperation des Skulpturenmuseums Liebieghaus und des Städel Museums. Welchen Anteil haben die dreidimensionalen Werke?
Roller: Etwa ein Drittel der Exponate sind Einzelfiguren, Reliefs oder Figurengruppen. Das entspricht auch ungefähr der Relation erhaltener plastischer Werke zu gemalten Darstellungen der Magdalena.
